Illustrative 2013 - Berlin

Traumzeichner

Zarte Jünglinge, schöne Mädchen und eine kleine Burlesque-Einlage – mit etwa 200 internationalen Künstlern, die in ihren Bildern Traum- und Parallelwelten beschreiten, zeigt die 6. Illustrative in Berlin die Kunst des Grafikdesigns und der Illustrationen.

Die Kleider bauschen sich in der sommerlichen Brise auf, die – während des Kusses unbeachtet – auch den blauen Schal zum Wehen bringt. Die Augen geschlossen, die Lippen sanft und die Hände einander berührend geben sich die beiden Frauen dem Kusse hin. Romantisch – ja. Kitschig – ein wenig. Und genauso wie Agata Nowickas "Kiss" kommen auch die anderen Arbeiten auf der Illustrative 2013 in Berlin träumerisch leicht, traumwandlerisch verworren oder wie aus einem Albtraum entsponnen daher.

Detailliert und mit zärtlich inszenierten Charakteren, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen, bilden die internationalen Grafikdesign-Beiträge in diesem Jahr einen Reigen der Träume und der Fantasie. Und auch wenn der Schwerpunkt auf polnischen Künstlern liegt, scheinen diese genauso wenig wie die anderen Beiträge eine Verwurzelung in der realen Welt zu haben. Schon das "Ankleiden" wird bei der Warschauer Illustratorin und Comic-Zeichnerin Agata Nowicka – sie arbeitete bereits für die "Elle" und die "New York Times" –, zu einer Begegnung mit Tiefseemonstern, die wie Kleidung in die Schubladen einer Kommode gezwängt schlapp und harmlos wirken.

Ihr Landsmann Arobal indessen wählt mit Lady Gaga eine übernatürlich wirkende Königin des Pop und mit Elisabetta aus der Oper "Roberto Devereux" die Königin Englands. Doch obgleich er Königin Elisabetta in Manier der klassischen Malerei und wie eine Heilige umstrahlt darstellt, zeigt sie bei ihm anders als in den Gemälden Queen Elizabeths I. nicht nur Stärke, sondern auch Verletzlichkeit. Sie weint, wie in der dramatischen Oper, um ihren Geliebten, dessen Todesurteil sie unterschrieben hat und den sie durch eine Intrige, wie sie mit Entsetzen begreift, nicht mehr zu retten vermochte.

Weniger dramatisch, ja eher ruhig, so als würde ein ruhiges Atmen einen ins Dämmerlicht des Schlafes treiben, ist die in zarten Pastellfarben gehaltene "Tagträumerin" des Taiwanesen Hsiao Ron-Chen. Gebettet in einen Wald, den sie körperlich überragt, sieht ein Mädchen, mit einem Haar wie rosa Zuckerwatte und einem Teint wie belebtes Porzellan, mit ihren hellen blauen Augen durch den Betrachter hindurch in die Ferne. "Schamanische Galaxie-Krieger", die aussehen als würden sie im All in einem grün gekachelten U-Bahn-Schacht wachen, liefert die Deutsche Mymo, die in Berlin und Kapstadt lebt und in ihren mythischen Werken afrikanische Riten auf intuitive Weise mit Streetart verbindet.

Und auch die anderen Werke von etwa 200 internationalen Künstlern – darunter blasse, von Blumen umgebene Jünglinge beim US-Amerikaner Steven Tabbutt und eine schöne, fahlgrau gefärbte Sterbende mit leuchtend rotem Tuch beim Italiener Fausto Bianchi –, stellen unter Beweis, dass Grafikdesign und Illustration hohe Kunst sein können. Neben Zeichnungen, Druckgrafiken und Buchkunst werden auf der 6. Illustrative Installationen, 3-D-Objekte und Animationsfilme gezeigt. Und während der 31. August ganz im Zeichen von Künstlergesprächen, Führungen, einer Podiumsdiskussion und nicht zuletzt einer bunten Party steht, können Besucher der Ausstellung ihrem Gaumen und Gemüt am 1. September beim "Illustrious Winetasting" einen Gefallen tun. Weiterer Höhepunkt ist der "Dr. Sketchy's Anti-Art School"-Zeichenkurs am 3. September, bei dem Burlesque-Tänzerinnen Interessierten Modell stehen und für eine kleine Tanzeinlage sorgen.

Illustrative 2013

31. August bis 8. September,
Direktorenhaus,
Berlin

http://www.illustrative.de/