Stefan Sagmeister - Deitch Gallery

Ich arbeite nur mit Kunden, die intelligenter sind als ich

Der österreichische Grafikdesigner Stefan Sagmeister, 46, lebt und arbeitet seit 15 Jahren in New York. Zu seinen Kunden zählen das Guggenheim Museum, Time Warner und Stars wie Lou Reed oder die Rolling Stones – und für das Design einer Albumbox der Talking Heads gewann er 2005 sogar einen Grammy. Die Galerie Deitch präsentierte seine experimentellen Projekte und Lebensweisheiten in der Ausstellung "Things I Have Learned In My Life So Far": Sagmeister sprengte dort die Grenzen der Typografie – und inszenierte seine Lebensweisheiten mit Bananen, Zwiebelringen oder Buchseiten. art sprach mit Sagmeister über konservative Deutsche, die Selbstzensur im Kopf – und warum Ehrlichkeit das Leben vereinfacht.
Sagmeisters Gebote:Das Interview mit dem österreichischen Stardesigner

Blick in die Ausstellung der New Yorker Deitch-Gallery: Stefan Sagmeister, "Things I Have Learned In My Life So Far"

art: Wie kamen Sie dazu, aus Lebenserfahrungen Kunst zu machen?

Stefan Sagmeister: Seit acht Jahren führe ich eine Liste mit Lebensweisheiten in meinem Tagebuch. Als sie immer länger wurde, habe ich beschlossen, daraus ein Projekt zu entwickeln.

Was ist Ihr wichtigstes Motto?

Tagebuch zu führen fördert die persönliche Entwicklung. Und: Sich Sorgen zu machen löst Probleme nicht. Beides habe ich verinnerlicht. Ich liege nachts niemals wach im Bett und mache mir Sorgen. Andere Erkenntnisse hatte ich dort zwar – aber die Realität muss mich jedes Mal auf ein Neues überzeugen.

Eine Ihrer Lektionen lautet, dass Geld nicht glücklich macht.

Weil ich mehr als 50 000 Dollar im Jahr verdiene, bin ich in einer Situation, in der ich das sagen kann. Der Harvard-Psychologe Danny Gilbert hat bei einer Studie herausgefunden, dass Menschen, die weniger verdienen, durchschnittlich unglücklicher sind. Wenn man über 50 000 Dollar liegt, beeinflusst Geld das Glück kaum noch. Aber keine meiner Lebensweisheiten ist allgemeingültig.

Lernen Sie mehr aus schlechten oder aus guten Erfahrungen?

Aus schlechten lerne ich automatisch. Aus den guten leider nur, wenn ich über sie nachdenke.

Sie sagen, dass Mut sich immer auszahlt. Was trauen Sie sich denn so?

Vor zwanzig Jahren habe ich eine wunderschöne alte Dame mit roten Rosen am Hut in der Wiener U-Bahn gesehen. Während ich noch überlegte, wie ich ihr ein Kompliment machen könnte, stieg sie aus. Also bin ich ihr hinterher gesprungen. Sie hat sich so gefreut, dass ich mir damals vornahm, immer so zu handeln. Doch leider schaltet sich meine Selbstzensur im Kopf immer wieder an.

Sie arbeiten seit 15 Jahren im gleichen Büro, beschäftigen zwei Mitarbeiter und einen Praktikanten. Warum sträuben Sie sich bei all dem Erfolg dagegen zu wachsen?

Als kleine Firma bleiben wir effizient. Große Gruppen produzieren Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse. Niemand fühlt sich mehr verantwortlich. Wir sind finanziell unabhängig und können Entscheidungen nach Qualität fällen, weil unsere laufenden Kosten gering sind.

Wie wichtig ist der Standort New York für die kreative Arbeit?

Unter allen Städten, die ich auf der Welt gesehen habe, ist mir New York die liebste. Es gibt hier tausend Leute, die interessante Dinge tun. Die grundsätzliche amerikanische Freundlichkeit macht es einfach, sie zu treffen und von ihnen zu lernen. Zur Ausstellung in der Deitch Galerie habe ich vierzig der bekanntesten New Yorker Designer eingeladen, an die Scheiben zu schreiben. Alle sagten zu. Sogar Milton Glaser, der das "I love New York"-Logo gestaltet hat. In Europa würden wir uns als Konkurrenten ansehen, hier sind wir eine Gruppe. Wir bewerben uns zwar manchmal für die gleichen Ausschreibungen, aber es gibt genügend Arbeit für alle.

"Ich kenne kein anderes Land, in dem die Studenten besser sind, als die Berufstätigen"

Lernt man als Europäer von der Tatkraft der Amerikaner?

Die wichtigste Herausforderung im Design ist, Projekte so fertigzustellen, wie man sie auch geplant hat. Weil sie so konservativ sind, hindern die Kunden in Deutschland die Grafiker jedoch daran. Ich kenne kein anderes Land, in dem die Studenten viel besser sind, als die Berufstätigen. Die deutschen Grafiker klagen darüber, dass sie ihre Projekte nicht wiedererkennen, nachdem sie realisiert wurden. Sie ziehen nach New York, um dem Frust zu entfliehen.

Für wen arbeiten Sie zur Zeit?

Momentan arbeiten wir für die Columbia und die Harvard-Universität, entwerfen die Grafik für ein Museum in Kentucky und für ein Musikhaus von Rem Koolhaas in Portugal. Außerdem visualisieren wir ein Regenwaldprojekt in Panama und die Inhalte von "One Voice", eine Organisation, die zur Konfliktlösung zwischen Israel und Palästina beitragen will.

Und warum machen Sie gar keine Werbung mehr?

Bevor ich mein eigenes Studio in New York eröffnete, stellte mich Leo Burnetts Werbeagenturgruppe für zwei Jahre in Hongkong an. Dort habe ich gelernt, dass ich keine Inhalte umsetzen will, mit denen ich persönlich nichts anfangen kann.

Wie suchen Sie sich Ihre Aufträge aus?

Ich lerne von den Schlauen, über Dumme ärgere ich mich. Deshalb arbeite ich nur mit Kunden, die intelligenter sind als ich.

Eine Ihrer Weisheiten lautet, dass alles, was Sie tun, auch auf Sie zurückfällt. Unehrlich zu sein, rächt sich. Wie schaffen Sie es, ehrlich zu bleiben?

Alle Lebensweisheiten sind Maxime. Ehrlichkeit fällt mir leicht, weil sie das Leben vereinfacht. Lügen verursachen viel Arbeit, und ich kann sie nicht aufrechterhalten, weil ich so vergesslich bin. Sobald jemand die Wahrheit sagt, erfährt man etwas über ihn. Jeder Mensch ist interessant, wenn er ehrlich ist – das habe ich gerade an die Wand einer Bibliothek in der Bronx geschrieben.

Wie treffen Sie die Auswahl der Dinge, die Sie für Ihre Botschaften benutzen?

Die Formen haben etwas mit den Inhalten zu tun, aber übersetzen diese nicht direkt. "Selfconfidence produces fine results", "Selbstbewusstsein erzielt gute Ergebnisse", haben wir mit Bananen geschrieben, weil die Deitch-Galerie über Jean-Michel Basquiat mit Andy Warhol verbunden ist und ich mit ihm, weil wir beide Cover für die Rolling Stones gestaltet haben. Außerdem assoziieren Bananen Potenz.

"Die Generation, die jetzt keine CDs mehr kauft, wird später keine Kunstbücher mehr erwerben"

Ihr Büro ist berühmt für Handgemachtes. Warum ist es für Sie so wichtig, mit den Händen zu arbeiten?

Ende achziger Anfang der neunziger Jahre sah die Grafik so kalt aus, als hätte sie eine Maschine geschliffen. Das Publikum erkannte nicht mehr, dass menschliche Entscheidungen dahinter standen. Darauf haben wir mit handgemachter Grafik reagiert.

Damals zeigten Sie sich nackt mit eingeritzter Haut auf einem Poster. Warum überschreiten Sie gern Grenzen?

Zu dieser Zeit ging es im Design um den Prozess. Indem ich mir den Text in die Haut ritzte, war die Entstehung des Posters nachvollziehbar, jede Pore war sichtbar. Man sah, dass die Narben echt waren und nicht mit dem Computer erzeugt. Sie sind nach drei Monaten verschwunden – aber in der Sonne am Strand, als weiße Umrisse, noch einmal aufgetaucht.

Wie verändert sich das Grafikdesign?

Das Ende des Druckwesens steht bevor: In zehn Jahren werden wir keine Bücher mehr gestalten. Die Generation, die jetzt keine CDs mehr kauft, wird auch später keine Kunstbücher mehr erwerben.

Graut es Ihnen vor dieser Zeit?

Ich glaube, dass die Zukunft besser ist als die Vergangenheit und bin überzeugt, dass die Menschheit lernfähig ist. Ich bin unsportlich geboren, aber habe es geschafft, den Marathon mitzulaufen. Ich lebe gerne heute, aber hätte auch nichts dagegen in zehn Jahren geboren zu werden.

Sie scheinen das Leben zu genießen. Hat Sie heute schon etwas glücklich gemacht?

Auf dem Weg von der Galerie in mein Büro belauschte ich zwei Männer durch das offene Taxifenster. Sie stritten sich auf der Straße. "Du hast fünf Münder, aber nur ein Ohr", beschimpfte der eine den anderen. Das hat ihn nicht glücklich gemacht – mich aber schon.

Die 20 Gebote von Stefan Sagmeister

1. Helping other people helps me.

2. Having guts always works out for me.

3. Thinking that life will be better in the future is stupid. I have to live now.

4. Organising a charity group is surprisingly easy.

5. Being not truthful always works against me.

6. Everything I do always comes back to me.

7. Assuming is stifling.

8. Drugs feel great in the beginning and become a drag later on.

9. Over time I get used to everything and start taking for granted.

10. Money does not make me happy.

11. My dreams have no meaning.

12. Keeping a diary supports personal development.

13. Trying to look good limits my life.

14. Material luxuries are best enjoyed in small doses.

15. Worrying solves nothing.

16. Complaining is silly. Either act or forget.

17. Everybody thinks they are right.

18. If I want to explore a new direction professionally, it is helpful to try it out for myself first.

19. Low expectations are a good strategy.

20. Everybody who is honest is interesting.