Fashion Week - Berlin

Udo und die Universalpoesie

"Mode trifft Kunst" heißt es auch diesmal wieder anlässlich der "Berlin Fashion Week": Es wird installiert, was das Zeug hält, und grillende Royalisten sorgen für das richtige Ambiente – doch hält das die Kunst aus?
Mode, Stars und Kunst:Disko und Diskurs bei der diesjährigen "Fashion Week"

Thorsten Heinze präsentiert in seiner Galerie Fotografen wie Joachim Baldauf, Donata Wenders, Helga Kneidl, Detlef Lövenich und Jürgen Nürnberg

Das nächste New York sollte Berlin nach der Wende werden. Vor zehn Jahren hätte man es auch als das neue London genommen – inzwischen wäre man an der Spree nicht nur angesichts des Wetters schon froh, wenigstens bald Barcelona zu sein. Aber es ist nicht alles schlecht in der Hauptstadt: Mit der aktuellen "Berlin
Fashion Week" kommt Leben in einen Laden, der noch immer arm, aber schon lange nicht mehr so attraktiv ist.

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Strecken Teaser

Aktueller Schwerpunkt des bunten Treibens in meist schwarzer bis dunkelgrauer Designerkleidung, die bisweilen mit Fundstücken aus dem "Humana"-Fundus aufgemotzt wird: Ein innovatives Crossover zwischen Mode und Kunst, Moet und Becks, Disko und Diskurs: Modelabels kapern Galerieräume und locken mit "Installationen", Models werden skulpturengleich auf Sockel gehoben und ganze Ausstellungen werden für vier Tage kuratiert. Kann das gut gehen?

Die von Ingrid Junker, Katharina Kemmler und Nikki Pauls kuratierte Ausstellung "Friday 13th presents: Into the Woods" zeigt im Kronprinzenpalais Unter den Linden, inspiriert von der deutschen Romantik, acht junge Künstler. Malerei, Fotografie, Skulpturen und Installationen von solider Qualität, die in seriösem Ambiente außerhalb der Partyzone angemessen zur Geltung kommen und bisweilen wie beispielsweise Markus Keibels scharfkantige Arbeit "Die Kraft des Selberdenkens" im wörtlichen Sinn das Prädikat "cutting edge" verdienen – wenn nicht gar "bleeding edge."

Und offensichtlich hat sich die studierte Philosophin Katharina Kemmler, die auch die jüngsten Kunst-meets-Mode-Events für Joop und Lacoste produziert hat, gründlich Gedanken gemacht: "Was uns mit Friday 13th besonders interessiert, ist das Konzept der offenen Ausstellung – daher auch der Bezug zur Romantik. Dieses Konzept wird immer neu gefüllt, Gattungen wie Musik, Malerei und Dichtung werden gemischt – ganz im Sinne des romantischen Ideals der Universalpoesie." So viel Romantik kommt an, auch beim Kunden: "Kunst ist unabhängig von Funktion. An ihr fasziniert die Suche nach Inhalten", erklärt sie. Ebenfalls auf der Suche nach Inhalten am Eröffnungsabend: Udo Kier und junge Menschen, die immer noch oder schon wieder aussehen wollen wie das legendäre britische Selbstzerstörungsduo Moss & Doherty.

Apokalyptische Neon-Installation als Clubbeleuchtung

Weniger erfreulich geht es zu, wenn f.rau im mittleren Teil der Galeriemeile Brunnenstraße unter dem Motto "Fashion Meets Visual Arts" ihre "Second Life"-Kollektion vorstellt und zwar alles schön gelb ist, aber die angestrengt künstlerisch anmutenden Videos wirken, als hätte Peter Greenaway mal kurz ein "New Order"-Video abgeschossen. Auch nicht erhebend der Umgang mit den in Räumen befindlichen Arbeiten von Joakim Allgulander, dessen apokalyptische Neon-Installation zur Clubbeleuchtung mutierte. Ebenfalls fraglich bleibt, ob man der in der Sevenstar Gallery präsentierten hochwertigen Vintage-Fotographie durch die als "Fashion Meets Art"-Event annoncierte Präsentation der Mode von "Lala Berlin" einen Gefallen tut oder nicht alles zusammen von einer Überdosis "Berlinflair" erschlagen wird.

Gewiss hingegen ist, welche Alternative sich allen anbot, die keine Einladung zur begehrten Joop-Show mehr bekommen hatten und trotzdem auf dem Laufenden sein wollten: Beim Fest zum jährlichen Rundgang der
Berliner Universität der Künste ließen sich die Praktiker des Spagats zwischen Kunst und Mode aus der Nähe begutachten, die wie beispielsweise Malerin Emily Theander unter der Woche an der Staffelei stehen und am Wochenende das Berliner Viertel Friedrichshain mit selbst gedruckten T-Shirts versorgen. Was das alles nun im großen Metropolenkonzert zu bedeuten hat? Nun ja: Zwar hatte der große Mode-und-Kunst-Hype London schon vor sieben Jahren mit einer großen Ausstellung im Victoria & Albert Museum erwischt, aber glaubt man der amerikanischen Autorin Anna Winger ("This must be the Place"), dann taugt Berlin inzwischen immerhin als Ersatz für das alte New York. Auch schön.

"Berlin Fashion Week"

Termin: bis 20. Juli, Berlin.
http://www.berlin-fashionweek.de/