Design Miami/Basel - Basel

Das Riesending

Eine Reise durch die Dekaden: Die parallel zur Art Basel stattfindende Messe Design Miami/Basel lockt auch in diesem Jahr mit ausgesuchten, sehr speziellen Vintage-Stücken von Gerrit Rietveld, Le Corbusier, Jean Prouvé oder Jean Maneval. Doch lassen sich hier auch junge Designer entdecken, deren Mut zum Experiment überrascht und deren Arbeiten sehr eigenwillige Positionen formulieren.

Dieser Schreibtisch ist ein wuchtiger Widerspruch: Denn eigentlich sind die Entwürfe von Jean Prouvé bekannt für ihren spröden Charme und ihr Understatement. Der französische Architekt und Designer (1901 bis 1984) liebte einfaches Stahlblech und schlichte Hölzer mehr als Chrom und Palisander.

Heute berufen sich namhafte Kollegen wie Norman Foster, Jean Nouvel oder Renzo Piano auf Prouvé als Vorbild. Aber der 1952 entworfene Direktoren-Schreibtisch, den die Galerie Downtown francois laffanour aktuell auf der Baseler Designmesse zeigt, ist raumgreifend und ganz und gar unbescheiden. Ein Monstrum! Gleichwohl zeigt das Riesending die mittlerweile berühmte und sehr geschätzte Designsprache Prouvés. Nur etwa 50 Exemplare wurden produziert, um die 400 000 Euro soll er kosten. Hélin Serre, der die Pariser Galerie leitet, weiß: "Prouvé wurde in den achtziger Jahren wiederentdeckt – damals vor allem in Frankreich, von Architekten und Käufern, die einen Blick für seine dekorlosen und schlichten Formen hatten. Aber etwa seit dem Jahr 2000, als sich die Ausstellungen und Publikationen über ihn zu mehren begannen, wird er auch jenseits von Europa geschätzt. Unsere Kunden kommen heute aus der ganzen Welt. Manche Stücke sind relativ leicht zu bekommen – andere, wie unser Chef-Schreibtisch in dieser speziellen Farbkombination aus Türkis und Gelb, sind eine echte Seltenheit."

Die Vielzahl der Vintage-Möbel macht den Messerundgang zu einer Reise durch die Designgeschichte. Ulrich Fiedler aus Berlin zeigt eine kleine, feine DeStijl-Auswahl, etwa Gerrit Rietvelds "Red Billet Armchair" von 1924 oder ein kleines Tischchen des mit Rietveld befreundeten Malers Willem van Leusden (1925). Die Pariser Galerie Patrick Seguin präsentiert gleich ein ganzes Haus aus Holz – das mitten im Zweiten Weltkrieg 1942 entstandene "Maison F 8x8", entworfen von Pierre Jeanneret und Jean Prouvé. Wer es betritt, erlebt einen wunderbar dimensionierten Raum, dem man den Mangel der Kriegsjahre nicht anmerkt. Einst sollten diese temporären Bauten Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf bieten: die Wohnmaschine als Zufluchtsort.

Auf dem Stand der Pariser Galerie Kreo, die in Kürze eine Londoner Dependance eröffnet, treffen Vergangenheit und Gegenwart des Designs aufeinander: Viele der hier versammelten Stehleuchten stammen aus den fünfziger Jahren und tragen die Handschrift von Pierre Guariche (1926 bis 1995), der in Deutschland bislang nur Insidern bekannt sein dürfte. Seine Entwürfe spielen mit dem Formenvokabular der Fünziger und sind doch ganz eigen: filigran und wohlaustariert. Kreo schlägt aber auch mit etlichen eigens beauftragten Designerstücken einen Bogen in die Gegenwart: Ein Kronleuchter vom in New York tätigen, israelischen Designer Ron Gilad baumelt von der Decke, der 16 schwarze Schreibtischleuchten zu einem spinnenähnlichen Objekt addiert. Man müsste sie jetzt nur noch per Fernbedienung steuern können! Vasen-Entwürfe von Studenten der renommierten Schweizer Hochschule ECAL in Lausanne wirken kühl und reduziert wie Lautsprechertrichter. Von Konstantin Grcic sehen wir hier ein Regal und einen Tisch, jeweils aus dicken Glasplatten – und beide justierbar in der Höhe beziehungsweise Breite durch Gasdruckfedern. Mit Saugnäpfen sind sie am Glas fixiert und jedes konstruktive Detail ist gleich ersichtlich: Es lebe die neue, komplizierte Verständlichkeit!

Doch nicht nur die Galerie Kreo hat den Münchener Gestalter verpflichtet: Für Audi, einen der Hauptsponsoren hier in Basel, entwarf er den "TT Pavilion", eine mobile Wohnstation, die an die erwähnten temporären Bauten Prouvés genauso erinnert wie an Richard Artschwagers Kunst-Möbel. Die Heckklappen des TT werden hier zu auskragenden, flügelähnlichen Elementen. Zur Zeit zeigt das Vitra Design Museum im benachbarten Weil am Rhein die Grcic-Retrospektive "Panorama". Am Dienstagabend fragte Hans Ulrich Obrist in der Fire Station auf dem Vitra Campus routiniert nach Grcics gestalterischen Haupt- und Nebenwegen seit dieser bei Jasper Morrison am Royal College of Art in London sein Handwerk lernte. Grcic betonte, dass er gewiss nun nicht auch noch zum Baumeister werden wolle, erklärte aber im Gespräch mit Obrist, dass er die Verwendung von Autoteilen als Anregung verstehe, industrielle Produktionsprozesse stärker für architektonische Raumlösungen nutzbar zu machen. Ob er damit tatsächlich Türen öffnet, bleibt abzuwarten. Fraglos hat der seit letztem Jahr neue, zentrale Ort in Halle 1 Süd die Design Miami/Basel deutlich aufgewertet. Sie ist nicht länger im Abseits ferner Messehallen: Die Distanz zwischen Kunst und Design lässt sich zumindest hier in Basel mit ein paar Schritten überwinden. Und dieser Weg lohnt.

Design Miami/Basel 2014

17. bis 22. Juni,
Basel
http://basel2014.designmiami.com/

Mehr zum Thema im Internet