Vito Acconci - Interview

”Kunst hat nichts mit den Menschen zu tun

Warum wird einer der Begründer der Performance-Art bei der Design Miami zum Designer of the Year gewählt? art-Korrespondentin Claudia Bodin sprach mit Vito Acconci über seine ungewöhnliche Karriere.
Designer des Jahres:Vito Acconci, Legende der Performance-Art

Vito Acconci

Seine Performance ”Seedbed" in den siebziger Jahren, bei der Vito Acconci zwei Wochen lang masturbierend unter dem Boden der Sonnabend Galerie lag und von den Besuchern über ihm fantasierte, machte den New Yorker Künstler berühmt.

Er verfolgte Fremde auf der Straße, fügte sich am eigenen Körper Bissstellen zu oder kämpfte mit seinem Schatten. 1988 verabschiedete sich Acconci von der Kunst und eröffnete ein Design- und Architektur-Studio in Brooklyn, das seitdem Projekte wie eine muschelförmige Theater-Plattform auf der Grazer Murinsel oder einen Tunnel in Indianapolis, in dem LED-Lichter Fußgänger und Radfahrer begleiten, realisierte.

Mit der Ernennung zum Designer des Jahres würde Acconci hoffentlich die Anerkennung bekommen, die ihm zusteht, so Design Miami-Direktorin Marianne Goebl. Der Mitbegründer der Performance Art, der mit seiner Auszeichnung Designer-Kollegen wie Marc Newson und Konstantin Grcic beerbt, verwandelte Hallen im Design District von Miami in einen greifbaren virtuellen Raum samt Sound-Installation und soll 2014, wenn die Finanzierung zustande kommt, ein gewundenes Klettergerüst für Kinder auf einem Spielplatz in der Stadt aufstellen. art traf Acconci wenige Tage vor der Messe-Eröffnung in seinem Studio in Dumbo, Brooklyn.

art: Auf Ihrer Website ist zu lesen, dass Ihr Büro einen Architekten sucht.

Vito Acconci: Ich glaube nicht, dass wir im Moment jemanden anstellen können. Wir befinden uns in einer katastrophalen finanziellen Lage. Aber eigentlich ist das immer der Fall.

Welche Qualifikationen muss man mitbringen, um im Acconci-Team zu arbeiten?

Sehr gute Fähigkeiten am Computer. Die Gabe, parametrisch und weitgreifend zu denken. Wir brauchen jemanden, der digital arbeitet und die Dinge auf den Kopf stellen will.

Hat Sie die Auszeichnung zum Designer des Jahres überrascht?

Absolut. Ich glaube immer noch nicht, dass die Leute uns als Designer besonders ernst nehmen. Auch wenn ich seit den achtziger Jahren nichts mehr gemacht habe, das mit Kunst zu tun hat. Unser Projekt auf der Grazer Murinsel war ein erster Wendepunkt. Doch wir wollen nicht nur Gebäude entwerfen, sondern auch Kleidung, Möbel, Fahrzeuge.

Haben Sie Ihre berühmte Performance ”Seebed" (”Saatbett") jemals bereut?

Sie übernahm gewissermaßen die Führung. Startete meine Karriere und beendete sie zur gleichen Zeit. Weil ich für viele Leute immer die Person bin, die unter dem Fußboden masturbiert hat. Dabei hatte ich damals zunächst gar keine Idee, was ich überhaupt unter dem Fußboden anstellen würde. Also las ich über Begriffe wie Fundament, was mich zu Boden und schließlich zu Saatbeet führte. Und ich wusste, was ich zu tun hatte. Die Arbeiten, die ich in den späten sechziger Jahren gemacht habe, entsprangen einer Zeit, in der sich jeder selbst finden wollte.

Von der Idee, Karriere in der Kunst zu machen, waren Sie damals weit entfernt?

Ich zahlte 60 Dollar Miete und verdiente Geld als Schreiber. Vier Dollar bekam ich pro Ausstellungsbesprechung. Schriftsteller mussten kein Geld verdienen, weil sei kein Material brauchten, um etwas zu bauen. Aber ich fühle mich gar nicht so anders heute. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein Projekt wegen des Geldes angenommen habe. Man kann immer unterrichten, um sich die Miete zu verdienen. Nach einiger Zeit hatte ich damals das Gefühl, dass ich mich als Schreiber limitieren würde. Dass Schreiben nicht mehr die Bedeutung wie in der Vergangenheit hatte. Ich fragte mich, ob Leute, die früher als Schriftsteller arbeiteten, in den sechziger Jahren Songwriter wurden. Neil Young, Leonard Cohen, Van Morrison, Lou Reed, Velvet Underground waren wirklich bedeutend für mich.

Warum haben Sie sich in den achtziger Jahren aus der Kunstwelt verabschiedet, um sich Architektur und Design zu widmen?

Weil ich die Menschen erreichen wollte. Die Kunst schien mir nicht der richtige Ort dafür zu sein. Wenn sich jemand Kunst ansieht, bleibt er Betrachter – ein Teilnehmer ist er nicht. Kunst hat nichts mit den Menschen zu tun. Sie stehen lediglich vor einem Werk oder laufen darum herum. Und das war der Grund, warum ich die Kunst verachtete. Ich möchte, dass die Menschen mehr Einfluss haben. Es ist wichtig, dass sie Teil ihrer Umgebung sind. Können sie Architektur verändern? Im Moment sind sie der Architektur untergeordnet.

Gebäude stehen für Macht, Geld, Status.

Es muss einen anderen Weg geben. Andere Architekten haben darüber nachgedacht. In den sechziger Jahren war es zum Beispiel die Gruppe Archigram. Allerdings wurden ihre Entwürfe niemals gebaut.

Weil man letztlich einen Bauherren braucht, der die Projekte finanziert.

Das bedeutet nichts. Dann entwirft man eben Dinge, die nicht gebaut werden und die in der Zukunft die Welt erschüttern. Wenn ich darüber nachdenke, welche Architekten mich zu diesem Beruf führten, waren es Archigram, Pierre Boulet und Giovanni Piranesi. Keine Bauten, aber viel Einfluss.

Sie hatten nie das Bedürfnis, in die Kunstwelt zurückzukehren?

Mitte der siebziger Jahre machte ich diese Installationen und hatte das Gefühl, dass ich im falschen Feld arbeitete. Die Galerien bewegten nichts. Dass die Museen ebenfalls nichts bewegten, nahm mir wirklich die Lust. Sie erwarben Arbeiten von uns und ließen sie dann nicht von den Leuten erfahren. Weil sich Materialien abnutzen. Weil man sie hätte erneuern müssen. Ich wollte Teil eines Raumes sein, den nicht nur Leute bevölkerten, die von der Bedeutung von Kunst überzeugt waren. Und das ist die Straße.

Aber was ist mit Museen wie dem MoMA mit Millionen von Besuchern, die sonst nicht viel mit Kunst in ihrem Leben zu tun haben?

Die Besucherzahlen sind erstaunlich. Aber dennoch gibt es immer noch mehr Menschen, die niemals ein Kunstmuseum betreten. Oder im Museum eine Arbeit nach der nächsten abschreiten. Ich muss an diese wunderbare Szene in Godards Film ”Band of Outsiders" denken, in der Leute durch den Louvre rennen und der Erzähler sagt, dass sie einen Rekord gebrochen haben. Davon abgesehen ist das MoMA eines der zehn schlechtesten Gebäude von New York. Wenn man die Rolltreppe hinauffährt hat man das Gefühl, das Gebäude durch den Hintereingang zu betreten. Ich glaube, dass Museen für Zusammenstöße sorgen sollten. Für Widersprüche. Wenn sich die Leute inmitten einer Auseinandersetzung befinden, sehen sie vielleicht genauer hin.

Was halten Sie von der Rolle der Galerien?

Sie sind da, um Kunst zu verkaufen. Mit meinen Arbeiten hatten sie es sicher schwer. Weil man mich ja nicht als Person kaufen konnte. Nur das Material, das meine Aktionen dokumentierte. Was ich immer als schrecklich empfand. Ich hasste den Gedanken, dass etwas, das der Öffentlichkeit zugänglich sein sollte, plötzlich in einer privaten Sammlung verschwinden sollte.

Was hat sie überhaupt dazu angetrieben, Kunst zu machen?

Die Idee, etwas zu schaffen, was man noch nie gesehen hat. Ich erinnere noch, wie mich als Kind das Foto von Jackson Pollock und seinen Drip Paintings in Life Magazine beeindruckt hat. Die Kunstwelt fühlt sich lange nicht mehr so an. Auf jeden Fall nicht mehr seit den achtziger Jahren.

Was hat sich damals verändert?

Meine Generation trägt die Schuld. Dennis Oppenheim und ich führten Gespräche darüber: Wir dachten, dass wir mit unseren Arbeiten die Kunstwelt kollabieren lassen würden. Wir lagen so dermaßen falsch. Denn wir waren es, die die Kunsthändler bedeutender als je zuvor machten. Jeder weiß was ein Gemälde oder eine Skulptur ist. Aber dann kam ein Sammler in die Galerie und der Galerist erklärte: Dies ist eine Blechdose, die Manzonis Scheiße enthält. Die Leute verstanden die Arbeit der Künstler nicht mehr und brauchten jemanden, der sie ihnen verständlich machte. Vor den Künstler hatten sie Angst, denn das waren diese haarigen Leute, die masturbierten. Leo Castelli und Ileana Sonnabend, bei der ich in den siebziger Jahren ausstellte, waren die letzten interessanten Galeristen. Ileana Sonnabend hat einmal in einem Interview auf die Frage, was sie weitertreiben würde, geantwortet: Gier und Neugier. Sie hat nichts verheimlicht. Welcher Kunsthändler würde heute so etwas von sich geben?

Haben Sie es nie als Hindernis empfunden, dass Sie keine Ausbildung als Architekt oder Designer hatten?

Ich weiß nicht, wie man etwas baut oder wie man zeichnet. Ich weiß nur, wie man mit Worten spielt. Mit Worten zu spielen, bedeutet für mich, zu denken. Die Architektur-Studenten, die ich unterrichte, halten ihre Entwürfe oftmals für zu radikal. Ich erinnere sie dann daran, dass sie wahrscheinlich die radikalste Zeit ihres Lebens durchleben und dass sie noch einen Schritt weiter gehen sollten. Meine Designideen basieren auf etwas. Wie der Entwurf für das Klettergerüst, dem die mathematische Formel der Kleinschen Flasche und die Idee von Unendlichkeit zu Grunde liegen. Das Spielgerüst haben wir ursprünglich für ein Dritte-Welt-Projekt entworfen. Bis es schließlich in Mailand präsentiert wurde. Kinder in Beirut und dann in Mailand stimmten für das Projekt, das Teil einer Ausstellung im MoMA war, aber bislang niemals realisiert wurde. Kinder sind am einfallsreichsten, bis die Leute anfangen, ihnen zu erzählen, dass ihre Ideen zu nichts führen werden.

Design Miami: Designer of the Year

Die Designmesse läuft vom 5. bis zum 9. Dezember, parallel zur Kunstmesse Art Basel Miami, die vom 6. bis zum 9. Dezember dauert
http://miami2012.designmiami.com/designers-of-the-future