Karl Lagerfeld - Essen

Multikünstler Lagerfeld

Mode, Bücher, Fotografie und Zeichnungen – Karl Lagerfeld arbeitet in vielen Formen. Jetzt zeigt eine Ausstellung in Essen seine vielseitiges Oeuvre.

Karl hat sich benommen wie ein echter Star: späte Ankunft, kurze Pressekonferenz, dann der Abgang.

Der Chefdesigner von Chanel und Fendi präsentierte die Eröffnung seiner Ausstellung "Parallele Gegensätze" im Museum Folkwang in Essen. Kurz sprach er mit der Presse. Ob er ein Künstler sei, wisse er nicht: "Ich mache Mode und fotografiere, aber will mir selbst keine Prädikate geben. Das müssen dann die Leute machen." Etwa 20 Minuten lang – dann war Lagerfeld wieder verschwunden.

Gut also, dass "Parallele Gegensätze" weitestgehend für sich spricht. Insgesamt über 400 Exponate zeigt die Schau – Leihgaben von Karl Lagerfeld selbst, dem Steidl Verlag, von Chanel, dem Deutschen Plakatmuseum, sowie privaten Leihgebern. Aufgeteilt auf 14 Räume zeigen diese Stücke das gesamte Spektrum und die schöpferische Kraft des Modemachers. Schon bevor der Besucher zum Herzstück der Ausstellung, der Mode selbst, kommt, weiß er, dass Lagerfeld eigentlich niemals schlafen dürfte. Er kann kaum wirklich Urlaub machen.

"Parallele Gegensätze" beginnt mit der Fotografie. Raum 1 heißt "frühe Arbeiten" und präsentiert Porträt-, Kunst-, Landschaftsfotografie. Beinahe alles in schwarz-weiß oder braunen Sepiatönen. Und Raum 1 zeigt, "wo alles begann, aber auch wo alles beginnt. Immer, bevor Karl Lagerfeld etwas schafft", sagt Projektleiter Jürgen Lechtreck und meint damit Lagerfelds Arbeitszimmer. Eine Nachbildung mit unheimlich vielen Büchern, die sich in hohen Stapeln hinter einem schweren Holzschreibtisch auftürmen. Nicht ganz originalgetreu, wie Lechtreck zugeben muss: "Karl Lagerfeld arbeitet immer an drei Schreibtischen. An einem zeichnet er, an einem liest er, am dritten wird geschrieben." Und das, so betont er, sei bei Chanel so, bei Fendi, in seinem Privatarbeitszimmer, im Ferienhaus, überall.

Karls multikünstlerische Ausrichtung, wegen der er überhaupt so viele Schreibtische benötigt, begann mit der Fotografie. Die Fotos in "Parallele Gegensätze" zeigen "Arbeiten Karl Lagerfelds, die in allen Formen der Fotografie ausgeführt wurden", erläutert Verlagsinhaber Gerhard Steidl. Er kennt sich aus mit den Exponaten, begleitet er doch seit Jahren das Schaffen des Modezars, in Essen ist er Co-Kurator der Ausstellung. Und so hebt er ein Highlight hervor: Bei "The Glory of Water" machte sich Karl Lagerfeld die älteste Form der Foto-Technik zunutze, die Daguerrotypie. So entstand eine Serie antik wirkender Bilder, die Foto für Foto mehr verdeutlicht, wie unerlässlich das Element Wasser für die Menschen war und ist. Im zweiten Raum schon bedient sich Karl Lagerfeld einer ganz anderen Technik. In Bilderserien, die jeweils Hommagen an berühmte Maler sind, präsentiert er seine eigenen Modedesigns. So auch in der Reihe "Hommage à Edward Hopper", die neben männlichen und weiblichen Models auch den Meister selbst in wie von Hopper gemalten Innenräumen posieren lässt.

Karl Lagerfeld hat sich in seinen fotografischen Arbeiten aber auch der Architektur gewidmet. Mit förmlich greifbarer Faszination und Hingabe lichtete er den Eiffelturm (kontrastreich neben verästelte Bäume gehängt – einfach und doch faszinierend), New Yorker "Facades" mit typischem Klinkermauerwerk und Feuerleitern ab. Früh fällt eine Gemeinsamkeit bei allen Fotografien auf. Sie lassen sich erst nicht greifen, der Betrachter weiß nur, irgendetwas macht diese Bilder zu etwas besonderem. Spätestens bei der literarischen Serie "A Portrait of Dorian Gray" (Ektachrome, 2005) oder den "New York Facades" (Siebdruck, 2010) wird es klar: Es ist die Beleuchtung. Lagerfeld und das Licht – er nutzt es als künstlerisches Element, gibt ihm eine Aufgabe. Gerhard Steidl beschreibt es an seinem "persönlichen Lieblingsbild", wie er sagt, einer der New Yorker Hauswände: "Hier nutzte er den Sonnenaufgang. Als das Haus in goldenes Licht getaucht wurde, drückte Karl Lagerfeld auf den Auslöser." Es entsteht ein aufregendes, erhebendes Spiel aus Licht und Schatten.

Und obwohl die Fotos beeindruckend sind, technisch sowie darstellerisch – irgendwo zwischen der Serie "Faust" und der "Hommage à Feininger" fragt man sich, wann denn die Mode kommt. Trotz allen Multitalents sind es die Kleider, die Lagerfeld auszeichnen. Raum 5 dann trägt endlich den verheißungsvollen Namen "CHANEL". Hier schlummert es, "das Herzstück der Ausstellung, das seine Energie in all die umliegenden Räume strahlen lässt", wie Projektleiter Jürgen Lechtreck sich ausdrückt. Bis auf die aktuellste Kollektion sind hier die letzten Arbeiten des Modedesigners Karl Lagerfeld versammelt: Als Zeichnungen und Modelle, als Filmclips auf Monitoren, die die Schauen in Paris, Dallas und Edinburgh vorführen. Fotos aus den Settings, die den Pariser Grand Palais als Wald zeigen, als solarplattenbelegten Laufsteg mit Windrädern oder als verfallenes Theater zeigen. Und originalgetreue Architekturmodelle, die die Ideen Lagerfelds für den Grand Palais als Tempel seiner Schauen widerspiegeln. Mit einer riesigen Weltkugel oder einem futuristischen, wellenartig geschwungenen großen Weiß sorgt er hier jedes Jahr bei der Fashion Week für überraschtes Staunen.

In Modellform entstand auch die Ausstellung: Lagerfeld war im Vorfeld der Eröffnung keineswegs selbst in Essen. "Das hätte viel zu viel Zeit für den niemals ruhenden Macher in Anspruch genommen", nimmt ihn Jürgen Lechtreck in Schutz, "aber seine Vertrauten Gerhard Steidl und Eric Pfrunder, gleichzeitig die Kuratoren der Schau, waren hier vor Ort und transportierten immer wieder ein originalgetreues Modell von Essen nach Paris und zurück". Zufrieden zeigte sich der Maestro dennoch: "Toll, ich find‘ das toll! Schade ist nur, dass ich das nicht selbst gemacht habe." Immerhin einsichtig.

KARL LAGERFELD Parallele Gegensätze Fotografie – Buchkunst – Mode

Museum Folkwang, Essen
bis 11. Mai
http://www.museum-folkwang.de/de/ausstellungen/ausblick/karl-lagerfeld.html

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