Design Miami/Basel 2010 - Designmesse

Bienenalarm, Porzellanschnecken und Leuchten

In Basel beginnt das Messetreiben – neben der Art Basel hat jetzt auch wieder die Messe Design Miami/Basel eröffnet. art präsentiert die diesjährigen Höhepunkte.

"Wenn die Kiste nicht hält, haben wir alle ein Problem", witzelten die Inhaber der Nachbarstände der Carpenters Workshop Gallery. Was sie beunruhigte sah eigentlich aus wie ein harmloser Glaskubus, der an einem Fleischerhaken baumelte – bis der Designer, der rücklings darunter lag, einen riesigen Schwarm Bienen in den Kasten entließ.

"Ich habe sie vorher in der Natur Pollen sammeln lassen", erklärt der Bienendompteur und Künstler Tomás Gabzdil Libertiny. "Jetzt produzieren sie Wachswaben und Honig und überziehen damit die ganze Skulptur". Die Besorgnis der Nachbarn war jedenfalls ohne Grund. Bis zum Nachmittag entwich keine einzige Biene dem Aquarium. Ebenso honigsüß, aber so, dass es einem in den Zähnen zog, waren beispielsweise die Entwürfe auf dem Stand von Madame Pearl Lam. Chinas Design-Galeristin Nr. 1 mit violett toupiertem Schopf kehrte nach einem Jahr Pause auf die Messe zurück – und zeigte aus Holz geschnitzte Möbel mitsamt Chanel-Logo und eingebauten Gucci- und Louis-Vuitton-Labelprints von Landsmann Danful Yang.

Exot unter den vielen Mid-Century modernen, postmodernen und zeitgenössischen Entwürfen waren die beiden äußerst seltenen Gemälde an der Stellage der Pariser Galerie Perrin: zwei aus Muscheln geklebte Hunde von 1760, Künstler anonym. Ein ähnliches Paar war Teil der Sammlung von Yves Saint Laurent, so viel ist bekannt. Der Preis für die Rocaille-Arbeiten: 450 000 Euro.

Sitzen kann man zwar in Nacho Carbonells pieksiger Eisendraht-Skulptur, aber kaum länger als ein paar Minuten. Denn der Sessel sträubt sich wie ein Stachelschwein mit jedem seiner Eisendrahtborsten gegen die Abstempelung zum Designobjekt. "Wir haben das Ungetüm gerade hier hergerollt, so der rothaarige Künstler des Werks, Nacho Carbonell. "Es ist brandneu, die Drähte sind quasi noch warm." Auch bei der Perry Rubenstein Gallery, zum ersten Mal an der Designfront zu Gast, ist Kunst zu sehen: Der Brite Richard Woods zeigt Holzkuben, bemalt und bedruckt mit rankenden Chrysanthemenmustern und Blattwerk (ab 15 000 Euro). Bekannt ist der Künstler bisher für seine Böden aus mit bonbonfarbenen Holzmaserungen bemalten Paneelen und für seine vertäfelten Fassaden, unter anderem im New Yorker Lever House.

Interaktive Entwürfe mit Überraschungsmomenten

Droog präsentierte auf seiner Debüt-Schau einen Sessel von dem bekannten Grafikdesigner Stefan Sagmeister aus unterschiedlich bedruckten Papierfolien. Soll ein neues Design die Sesseloberfläche zieren, blättert man einfach zum gewünschten Print weiter. Auch ein Hingucker: ein Sideboard aus 28000 elfenbeinfarbenen Legosteinen – voll funktionsfähig zusammengesteckt von Mario Minale.

Mehr Kunst als Design brachte auch die Galeristin Gabrielle Ammann mit. Rolf Sachs kreierte einen Vitrinen-Esstisch, in dem er Hunderte winziger Figürchen zum Bestaunen einschloss. Neben einem integrierten Uhrwerk bewegten sich – im Sekundentakt – nur ein zwei mal zwei Zentimeter großes, kopulierendes Pärchen. Die Kölnerin lud außerdem den Hamburger Künstler und zweimaligen Documenta-Teilnehmer Florian Borkenhagen ein, den begehbare Turm "Miami Babel" zu errichten, den der Künstler in seinem Atelier im Hamburger Freihafen aus Fundhölzern gezimmert hat. Sein Meisterwerk am Stand: der Tisch "Asamoa" aus massiven Mahagoni, geformt wie die Wasserlinie eines Rennsegelyacht – stromlinienförmig wie ein Entwurf von Zaha Hadid, aber eben aus der Funktion heraus geboren.
Elegant und handwerklich herausragend sind die neuen Leuchten "Liane", die Ronan und Erwan Bourroullec vorstellten: "Die Leder ummantelten Kabel und Leuchten reisen durch den Raum" so Erwan Bourroullec. Die Kreationen der Brüder waren bei ihrer ersten Präsentation in der Pariser Galerie Kreo so beliebt, dass Kaufwillige am nächsten Morgen vor Beginn der Öffnungszeiten auf den Stufen der Galerie warteten, um eine der Lianenleuchten zu ergattern. Erster Großkunde: das Pariser Nobelkaufhaus Galeries Lafayette.

Die von W-Hotels gesponserte Ausstellung "Designers of the Future Award 2010" ging an Beta Tank, Graham Hudson, Zigelbaum & Coelho und Random Andom International. Die jungen Designer, alle drei Royal-Collage-Absolventen, verblüfften mit Hightech-Innovationen: Eine glitzernde würfelförmige Leuchte namens "Swarm Light", bei der Tausende von Leuchtdioden bei Klatschen, Niesen oder lautem Lachen wie ein Schwarm erschreckter Fische auseinanderstieben.

Die vielen interaktiven Entwürfe mit Überraschungsmomenten, darunter auch eine Wand von Piero Gilardi, auf der sich beim Vorbeigehen Schaumstoffblüten durch Körperwärme öffnen (Galeria Rossella Colombari, Mailand), waren die Stärken der diesjährigen Messe. Ebenso die kunstvollen, handgefertigten Kreationen wie etwa Hella Jongerius "Snail Table", auf den eine Porzellanschnecke kriecht – eben Kreationen, die eher als Skulpturen, denn als Möbel taugen.

Für Design Miami/Basel-Gründerin Ambra Medda selbst war es die letzte und bisher größte Schau. Welche neuen Projekte sie plant verrät sie im September.

"Design Miami/Basel"

Termin: bis 19. Juni, Messe Basel
http://www.designmiami.com/