Wahlplakate - Bundestagswahl 2013

Missglückte Botschaften

Gähhhhhn! Der Bundestagswahlkampf 2013 ist einer der langweiligsten der deutschen Geschichte. Selbst mit den Plakaten haben die Parteien sich keine besonders große Mühe gegeben. art-Redakteurin Barbara Hein sprach mit dem Hamburger Kunstgeschichtsprofessor und Spezialisten für politische Ikonographie Martin Warnke über eine Auswahl verschiedener Plakate und deren versteckte Partei-Botschaften.
Missglückte Botschaften:Martin Warnke über die (misslungenen) Wahlkampfplakate

Wahlplakate der politischen Parteien in Mülheim

CDU: "Die Lehrstunde"

Wir befinden uns in einer hellen Werkhalle. Die Hauptfiguren sind ein großer Mann und eine kleinere Frau. Der Kleidung nach zu urteilen ist sie ein Lehrling, und er scheint ihr Ausbilder zu sein. Ihre ordentliche Flechtfrisur ist jugendlich, verspielt, feminin. Der Mann trägt ein graues Kurzarmhemd mit Kragen, der oberste Knopf ist geöffnet. Das lässt ihn professionell und leger zugleich aussehen.

Das wird auch von dem adretten Kurzhaarschnitt unterstrichen und der randlosen Brille. Auffällig ist seine klobige Armbanduhr – eindeutig ein Statussymbol. Im Hintergrund macht sich ein Mechaniker routiniert an einem Auto zu schaffen. Die Rollenverteilung ist klar und konservativ: Der Mann hat die Oberhand, die Frau wird geführt – das finden die beiden anscheinend gut, denn sie lachen. Für die Zukunft steht ein Tablet-Computer, den die Auszubildende in der Hand hält. Sie zeigt ihrem Lehrmeister darauf etwas, was er wohlwollend goutiert. Das soll wohl das Zeichen sein, dass die CDU trotz "Herdprämie" eigentlich gar nichts gegen berufstätige Frauen hat – sogar in Männerdomänen nicht, wie hier in einer Autowerkstatt. Frauen dürfen Männern etwas erklären, allerdings hat am Ende der Mann das Sagen – er ist der Chef. Interessant ist noch der angeschnittene Rahmen in der unteren rechten Bildecke. Ist das ein Gemälde? Ein Plakat? Ein Bildschirm? Und was sieht man da? Undefinierbare Farbflächen in verschiedenen Grün- und Rottönen. Ist das etwa eine Zukunftsvision?

SPD: "Risiko-Ironie"

Das ist ein ganz ungewöhnliches Plakat. Ich hatte immer die Vorstellung, dass der Gegner in einem Wahlplakat nicht vorkommen darf. Die SPD operiert hier mit Bildern aus der CDU. Das ist nicht nur neu, das ist auch unsinnig. Das ist ja so, als ob Adenauer mit Brandt geworben hätte! Das ist doch verwirrend für den Wähler. Auch das Bild an sich gibt mehr Rätsel auf, als es löst: Eine halbfigurige Dreiergruppe wird von mehreren Schrifttafeln in einen engen Hintergrund gedrängt, in dem sie in konspirativer Gestikulation miteinander verhandelt. Links verharrt die Bundeskanzlerin, auf die zwei zwielichtige Berater eindringlich einreden: Ganz rechts steht Pofalla, der warnend den Zeigefinger gegen sie richtet; aus der Mitte flüstert Thomas de Maizière Ratschläge ein. So bedrängen zwei starke Männer die unselbständige Frau. Das SPD-Signum ist so platziert, dass es aussieht, als sei es für Verteidigungsminister de Maizière gedacht – sehr ungeschickt. Seine Hände sind durch die Schrifttafel so beschnitten, dass sie wie teilamputiert aussehen – ich bezweifle, dass das eine gute Botschaft an die Wähler ist. Der Kernsatz ist eine Frage: "Merkels Kompetenzteam?" Die Wähler werden bei der Suche der Antwort allein gelassen. Und was ist das Motto der SPD? Das steht ganz klein neben dem SPD-Signum: "Das Wir entscheidet". Das könnte durch den ungeschickten Bildaufbau aber auch als das Motto der unter Verdacht gestellten Beratergruppe der Bundeskanzlerin missverstanden werden. Ein total missglückter Wurf.

Grüne: "Der Denker"

Während die Schrift oben in ihrer seichten Schräglage Bewegung und Energie verspricht und unten ein grüner Kreis mit Blümchen das Gleiche vom geduzten Betrachter erwartet, lässt Grünen-Frontmann Trittin sein gewichtiges Haupt mit einem zufriedenen Lächeln in der Hand seines robusten rechten Arms ruhen. Er trägt ein blaues Hemd und setzt sich damit dezent vom vorherrschenden Baumkronen-Grün des Hintergrunds ab. Das ist doch unfreiwillig sehr komisch: Die Grünen sagen, sie brächten neue Energien und zeigen dazu einen Politiker, der kaum unbeweglicher posieren könnte – Trittin sieht so statisch aus wie eine Marmorbüste. Das wirkt auf mich etwas blasiert und selbstgerecht, zumal ein imaginärer Zeigefinger auf den Wähler zeigt: "Und Du?" Was machst Du? Bist Du etwa nicht voller Energie und Tatendrang? Vielleicht würde es die Wähler mehr motivieren, wenn auch Trittin ein bisschen Energie ausstrahlen würde. Aber er sieht schon sehr gesetzt und arriviert aus in seinem hellblauen Politiker-Hemd, wie es ja parteiübergreifend gern von Abgeordneten getragen wird. Damit macht man nichts falsch – aber eben auch nichts richtig. Man sieht hier sehr gut, dass die Grünen mittlerweile genauso routiniert Politik betreiben wie die Parteien der bürgerlichen Mitte, was sie allerdings nicht wahrhaben möchten. Deswegen wohl diese veralteten Sponti-Sprüche, die hier ziemlich sinnlos wirken. Schade.

FDP: "Päpstlicher als der Papst"

Das ist ein schwieriges Plakat: Vor leicht aufgehelltem Himmelblau, hinter schräg ansteigender, gelber Schrifttafel trägt der verknappte Oberkörper das ganze Gewicht: den großen Kopf des freidemokratischen Spitzenkandidaten. Auf Rainer Brüderles Haupt sammelt sich das meiste Licht, so dass er wie in einer herrschaftlichen oder päpstlichen Würdeform erscheint. Der leere blaue Hintergrund entrückt ihn in eine überirdische Erhabenheit. Das wird auch dadurch unterstrichen, dass der angeschnittene Oberkörper sich unter der gelben Schrifttafel in Luft aufzulösen scheint. Steigt Brüderle etwa geradewegs aus dem Himmel herab zu den Wählern? Er wirkt wie eine Erscheinung. Die dynamisierte Schrifttafel bietet seinen Namen und sein Versprechen an die Wähler wie einen Buchtitel dar: "Damit Deutschland stark bleibt". Der Kopf wird markant durch stilisierte Umrisse: Der Hals sitzt wie angespitzt im Hemdkragen. Die Umrisse der Backen steigen geradeswegs zu den Ohren auf, die so an den Schläfen angelegt sind, dass die Bügel der Brille wie eingestochen scheinen. Die massiv eingesetzten Parteifarben werden durch das verhaltene Lächeln des Kandidaten etwas freundlicher, während der Ausruf "Nur mit uns." wie in Not schnell nachgetragen wirkt. So könnte auch das Cover von Brüderles Memoiren aussehen. Nur die schreibt man ja eigentlich am Ende einer Karriere – aber vielleicht befindet er sich ja genau da. Das Plakat ist jedenfalls nicht sehr überraschend, sondern setzt auf die ganz klassische Spitzenkandidat-Strategie. Wahrscheinlich ist das auch das Beste für Brüderle, denn er war ja durch den Besuch einer Hotelbar etwas in die Unseriosität abgeglitten.

Die Piraten: "Zwanghaft zwanglos"

Die Hauptfigur ist ein sehr junges Mädchen mit hennaroter Haarmähne. Es steht vor einem undefinierbaren Hintergrund aus verschiedenen übereinandergeschichteten Blau-Schattierungen, und ist umgeben von acht Streifen, auf denen jugendliche Zweifel am Sinn der Wahlen artikuliert sind. Die rhetorische Frage "Warum häng ich hier eigentlich?" ist natürlich lustig gemeint und richtet sich an die Politikverdrossenen, die "ja eh nicht wählen" gehen. Die sollen dann zumindest die "Piraten wählen", wie es ganz unten heißt – offenbar die letzte Alternative, wenn man jung ist und von nichts eine Ahnung hat. Was genau man dann wählt, sagt das Plakat nicht – offenbar spielt das keine Rolle. Hauptsache, man ist jung und orientierungslos. Das signalisiert ja auch das Plakat, das von schiefen Formen dominiert wird. Alles scheint aus dem Lot geraten zu sein. Einladend, freundlich und harmlos ist dabei das Lächeln des Mädchens. Sie ist eine Kandidatin, mit der sich viele Wähler identifizieren können, weil sie ganz selbstbewusst mit offensichtlichen Schönheitsmakeln auftritt: übergroßen Schneidezähnen, dünnem, fast unfrisiertem Haar und einem ausgewaschenen schwarzen Oberteil, dessen Halsausschnitt recht ausgeleiert aussieht. Botschaft: Hier geht es nicht um Äußerlichkeiten, hier wird nicht weichgezeichnet, hier wird nicht mit Statussymbolen wie teuren Brillen, Krawatten, Uhren oder Tablet-Computern geblendet. Selbst für ein Wahlkampfplakat schmückt sich eine Piratin nicht mit teurem Make-up. Hier verbergen sich Konsumverweigerung, Establishment-Skepsis und Systemkritik hinter einem blassen Mädchengesicht. Aber wofür stehen die Piraten dann? Das erfahren wir leider nicht.

Alternative für Deutschland: "Komplizierte Stammtischparolen"

Ein Nur-Schrift-Plakat mit zwei Blautönen, weißer Schrift und roten Akzenten. Am auffälligsten ist das Chaos: ein Zeilenwirrwarr in unterschiedlichen Schriftgrößen und -breiten, mal alles in Versalien, mal Groß- und Kleinschreibung. Inhaltlich geht es um die Griechenlandhilfe, die gestoppt werden soll, aber das wird nicht klar formuliert, sondern in einem kryptischen Dreisatz verklausuliert: "Griechen verzweifeln. Deutsche zahlen. Banken kassieren." Das fordert einiges an gedanklicher Eigenleistung und Informiertheit vom potentiellen Wähler, der die Zusammenhänge zwischen den minimalen Subjekt-Prädikat-Konstruktionen alleine herstellen muss. Der erste Satz "Griechen verzweifeln" wirkt zudem auf den ersten Blick wie Mitleid mit Griechenland – das ist aber bestimmt nicht die Haltung der AfD. Die Schriftgröße der stärksten Forderung "Schluss damit!" ist relativ klein gewählt, was auch nicht viel Sinn ergibt. So ist es auch mit dem Slogan "Mut zur Wahrheit", der auf rotem Untergrund links ins Bild ragt. Was ist denn auch die Wahrheit? Wahrscheinlich wäre ein simples "Schluss mit der Griechenlandhilfe" zweckdienlicher gewesen. Dieses Plakat zeigt, dass selbst Vorurteile schürende Stammtischparolen mitunter das Denkvermögen ihrer eher simpel strukturierten Wähler übersteigen können. Da wird wohl auch der rote Pfeil aufs angekreuzte Wahlkästchen nicht helfen.

Die Linke: "Agitprop par excellence"

Das zweite Nur-Schrift-Plakat ist besser gelungen durch die volle Konzentration auf eine drastische Aussage: "Genug gelabert! 10 Euro Mindestlohn jetzt." Das ist klar, das ist verständlich, das erfasst man in nahezu jeder Verfassung: auf dem Weg zur Arbeit, beim Vorbeifahren im Auto – egal ob man in Eile ist oder spazieren geht. Auch die Typographie – große schwarze Schrift auf weißem Grund – erfüllt den Zweck, das Plakat ist absolut leserlich. Der Tonfall ist typisch links: "Genug gelabert!" suggeriert, dass die machthabenden Parteien im Grunde nur viel Lärm um nichts machen, viel reden, aber nicht handeln. Das ist polemisch, aber erlaubt, zumal ja die ganz konkrete Forderung direkt folgt. Das signalisiert dem Wähler: Wenn ihr uns wählt, handeln wir. Das wollen ja eigentlich alle Parteien ihren Wählern signalisieren, aber keiner anderen gelingt das so gut, wie der Linken hier. Untendrunter geben sich dann noch auf schräg nach rechts ansteigendem roten Banner die Verantwortlichen zu erkennen: "Die Linke". Und ganz unten – klein, aber immer noch leserlich – eine Internet-Adresse für weiterführende Informationen. Das nenne ich Agitprop [Agitation und Propaganda] im besten Sinne. Solche Plakate haben auch schon in der Weimarer Republik ihren Dienst getan. Selbst Profis wie Bertolt Brecht, der ja in seinem Film "Kuhle Wampe" viel mit Agitpropstrategien experimentiert hat, hätte seine Freude daran gehabt. Es wundert mich selbst, das zu sagen, aber dieses Plakat halte ich für das gelungenste.

Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl 2013

Die Wahl zum 18. Deutschen Bundestag findet am Sonntag, dem 22. September 2013, statt.
Zu den an der Wahl teilnehmenden Parteien einfach und schnell informieren kann man sich mithilfe des Wahl-O-Mats: "28 von 29 Parteien haben die Wahl-O-Mat-Thesen beantwortet. Jetzt sind Sie an der Reihe: Vergleichen Sie Ihre Standpunkte mit den Antworten der Parteien."
http://www.wahl-o-mat.de/bundestagswahl2013/

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