Maarten Baas - Prototypen: Junges Design

Er brennt für das Design

Angekokelte Schränke, Billigstühle in Edelversion: Der niederlände Designer Maarten Baas verfremdet die Alltagswelt.
Er brennt für das Design:Maarten Baas verfremdet die Alltagswelt

Maarten Baas in seiner Werkstatt, fotografiert von Vincent van den Hoven. Möbel von links: der Tisch "Sculpt", Ventilator "Fanchrome", Boxen und Schrank "Smoke", Stühle und Nachttische "Clay Furniture", ganz rechts ein "Smoke"-Sessel

Eine ehemalige Autowerkstatt südlich von Eindhoven. Von ei­ner Hausnummer keine Spur. Statt dessen Bretter, klapprige Autos und eine provisorische Gartenlaube aus Tisch, Hockern und einem ausrangierten Bürostuhl, allesamt, so scheint es, vom Sperrmüll. Der suchen­de Blick bleibt an einer Tür ganz hinten hängen, darüber vier silbergraue Buchstaben: Baas.

Hier also arbeitet der Senkrechtstarter am internationalen Designhimmel: Maarten Baas, 30 Jahre alt, Absolvent der berühmten Eindhovener Designakademie, laut "New York Times" die beste Designschule der Welt. Mit gerade mal 25 Jahren ist Baas in Mailand 2003 als Design-Pyromane mit seiner Abschlussarbeit "Smoke" in die Geschichte eingegangen: Die mit der Flamme eines Gasbrenners angekokelten und dadurch pechschwarz gewordenen Stühle, Sessel und Sofas sorgten für eine Sensation. Inzwischen ist der junge Niederländer bei Galerien in New York, Paris, Shanghai und Mailand unter Vertrag. Er hatte zahlreiche Einzelausstellungen, unter ande­rem in Tokio und im Londoner Design Museum. Institute wie das Stedelijk in Amsterdam und das Victoria & Albert Museum in London kaufen seine Arbeiten an. Kollege Philippe Starck hat sich ebenso mit ihnen eingedeckt wie der US-Hotelmagnat Ian Schrager.

Baas steuert durch die große Fabrikhalle auf die Kaffee-Ecke zu, vorbei an emsig arbeitenden Mitarbeitern: Die sägen und hämmern, schleifen und fei­len, waschen Pinsel aus und schleppen Eimer mit Farbe oder Waschbenzin hin und her, während gleichzeitig verschiedene Radios plärren. Su­pertramp ist zu erkennen. Und Amy Wine­house. An den Wänden stehen vollgepfropfte Regale, oben unterm Glasdach baumelt ein Riesenteddybär neben ei­nem alten Hockeytor. Und überall stehen Stühle: kohlschwarze aus der "Smoke"-Serie und knallbunte in Bonbonfarben – Erdbeerrot oder Laubfroschgrün. Das ist die Nachfolgeserie "Clay Furniture", mit der Baas prompt ein zweites Mal für Furore sorgte. "Dabei hatte ich eigentlich nie den Ehrgeiz, ganz groß rauszukommen", erzählt er und stellt zwei Tassen Kaffee mit den üblichen "koekjes" auf den Tisch. Über ihm baumelt eine altmodische Trockenhaube vom Frisör, die zum Lampenschirm umfunkioniert wur­de. "Es ist einfach passiert, wie ein Baum, der der Sonne entgegenwächst." Wobei das Wachstum schon etwas rasant war: "So was hat es noch nie gege­ben", sagt er, und es klingt weder un­bescheiden noch arrogant. Es ist eine nüchterne Feststellung. Die Dozenten an der Eindhovener Akademie taten sich schwer mit dem eigenwilligen Zögling. "Sie zweifelten an meinem Talent." Mehrmals wurde ihm geraten, abzubrechen. Sechs statt vier Jahre brauchte er für die Ausbildung.

"An Designklassikern darf man sich nicht vergreifen"

Doch dann begann mit der Examensarbeit "Smoke" der ko­me­tenhaf­te Aufstieg: "Ich wollte zeigen, dass Design nicht immer perfekt zu sein braucht, glatt, glänzend und makellos. Wehe, es geht etwas kaputt! Dann wird alles getan, damit al­les wieder so wird, wie es war." "Smoke" ist das Gegenteil: Alte Möbel werden nicht restauriert, um sie in ihren ursprünglichen Zustand zurückzubringen, sondern mit dem Gasbrenner be­arbeitet und dann mit transparentem Expoxyharz imprägniert – eine faszinierende Metamorphose, die das Holz in ein fremdartiges Material zu verwandeln scheint mit seltsamen Maserungen in der matten, schwarzen Ober­fläche. Die formt dann einen reiz­vollen Kontrast zu den glänzenden nagelneuen Polstern aus schwar­zem Leder, mit dem die Sitzmöbel über­zogen werden.

Der Designwelt blieb die Spucke weg – allen voran Murray Moss im fernen New York: Schon ein Jahr später zeigte er die "Smoke"-Möbel in sei­ner Galerie. Dabei konnte Baas noch einen Schritt weiter gehen: Er unterzog auch Klassiker unter den Sitzmöbeln von Charles Eames und Antoni Gaudí der "Smoke"-Metamorphose, selbst Gerrit Rietvelds "Zig Zag"-Stuhl musste dran glauben. Als Student hätte er sich das nicht nur finanziell nicht leisten können: "An Designklassikern darf man sich nicht vergreifen, erst recht nicht als Student. Das gilt schnell als Heiligenschändung."
Und Kritik blieb nicht aus: Von res­pektloser Arroganz war die Rede, von Wichtigtuerei. Aber selbst die Riet­veld-Stiftung, die als Wachhund normalerweise sofort Alarm schlägt, ließ ihn gewähren und erkannte, dass "Smoke" nichts mit Missbrauch zu tun hat. 2006 stattete Hotelier Ian Schrager nicht nur alle 185 Zimmer in seinem neuen Gramercy Park Hotel in Manhattan mit einem "Smoke"-Stuhl aus – in der Lobby steht auch ein pechschwarzer "Smoke"-Billardtisch. Der übrigens ta­dellos funktioniert – ebenso wie der "Smoke"-Steinway-Flügel von 1938, den Moss bei der Eröffnung seiner neuen Galerie in Los Angeles im August 2007 für 155 000 Dollar verkaufen konnte. Das Groninger Museum überließ Baas einige Antiquitäten aus seiner Kollektion. Inzwischen bekommt Baas Anrufe aus aller Welt: "Ich hätte da auch noch was, könnten Sie das für mich ankokeln?"

"Alles ging in Erfüllung, noch be­vor ich damit anfangen konnte"

Der Erfolgsdruck nach diesem Senkrechtstart war groß. "Wie sollte ich da noch eins draufsetzen?" Baas ver­spürte unbändige Lust, wie ein Kind zu kneten – aber was war mit den Erwartungen der Außenwelt? Er schob den Gedanken daran beiseite, besorgte sich strapazierfähigen Industrieton – und begann zu kneten. Die knall-bunten "Clay"-Möbel wurden geboren: Stühle, Regale und Beistelltische, Schau­kelstühle und Bänke. Alle bestehen aus einem Metallgestell, das von Hand mit Ton verkleidet und nach dem Trocknen lackiert wird.

Wieder sorgte er auf dem Salone del Mobile in Mailand für eine Sensation. Baas zweifelt seit diesem zweiten Erfolg nicht mehr an seiner Intuition. Die hat ihm inzwischen "Sculpt" beschert, eine Reihe von klobig gestalteten Schränken, Stühlen und Tischen, die aussehen, als seien sie aus einem wuchtigen Holzblock geschnitzt, aber, so beweist der Klopftest, das ist nur eine irreführende Folie: Sie sind aus dünnem Metall gemacht. Und gerade ist die "China"-Serie auf den Markt gekommen: mit 20 Stühlen in der Form des weißen Plastikgartenstuhls, den wir alle kennen – aber als Luxusausgabe für rund 5500 Euro aus feinstem Holz geschnitzt.

Diese Serie hat Baas ausnahmsweise bei einem Holzschnitzer in China herstellen lassen. Denn er legt gro­ßen Wert darauf, alles selbst in der Hand zu halten und auch möglichst oft selbst Hand anzulegen. Deshalb hält er sein Atelier mit sieben Mitarbeitern auch bewusst klein. Dass er deswegen regelmäßig Aufträge ablehnen muss, nimmt er in Kauf. Zeit für Hobbys wie Fußball oder Gitarre spielen bleibt ihm kaum noch. Zum Glück zeigt Freundin Suzanne van der Aa viel Verständnis: Sie ist selbst Designerin, begleitet ihn auf den vielen Reisen und diskutiert mit ihm über neue Ideen. Im Februar wird er 31 – gibt es nach einem solchen Start noch Träume? "Ach, wissen Sie", sagt Maarten Baas mit seinem jungenhaften Lachen: "Bis­her ließ mir das Leben kaum Gelegenheit zum Träumen: Alles ging in Erfüllung, noch be­vor ich damit anfangen konnte."