Designpreis - Mirko Borsche

Das ästhetische Empfinden wird nicht genug geschult

Im Rahmen der Eröffnung der Frankfurter Konsumgütermesse "Ambiente" verlieh heute Michael Glos, Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland. Über 1000 Produkte aus den Bereichen Industrie-, Produkt-, Ausstellungs- und Kommunikationsdesign waren nominiert und 25 haben nun den Designpreis in den Kategorien Gold und Silber erhalten. Außerdem wurde der Unternehmer Manfred Lamy für sein Lebenswerk geehrt. art sprach mit Jury-Mitglied Mirko Borsche über gutes Design, das deutsche Designbewusstsein — und den Sinn solcher Preise
Was ist gutes Design?:Jury-Mitglied Mirko Borsche im Interview

"Die Deutschen brauchen ja immer jemanden, der ihnen sagt, was gut ist", meint Mirko Borsche. Gut fand die Jury die Museumsarchitektur des Mercedes-Benz-Museums Stuttgart, gestaltet von HG Merz Architekten/Museumsgestalter

art: Herr Borsche, was macht gutes Design aus?

Mirko Borsche: Gutes Design funktioniert.

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Das ist alles?

Gutes Design muss reduziert sein. Konzeptionell richtig. Es darf den Kostenrahmen nicht sprengen. Und dann muss es noch funktionieren.

Unter den Goldgewinnern des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland sind kuriose Arbeiten: Eine Knieorthese, ein Abfallbehälter, ein Waschbecken. Sind das Objekte, die von Designern bisher vernachlässigt wurden?

Nein, auch in den Jahren zuvor haben schon Rollstühle und Prothesen gewonnen. Und diese Knieorthese von Ora-Ito ist der Wahnsinn.

Warum?

Sie sieht ästhetisch richtig gut aus, und dazu hat sie noch eine Oberfläche, die das Gewebe schneller und besser heilen lässt.

Der Designpreis wird vom Ministerium für Wirtschaft und Technologie verliehen – warum braucht Deutschland einen staatlichen Designpreis?

Da könnte man sich auch fragen: Braucht man überhaupt Designpreise? Ich finde es gut, dass Deutschland einen Designpreis hat, weil wir seit Jahren im Ausland eher für schlechtes Design bekannt sind. Im Gegensatz zu den Niederlanden oder der Schweiz gibt es hier kein richtiges Designbewusstsein. Das haben wir irgendwann verloren. Deshalb finde ich es gut, dass es sich die Bunderregierung zur Aufgabe gemacht hat, gutes Design auszuzeichnen.

Woran liegt es, dass Deutschland dieses Designbewusstsein verloren hat?

Vielleicht kam dies durch den Krieg. Natürlich gibt es mittlerweile richtig tolle Designer in Deutschland. Aber in der Wahrnehmung des Auslands hat dies sehr lange gedauert. Heute ist es auch wieder so, dass deutsche Designer gefragt sind. Aber noch immer: Wenn man sich zum Beispiel ein niederländisches und ein deutsches Steuerformular anschaut – da liegen Welten dazwischen. Das deutsche Formular sieht scheiße aus und funktioniert nicht, weil man gar nicht genau weiß, was man da tun soll. Ich glaube einfach, das ästhetische Empfinden wird nicht genug geschult. Man muss sich ja auch nur mal anschauen, wie die Polizei rumläuft.

"Deutsche brauchen immer jemanden, der ihnen sagt, was gut ist"

Aber Luigi Colani hat doch jetzt neue Polizeiuniformen entworfen.

Ja, klar. Aber wie lange hat das gedauert? Und noch immer laufen die meisten in Grün rum. Darüber hat sich viele lange Jahre überhaupt niemand Gedanken gemacht.

Sie haben selbst zahlreiche Designpreise gewonnen. Wie wichtig sind solche Preise denn – für die Karriere und das Ego eines Designers?

Ich weiß nicht, ob sie für das Ego wichtig sind, für die Karriere schon. Denn so werden manchmal Kunden auf die Designer aufmerksam. Es gibt natürlich Dinge, an denen kommt man sowieso nicht vorbei, weil sie eine gewisse Qualität haben. Da sieht dann jeder auch ohne Designpreis, dass es super ist. Aber manches sieht man nicht, weil es in einer kleinen Auflage erscheint oder bei einem kleinen Kunden. Es ist wichtig, den Kunden zu zeigen, was gutes Design ist. Und das machen dann leider nur solche Designpreise. Die Deutschen brauchen ja immer jemanden, der ihnen sagt, was gut ist. Designer können das für sich selbst entscheiden. Trotzdem ist es wichtig, dass die Kunden immer wieder vorgeführt bekommen, dass es eine Relevanz hat, dass Dinge auch schön aussehen.

Bei der letzten Verleihung des Designpreises gab es eine große Debatte, angeregt von der nominierten Designerin Juli Gudehus. Sie kritisierte den Wettbewerb, weil man kein Preisgeld bekommt, sondern dafür bezahlen muss. Was wurde aus diesen Vorwürfen?

Design ist das einzige Feld, das ich kenne, bei dem man für Preise bezahlen muss. Normalerweise bekommt man Geld. Und ich finde es auch merkwürdig, dass diese Awards so funktionieren. Deshalb mag ich den Lead Award, den Preis für Print- und Online-Medien, so gerne – man kann dort nichts einreichen und muss auch nichts bezahlen, nicht einmal für die Party. Ich würde mir wünschen, dass Büros, die für den Designpreis wichtig sind, auch kostenlos mitmachen könnten.

"Man muss nicht mehr nur im Ausland einkaufen"

Aber noch kann man außer der Ehre nichts gewinnen?

Ja – das ist natürlich schade. Und dabei sind für die Großen diese kleinen Büros extrem wichtig, denn durch sie bewegt sich etwas in der Industrie. Und je mehr schöne Produkte es gibt, desto weniger kommt die Industrie am Design vorbei. Ich habe ja jetzt selbst ein kleines Büro – und die großen Kunden für die ich arbeite, die die Teilnahmegebühr selbst zahlen, schicken ihre Arbeiten zu Awards. Aber die vielen kleinen, schönen Dinge, die wir machen, schicken wir auch nicht mehr zu solchen Wettbewerben. Die sterben in Ehre in unseren Schubladen.

Könnte es nicht auch Unstimmigkeiten produzieren, dass Sie in der Jury sitzen und selbst einen Preis für Ihr Buchprojekt "Zwei" erhalten haben?

Ja, nur war das wahrscheinlich niemandem in der Jury bewusst.

Außer Ihnen?

Man weiß ja vorher nicht, was auf die Shortlist kommt. Und als das Magazin dann nominiert wurde, habe ich sofort gesagt, dass ich damit zu tun habe. Dann muss man bei der Besprechung auch aus dem Raum gehen – und es wurde ohne mich entschieden. Aber bei dieser Sache habe ich kein schlechtes Gewissen, weil dieses Magazin so viele Preise gewonnen hat. Da kann ich meine Hände in Unschuld waschen.

Letzte Frage: Was ist die Zukunft des deutschen Designs?

Ich glaube, deutsches Design orientiert sich wieder mehr an seinen Wurzeln. Das ist gut. Und es bekommt vor allem ein klareres, eigenes Gesicht. Es hat sich in den letzten Jahren extrem viel getan. Man sieht viel mehr gute Sachen – und muss nicht mehr nur im Ausland einkaufen.

"Designpreis – Die Ausstellung"

Termin: bis 12. Februar, Ambiente, Messe Frankfurt. Danach als Wanderausstellung an mehreren nationalen und internationalen Standorten. Zur Verleihung erscheint ein Katalog.
http://www.designpreis.de/index.php?id=1056&L=0