Disobedient Objects - London

Plastikpflastersteine

Je einfacher, desto wirkungsvoller: Design für den Widerstand und als Mittel zur sozialen Veränderung – in London zu sehen in einer so lehrreichen wie vergnüglichen Schau.

Eine zu einer Gasmaske umfunktionierte Plastikflasche, ein zu lautstarkem Protest gegen die argentinische Regierung verwendeter Kochtopfdeckel, Eisenrohre, mit deren Hilfe man sich an Zäune und Bäume ketten kann…

Das Victoria & Albert Museum zeigt von Protestbewegungen mit großem Einfallsreichtum hergestellte Objekte, deren Ungehorsam sich gegen die Mächte dieser Welt richtet – Design also nicht für Luxusgegenstände, sondern als Mittel zur sozialen Veränderung. Was lassen sich diese Gruppen einfallen, so fragt die Ausstellung, um ihre Botschaften zu verbreiten und ihre Ziele durchzusetzen?

Die mit den einfachsten Mitteln hergestellten Objekte sind die erfolgreichsten – winzige Anstecker, die
Anhänger der polnischen Gewerkschaft "Solidarno'SC'" versteckt unter dem Revers trugen, oder die "arpilleras" aus Chile: von Frauen genähte Patchworkpuppen, die Guerillakämpfer symbolisieren. Auch Humor kommt nicht zu kurz. Auf einem handgemalten Plakat steht "Ich wünschte, mein Freund wäre so dreckig wie eure Politik". Und ein wie reinster Slapstick aussehendes Video zeigt Berliner Polizisten, die vergeblich versuchen, mit riesigen aufblasbaren Pflastersteinen aus Plastik fertigzuwerden.

Gewalt lässt sich nicht aussparen: Palästinensische Jugendliche stellten aus Laschen von Kinderschuhen Steinschleudern her. Die Einsatztruppen der Polizei schützen sich gegen solche und andere Wurfgeschosse mit Schilden aus Plastik. Die Protestler sind da einfallsreicher: In Rom bezogen sie bei Demonstrationen gegen Kürzungen im Bildungsbereich ihre Schilde mit vergrößerten Buchumschlägen von Klassikern wie Boccaccio, Spinoza, Elsa Morante. In Barcelona benutzten sie bei Protesten gegen die Weltbank Fotos von Immigrantenkindern: Die Polizisten griffen also mit ihren Schlagstöcken Bücher und unbewaffnete Kinder an. Im Fernsehen macht so etwas gar keinen
guten Eindruck.

Viele der "ungehorsamen Objekte" werden nach Beendigung der Schau sicher wieder aktiven Dienst leisten, denn die Leihgeber der meisten Stücke sind nicht etwa Museen, sondern ihre Hersteller selbst. 99 Objekte sind ausgestellt, am Ende der lehrreichen und vergnüglichen Schau ist Platz gelassen für die Nummer 100, ein "ungehorsames Objekt der Zukunft". Wie das wohl aussehen wird?

Disobedient Objects

bis 1. Februar 2015,
Victoria & Albert Museum,
London

Der Katalog zur Ausstellung ist im Eigenverlag des Museums erschienen und kostet 19,99 britische Pfund, im deutschen Buchhandel zirka 20,95 Euro.
http://www.vam.ac.uk/content/exhibitions/disobedient-objects/