Möbelmesse - Mailand

Fetisch Kreativität

art-Autor Till Briegleb entdeckt die wahren Helden der Mailänder Möbelmesse "Salone del Mobile".
Helden des Designs:durch die endlosen Hallen der Mailänder Möbelmesse

Eine Arbeit der heimlichen Helden, Installation "Head" der Kunst- und Designhochschule von Genf

Auf einer Möbelmesse wie dem Salone del Mobile in Mailand ist der Hausrat das Gegenteil von dem, was man sich von ihm wünscht.

Festgeschraubt an Boden, Wänden und Decken sind die "Mobile" weder dazu gedacht, bewegt, noch mit Hand oder Gesäß berührt zu werden. Sie müssen nur dem Sturm der Smartphone-Fotografen und Prospektsammler stand halten, die sich dem heimischen Langzeitbegleiter mit Sekunden-Aufmerksamkeit nähern. Wie eine Feuerwalze der Ungeduld zwängen sich rund 300 000 Fachbesucher durch die Herstellerboxen auf dem Messesatelliten vor der Stadt und schaffen es trotz 24 riesiger Hallen voll mit Markendesign, dass überall Enge, Ellenbogen und das Emissionsgemisch einer Flughafen-Parfümerie herrscht. Mehr Gegenteil zu den Qualitäten eines Zu Hause lässt sich schwerlich herstellen.

Da helfen dem Wohlbefinden auch keine aufwändigen Als-Ob-Inszenierungen von Luxus-Appartments, wie sie die Auto- und Modefirmen mit Interior-Abteilung hier reihenweise arrangieren. Bentley, Aston Martin, Versace, Fendi oder Roberto Cavalli zeigen die ganze Pallette geschmackloser Extravaganz, wie sie nur noch in italienischen und russischen Wohnmagazinen abgebildet werden – Wand an Wand mit den klassischen Möbelherstellern, die sich mehr auf den unsterblichen Wohnzimmer-Schallschutz aus beige, weich und rechteckig konzentrieren.

Dazwischen gibt es auf dieser wichtigsten Branchenschau für Interior-Schick alles im totalen Überfluss zu sehen, was aus der Kombination der Jahrhunderte an Stilvarianten möglich ist: von neo-barock bis tiefkühl-bauhaus und alle hybriden Formen, die sich aus diesen Extremen verzwittern lassen. Star-Designern präsentieren hier die neueste Variation ihrer ältesten Ideen, hoffende Nachwuchskräfte im SaloneSatellite zeigen Faltmöbel, tropfende Wasserhähne als Tischleuchte oder ein Regal aus Glasplatten und grünem Bambus, das wenig Vertrauen in seine Tragfähigkeit suggeriert.

Doch selbst, wer mit dem festesten Vorsatz nach Mailand gereist ist, hier das Originelle und Neuartige zu finden, und dazu hunderte Adressen für innovative Versprechen abklappert, die sich vor allem am Mailänder Stadtrand in der Zona Tortona und der Ventura Lambrate versprenkeln, sieht irgendwann nur noch Zeugs, Zeugs, Zeugs. Immer neue Variationen einst mal origineller Designideen vermitteln in den temporären Locations – in Shops, Garagen, Kellern und Industriehallen – schnell den Eindruck, dass Möbel auch nur Pflanzen sind, von denen es ein Erfolgsmodell gibt, dass sich ständig aussamt und neu kopiert.

Zum Beispiel nackte Glühbirnen in einem Drahtgestell, wie man sie früher von der Baulampe kannte, verbreiten in edler Verarbeitung mittlerweile an diversen Ständen ihr ungemütliches Licht. Kupfer hat sich inzwischen eine unangefochtene Marktposition als das Gold des Hipsters erobert, das überall zum Einsatz kommt, wo ein Material-Statement gefragt ist – dicht gefolgt von farbigem mundgeblasenen Glas und Marmor, die beide konsequent gegen ihre natürlichen Eigenschaften eingesetzt werden: Glas als tragendes Element und massiver Marmor für mobile Gegenstände wie Sessel, die der normale Mensch eigentlich gerne auch mal umstellen würde.

Möbel aus dem 3D-Drucker rangeln sich mit innovativen Schreinermeistern um die originellste Version von massiven Objekten, die aussehen wie ein wackelndes Fernsehbild. Allerorten werden Funktionsgestelle mit Gurten, Fahrradschläuchen oder Draht zusammengehalten, umstrickt, umwickelt oder mit anderen irgendwie unpraktikablen Formen von Schnur und Stoff verbunden. Und "niedlich" ist auch ganz weit vorn. Schränke, die aussehen wie Emoticons, Lampen mit Spielzeugfüßen, Sessel als große Barbapapas und diverse Möbel mit Gesicht werden in der "Ist-ja-süüüß"-Skala nur noch übertroffen durch den Einsatz von Tieren. Marmorhasen als Dinnerstühle, Porzellanschweinsköpfe als Terrinen, salutierende Pinguine in Gold oder ganze Armeen lumineszierender Scheintier-Wesen zeugen doch von einer gewissen Teletubbie-Mentalität, die man als junger Designer vielleicht entwickeln muss, um den Erfolgsstress in dieser gigantischen Geschmacksindustrie zu ertragen.

Obwohl natürlich auch in der Designwelt die Paradoxie des globalen Marktes gilt, dass der Schrei nach immer mehr Vielfalt zu immer mehr Angleichung führt, lassen sich dennoch Nationen benennen, die lustiger, kitschfreier, innovativer, frecher und also origineller sind, als andere. Und das sind mittlerweile seit Jahren die Holländer vorneweg, zuletzt auch immer wieder die Dänen und Schweden, und auch aus Berlin und Detmold waren in der Ventura Lambrate ein paar Eigensinnigkeiten zu sehen. Ausbildung und gedankliches Klima schaffen hier offensichtlich den Mut, unkonventionell zu denken, wie man es etwa in der verrückten Ausstellung der Schule von Eindhoven sehen konnte, die allerhand figürliches und hybrides Zeugs versammelte, dessen Nutzen überhaupt niemand hinterfragen konnte, denn darum ging es gar nicht.

Auch die anderen Schulausstellungen, etwa der Kunstakademie Den Haag oder die Sammelausstellung mit Studentenarbeiten aus diversen europäischen Ländern boten einen freudigen Ausblick auf eine Welt, in der Individualität nicht nur eine Marketinglüge von Designfabriken ist. Doch auch eine kommerzielle Firma wie Hay kann mit ihren Produkten den Unterschied behaupten, dass klug gewährte Freiheit ein Erfolgsmodell sein kann. Die rundum überzeugende Mischung aus kleinen Extravaganzen und nordisch schlichten Kompositionen, die das dänische Label in seinem großen Laden in der Innenstadt präsentierte, formulierte eine klare Kampfansage an Ikea, Marktführer für erschwingliche Designprodukte zu werden, die den Namen auch verdienen – und niemandem beim Aufbau zur Verzweiflung treiben.

Unsinn am Rand des Verkaufbaren boten dem Event-Nomaden schließlich in Seitenshows Erholung vom Behauptungs-Format. Maarten Baas veranstaltete einen kleinen Indoor-Kirmes mit Möbel-Karrussel, glitzernden Rodeo-Automaten und eingesperrten depressiven Clowns, während junge Designer aus Europa nebenan Stühle aus Ballonwürsten und abstruse Heizungen mit offenem Feuer anboten. Und in einer Ausstellung unter dem Titel "Delirious Home" zeigte die Kunstschule Lausanne eine mobile Zaubershow mit schreiendem Gemüse, Teelöffeln, die der Tassen folgen, schräg auf der Kante kreiselndem Geschirr und Voodoo-Sesseln, die aus einem Sitzmöbel Bewegungen in das Gegenüber übertragen.

Dass all diese interessanten Sperenzchen ihre Erfinder später kaum ernähren werden, ist die Grausamkeit des Marktes, der seinem Wesen nach nur an Waren interessiert ist. Aber für den Fetisch der Kreativität, der auf dem Salone aus jedem einzelnen Pavillon posaunt wurde, als sei die Apokalypse der Einfallslosigkeit nicht mehr weit, sind diese jungen und verrückten Talente die wahren kleinen Design-Götter. Ihre Freiheit im Denken und Formen kann ein wenig den Glauben aufrecht halten, dass Design doch mehr Gehalt besitzt, als nur Begehrlichkeiten zu wecken.