Die schönsten Schweizer Bücher - Museum für Gestaltung Zürich

Qualität kommt von Qual

Das Museum für Gestaltung in Zürich zeigt in einer Ausstellung "Die schönsten Schweizer Bücher 2009". Im Zuge dessen wurde der Jan-Tschichold-Preis verliehen, der seit 1998 für hervorragende Leistungen in der Buchgestaltung vergeben wird. In diesem Jahr ging er an Christoph Keller und seine Christoph Keller Editions, die er seit 2007 im JRP|Ringier Kunstverlag in Zürich verlegt. Der Hamburger Künstler Peter Piller hielt diese ungewöhnliche Laudatio.
"Qualität kommt von Qual":Christoph Keller erhält Jan-Tschichold-Preis

"Die schönsten Schweizer Bücher 2009", Ausstellungsmotiv

"Über Alterungs- und Lernprozesse im Umgang mit dem Verleger und Freund Christoph Keller, der mich zu dieser Laudatio gezwungen hat, weil er nun auch noch geehrt werden will!"

"Mit Leib und Seele im Erwachsenenleben angekommen tue ich das meiste unter Protest. So schreibe ich auch diese Laudatio auf Christoph Keller nicht etwa aus freien Stücken, sondern aus einer Notlage heraus, in die ich durch meine Abhängigkeit von der Zusammenarbeit mit Herrn Keller geraten bin und aus der es, je länger sie andauert (und sie dauert nun schon mehr als ein Jahrzehnt an), desto weniger Auswege gibt.

Es war in einem der letzten Sommer des vergangenen Jahrtausends, als mir eine Bekannte ankündigte, ein mit ihr befreundeter Verleger wünsche, mich im Atelier zu besuchen, und ich dies zusagte, ohne jede Erwartung, aus naiver Neugier, nicht ahnend, dass damit ein Grundstein gelegt war für meine biographische Wende von einem schillernden Studentenalltag, in dem nicht nach dem nächsten Tag gefragt wird, hin zu einer grauhaarigen, freudlosen Beamtenexistenz an einer sächsischen Kunstakademie in ihrer zermürbenden Trägheit bekannter Zwänge.

Was gab Herrn Keller nach nicht mehr als zwei Stunden in meinem Atelier, die wir damit zubrachten, meine Sammlung von Zeitungsfotos deutscher Regionalzeitungen zu sichten, das Recht zu dem Vorschlag, aus diesem Material eine Buchreihe mit mindestens zehn Bänden zu publizieren? Schon zum damaligen Zeitpunkt und bis heute bestrebt, in die Gesellschaft handverlesener Kollegen zu kommen.

Vom Kunstbetrieb noch nicht wahrgenommen und getrieben vom Ehrgeiz sagte ich sofort und bedingungslos zu, was hätte ich anderes tun können? Die Falle schnappte lautlos zu, bei mir wie bei so vielen Kollegen/Innen, mit denen ich mich auf Gruppenausstellungen oder Messen über die Zusammenarbeit mit Keller austauschte. Der naive Glaube an die einfache Übersetzung einer Arbeit in ein gegebenes Format Buch war schnell dahin, denn mit jedem Buch wurde die bereits fertige Arbeit vom Grunde an neu gedacht und alles Geschlossene neu aufgerollt. Die Schallplatte vom sprechenden, denkenden, beseelten Material in uns wie um uns, mit der man unsere Künstlergeneration der 90er Jahre an den Akademien pausenlos beschallt hatte, lief einfach weiter.

Die Nutzlosigkeit jeder Diskussion über die Keller'schen Entwürfe

Nach diesem ersten Besuch also vergingen nur wenige Tage und ich sah mich bereits ersten Entwürfen zur Gestaltung einer Buchreihe Archiv Peter Piller gegenüber. Das Perfide dieser Gestaltung war, dass sie in ihrer Einfachheit den Eindruck erweckte, ich selbst, als Laie, hätte sie herstellen können. Alles in ihnen war Konzentrat (besser: Destillat). Als hätte Keller bereits bei der Produktion der entsprechenden Bilder, Zeichnungen, Texte auf meiner Schulter gehockt und mitgedacht, und weil er durch das inhaltliche Verständnis des Kerns der Arbeiten dieselben schamlos an sich riss und zu seinen eigenen machte, hatte jede Zusammenarbeit mit ihm immer den Charakter einer freundlichen Übernahme.

Auch die äussere Erscheinung dieses Menschen in meinem Atelier hatte keinerlei Anlass zur Beunruhigung gegeben. Ein junger Mann wie ich damals einer war, unauffällig unter Kunststudenten, hätte man ihn unter die Diplomanden jeder damaligen Akademie einreihen können, ohne dass er aufgefallen wäre, denn er verbargnoch sein wahres Gesicht, das er der Welt heute offen entgegenhält, – doch dazu später.

Wie konnte ich ahnen, dass dieser Mensch Machiavellis Il Principe, Gracians Handorakel und Kunst der Weltklugheit und nicht zuletzt von Clausewitz' Vom Kriege längst gelesen und verinnerlicht hatte? Schnell lernte ich die Nutzlosigkeit jeder Diskussion über die Keller'schen Entwürfe, die unweigerlich zu meinen Ungunsten enden musste, denn keinen Millimeter lässt sich dieser Mensch je von seinen Überzeugungen weg bewegen. Stumm und dankend habe ich hingenommen, wie er mit meiner Arbeit eine inzwischen unüberschaubare Anzahl von Publikationen bestritt.

Anfangs geschah dies im von ihm gegründeten Revolver-Verlag in Frankfurt/Main, doch im Jahr 2005 vollzog sich plötzlich, aber nicht unerwartet, eine Wandlung in Wesen und äusserer Erscheinung der Person Keller. Hatte er bis dahin ruhelos Buch um Buch in eigener Regie und eigenem Verlag gemacht, mit der Kleinfamilie in der hässlichsten und gemeinsten deutschen Stadt, Frankfurt, wie er es sagen würde "die Stellung haltend", unablässig und zu Recht fluchend über die Eitelkeiten, Ungerechtigkeiten und Bosheiten des Kunstbetriebs, gab er urplötzlich Verlag und 'Stellung' auf und bezog in Nähe zum Bodensee eine alte Mühle.

Neuer Hauptberuf des Schnapsbrenners

Wer ihn nun dort im badischen Idyll aufsucht, in diesem tiefsten aller vorstellbaren Funklöcher Europas, inmitten der letzten verbliebenen blühenden Landschaften Deutschlands, den empfängt ein von Haar- und Bartwuchs zugewucherter Latzhosen-Träger, äusserlich dem Saddam, der seinerzeit aus einem Erdloch im Irak gezogen wurde, nicht ganz unähnlich. Dieser Mensch, am liebsten auf seinem Traktor sitzend, spricht nun ausser mit seiner Familie fast nur noch mit seinen Tieren, irgendwelchen beinahe restlos ausgestorbenen osteuropäischen Wildschafen aus der Walachei, fünf baumlangen Lamas und einer Handvoll Gänsen – und wo der Ärger sich früher auf die Museen, Kuratoren, Kritiker, Galeristen bündelte, hasst er nun am meisten den Habicht, der seine Hühner schlägt.

Künstlerbücher werden auch noch gemacht, aber langsamer, weniger und in den kurzen saisonalen Zwischenzeiten, die ihm sein neuer Hauptberuf des Schnapsbrenners noch lässt. Schnäpse stellt er her, verstehe einer, was das soll! Aber natürlich nicht irgendwelche Schnäpse, sondern die edelsten Destillate europäischer Früchte, auch in diesem Feld als Niemandes Schüler, nur durch Lektüre, seine Sinne und seinen Verstand gebildet, binnen kürzester Zeit aufstrebend, von welchem Willen auch immer getrieben, räumt er nun unter seinesgleichen Schnapsbrennern silberne und goldene Plaketten für seine Flaschenhälse ab.

Man möge Herrn Keller gönnen, nur einmal etwas mittelgut, mässig, durchschnittlich, unambitioniert zu tun, was immer es sei, damit auch er eines Tages diese Seite des Menschseins kennen lernt."

Nachsatz

"Ich hoffe, Ihnen mit diesen Zeilen die Person des Geehrten, Herrn Keller, mit all ihrer Tyrannei, ihrer an Ignoranz grenzender Sturheit, ihrer erbarmungslosen Härte und quälenden Unnachgiebigkeit etwas näher gebracht zu haben, als sie es wünschten, und gelobe, bis ans Ende meiner Tage mit keinem anderen Gestalter und Verleger je ein Buch machen zu wollen!"

"Die schönsten Schweizer Bücher 2009"

Termin: bis 4. Juli, Museum für Gestaltung Zürich. Das Buch "Die schönsten Schweizer Bücher 2009" erscheint am 15. Juni im Verlag der Schweizerische Eidgenossenschaft und kostet 30 Euro
http://www.museum-gestaltung.ch/welcome.html

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