Isn't it Romantic? - Köln

Zurück zum Kristall

Wandteppiche, Kristallgläser, Sandgussverfahren – die Kölner Ausstellung "Isn’t it romantic?" zeigt junges Design aus dem Geist von Handwerk und Romantik. Fliehen Designer vor der digitalen Gegenwart? Oder ist Glasblasen die neue Avantgarde?

Sind die Designer jetzt eigentlich vollkommen durchgedreht? Mit dem 3-D-Drucker bahnt sich gerade eine neue industrielle Revolution an.

Schon in Kürze werden wir nicht nur Ersatzteile und Komponenten, sondern auch Klappstühle, Geschirr oder Lampen ausdrucken können. Designer müssten sich eigentlich auf diese Technologie stürzen, sie haben durch die jahrelange Arbeit mit computerbasiertem Design (CAD) einen Wissensvorsprung. Sie könnten neue Formen für eine neue Technologie entwickeln, wie es Le Corbusier oder die Bauhaus-Gestalter im letzten Jahrhundert getan haben. Und was tun sie stattdessen?

Die von Petra Hesse und Tulga Beyerle kuratierte Kölner Ausstellung "Isn’t it romantic?" zeigt Objekte von 40 führenden jüngeren Designern. Ein 3-D-Drucker ist weit und breit nicht zu sehen. Stattdessen scheint sich eine Generation mental ins 19. Jahrhundert zurückgezogen zu haben: Zu sehen sind etwa Wandteppiche mit Tiermotiven (Hella Jongerius), ein Kabinett mit Pflanzenornamenten (Christin Meindertsma), ein Holzvogel (von den Brüdern Ronan und Erwan Bouroullec). Jaime Hayon arbeitet mit Porzellan und Kristallglas, Pieke Bergmans mit geblasenem Glas, Max Lamb stellt am Strand mit Hilfe eines uralten Sandgußverfahrens einen Stuhl her.

Zurück zum Ornament, zurück zum Handwerk, zurück zum Einzelobjekt – wollen die Designer ein ganzes Jahrhundert industrieller Ästhetik und Produktion rückgängig machen? Hat sich die Moderne endgültig erledigt? Oder ist das schon ein Revival der Postmoderne, der ersten anti-funktionalistischen Bewegung in den achtziger Jahren?

Wer durch die Kölner Ausstellung geht, schwankt zwischen Faszination und Unverständnis. Das Süßliche, Niedliche geht einem schnell auf die Nerven. Möchte man wirklich wieder umgeben sein von Handspiegelchen, Porzellanfigürchen, Gläschen? Aber es gibt auch viel zu entdecken. Die Beschäftigung mit den alten Techniken verleiht den Objekten eine filigrane Schönheit, die lange vergessen schien. Die meisten Gestalter folgen überdies dem Gebot der Moderne, Schönes dürfe nur "gebrochen" vorkommen. Es gibt hübsche Surrealismen und Absurditäten, etwa wenn Maurizio Galante Sitzballons herstellt, die aussehen wie Kakteen. Oder wenn Pieke Bergmans Deckenlampen so zerfließen lässt, das sie sich bis auf den Tisch ergießen. Bertjan Pot lässt eine eckige Lampe aus Silberfolie von einem Ventilator so antreiben, dass sie wie ein Luftschiff unter der Decke schwebt. Er nennt sie "Led Zeppelin" – das ist lustig und demonstriert Selbstironie.

Bekanntes wird neu kombiniert, Vertrautes verfremdet. Das Design begibt sich auf Kunst-Terrain, was teilweise auch etwas bemüht wirkt. Verfahren der klassischen Avantgarde kommen zum Vorschein – ist nicht Meret Oppenheims "Pelztasse" das eigentliche Vorbild vieler hier gezeigter Objekte?

Am Ende verstellen plakative Kategorien wie "Romantik" oder "Kitsch" nur den Blick. Dass das Design plötzlich eine so große Neugier auf die Welt, auf Bilder und Emotionen zeigt, könnte sich durchaus als produktiv erweisen. In einer Zeit, da die digitale Technologie die Verflüssigung der Welt betreibt, versichern sich Designer ihrer ältesten Ressourcen: Handwerk, Formgefühl, Alltagserfahrung. Sie arbeiten antizyklisch, vielleicht auch, um den Beschleunigungen des 21. Jahrhunderts etwas entgegenzusetzen. Es geht ums Ausweichen, und darum, Kräfte zu sammeln. Anders gesagt: Ja, die Designer sind vollkommen durchgedreht. Zum Glück.

Isn't it romantic? Zeitgenössisches Design zwischen Poesie und Provokation

MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln
bis 21. April
http://www.museenkoeln.de/museum-fuer-angewandte-kunst/default.asp?kontrast=&schrift=&s=2078