Erik Spiekermann - Berlin

Ich gestalte lieber Fahrpläne als Werbeplakate

Er ist der unbestrittene Papst des zeitgemäßen Kommunikationsdesigns: Erik Spiekerman prägt den deutschen Alltag bis ins Unterbewusstsein von Kunden der Bahn und der Berliner Verkehrsbetriebe. Das Baushaus-Archiv widmet dem Grafikdesigner und Schriftenerfinder nun eine Ausstellung.
Der Papst der Typografie:Erik Spiekermann

Die Schrift "FF Unit 2003" von Erik Spiekermann

Ein roter Balken links oben flankiert seit über 40 Jahren den Briefkopf von Erik Spiekermann. Der minimalistische Einschub führte zu einer Kettenreaktion von irrtümlichen Zuordnungen. Ein solches konstruktivistisches Element konnte nur als Referenz an das Bauhaus zu verstehen sein, glaubte man Ende der sechziger Jahre. "Dabei hatte ich keine Ahnung vom Bauhaus", sagt Spiekermann. Dem großen deutschen Typografen wird nun eine Überblicksausstellung im Bauhaus-Archiv Berlin gewidmet. Spiekermann ist demnach wieder an der Quelle eines für ihn letztlich förderlichen Missverständnisses angekommen.

Der rote Balken sei in der damals von ihm entwickelten satztechnischen Form eine "reine Notwendigkeit" gewesen. "Alle Elemente waren zweckbetont eingesetzt und eindeutig." Wer allerdings glaubt, dass Spiekermann nur an nüchternen Schrifttypen gelegen ist, etwa den neuerlichen Trend zu Kursivschriften verurteilen würde, irrt gewaltig: "Die Kursivschrift ist ein bisschen weiblicher, ein bisschen zwangloser, ein bisschen unterhaltsamer, weil sie der Handschrift näher sind. Dieser leicht informelle Charakter ist manchmal angenehmer als die serifenlose Schrift, als das Wissenschaftsdesign, wie es Ingenieure so gerne haben."

Ideologien waren ihm schon immer ein Dorn im Auge. "Humor und Lässigkeit auch in der theoretischen Diskussion sind offenbar keine deutschen Tugenden", schrieb Spiekermann vor zehn Jahren. "Es ist zwar schon besser geworden, aber wir sind es gewohnt, alles immer definieren und in Regeln fassen zu müssen. Ich habe zwar Prinzipien, bin allerdings nicht dogmatisch." Genervt ist er auch von dem Fortschrittsglauben in der deutschen Grafikszene: "Hauptsache es ist neu. Neu ist moderner als alt! Das ist so ein Atomkraftmodernismus." Spiekermann darf derart scharfzüngige Kritiken zum Besten geben. Er ist der unbestrittene Papst des Kommunikationsdesigns in Deutschland. Ein visueller Analytiker von dynamischen Alltagsprozessen, der unsere verkehrstechnischen Wege bis in das Unterbewusstsein hinein prägt und vor allem auch im stetig anwachsenden Schilder-Dschungel enorm erleichtert. Spiekermann gesteht: "Ich gestalte lieber Fahrpläne als Werbeplakate."

Während deutschlandweit die Bahnkunden in der signalhaften, gut lesbaren und doch nicht penetranten Hausschrift des Unternehmens Deutsche Bahn selbst über unendliche Verspätungen hinweg getröstet werden, findet man sich im öffentlichen Verkehr Berlins durch das nach der Wende von Spiekermann gestaltete Fahrgastinformationssystem in beiden Teilen der Stadt gut zurecht. Das BVG-Leitsystem ist eines der schlüssigsten überhaupt. Spiekermann würde es dennoch gerne einmal wieder auffrischen, weil mittlerweile teils eine falsche Schrift verwendet werde und es wegen der Umbenennungen von Bahnhöfen, neuer Verbindungen und dynamischer Medien auseinanderzufallen beginne: "Das System scheint an sich zu funktionieren, da muss allerdings einiges adaptiert und mal wieder in den Details aufgeräumt werden. Es ist wie bei einem Appartement, das nach 20 Jahren einfach etwas abgewohnt wirkt, wenn man es nie renoviert hat."

Die höchsten Preise im Bereich des Grafikdesigns konnte der 1947 in Stadthagen bei Hannover geborene Agenturgründer einheimsen, so etwa den European Award oder den Designpreis in Gold der BRD. Spiekermann ist eher ein Mann der flachen Hierarchien. Und er bezeichnet sich selbst als "bekennenden Anarchisten", was die Organisation des etwa 100 Mitarbeiter umfassenden Büros mit Stützpunkten in Amsterdam, London und San Francisco betrifft. "Wenn man gute Leute mit Talent hat, muss man sie auch machen lassen. Dann muss man halt mit etwas Chaos leben." An dieser unorthodoxen Herangehensweise zerbrach letztlich die Kollaboration mit zwei Gründerkollegen 2000 in Spiekermanns erster Agentur MetaDesign plus. Mehr als diese Zäsur bedauert Spiekermann einen anderen Verlust: "Mein Archiv ist miserabel, weil ich einen Einbruch, zwei Diebstähle und ein Feuer hatte – was bleibt da schon übrig." Um so dankbarer ist man jetzt für die konzentrierte Ausstellung im Bauhaus-Archiv. Sie ist leider derart dicht gedrängt, dass man den präzisen Gestaltungswillen vor lauter Typographien teils nicht mehr erkennt.

Einer der jüngeren Coups aus der Agentur Edenspiekermann, in der auch Spiekermanns Frau Susanna Dulkinys maßgeblich beteiligt ist, geschah für die im Markt neu einzuführende amerikanische Schokoladen-Marke TCHO. Für das Start-Up-Unternehmen gestaltete die Agentur das ausstrahlkräftige Corporate Design inklusive Logo, Farbklima und Typografie sowie Verpackung. Mittlerweile besitzt Spiekermann 5 Prozent an der Schokoladen-Fabrik, deren Sitz in San Francisco ist. TCHO ist so etwas wie das Spielbein in Spiekermanns Agenturbetrieb. Man merkt, dass in der farbfrischen Gestaltung eher die "soft skills" des grafischen Erfinders eingebracht werden. Spiekermann strahlt: "Das macht Spaß! Unser Beitrag belief sich nicht nur auf die gesamte Grammatik, sondern auch die Namensgebung."

Unlängst erst ist er mit einem vergleichsweise vertrackteren Auftritt betraut worden. Der Wissenschaftsverlag De Gruyter Verlag sucht nach einer neue Inhaltstypografie: "Wenn man Typografien für wissenschaftliche Texte gestaltet, ist das oberkomplex. Die sind oft so grottenhässlich, weil sich keiner ran traut." Spiekermanns Wunschauftrag wäre allerdings einen Reformierung des deutschen Straßenleitsystem. "Das System ist weder ästhetisch noch formal schlecht, aber es ist völlig überfordert. Schließlich stammt es aus einer Zeit, als Deutschland kaum Autobahnen hatte und es noch alle 20 Kilometer eine Ausfahrt gab. Dies neu zu gestalten, wäre eine tolle Aufgabe. Ich kenne einen wunderbaren Typen der sich mit Stauforschung beschäftigt hat. Leitsysteme sind ja auch immer Umleitsysteme." Bislang ist der Bund noch nicht zur Problemzonenenbekämpfung an Spiekermann herangetreten.

"Erik Spiekermann. Schriftgestalten"

Termin: bis 6. Juni, Baushaus-Archiv, Berlin


http://www.bauhaus.de

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