Frédéric Dedelley - Junges Design

Ich breche gern die Regeln

Der Zürcher Designer Frédéric Dedelley kratzt am Bild des nüchternen Schweizer Designs: Seine Entwürfe sind zwar diskret, aber auch gefühlvoll und charmant
"Ich breche gern die Regeln":Die Entwürfe des Zürcher Designers Dedelley

Der Computer ist nicht sein liebstes Werkzeug: Frédéric Dedelley mit Karton- und Papiermodellen in seinem Zürcher Atelier

"Damit habe ich den Wettbewerb gewonnen“, sagt Fréderic Dedelley. Der Designer legt zwei pinkfarbene Röhrchen mit Füllfederhalterclip auf den Tisch in seinem Zürcher Atelier. Er hat sie für die Expo.02 entwickelt. Bei der Schweizerischen Landesausstellung gab es einen Heiratspavillon. Darin konnten Paare sich für 24 Stunden das Jawort geben.

Als Kennzeichen ihres Versprechens durften sie die kleinen Röhrchen mitnehmen. Die passten besser in die Zeit als Eheringe und ließen sich auch an die Kleidung und in die Haare stecken. "Das sind eigentlich Ready-Mades. Die Röhrchen werden von Anglern verwendet, um nachts Fische anzulocken", sagt Dedelley. Wenn man sie biegt, zerbricht eine Sperre, zwei Flüssigkeiten mischen sich und beginnen zu leuchten. "Knapp 24 Stunden lang."

Dedelley hat von solchen kleinen, anonymen Objekten eine ganze Reihe entworfen, als er 1995 sein eigenes Atelier eröffnete. "Ich hatte damals nur sehr wenige Aufträge und viel Zeit, um Ideen zu entwickeln. Für die kleinen Helfer brauchte ich keine Werkstatt und kein großes Budget", erinnert er sich. Am bekanntesten wurde eine Art überdimensionale Büroklammer, mit der man ein Trinkglas in eine Vase für eine Blume verwandeln kann. "Fleur" wurde von der Londoner Firma Wireworks ein paar zehntausendmal verkauft.

Inzwischen hat Dedelley längst für de Sede, Dornbracht und Driade Möbel und Objekte entworfen, sich als Ausstatter von Ausstellungen einen Namen gemacht und eine Professur für Möbeldesign an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel inne. Bei der Möbelmesse in Mailand hat die Schweizer Firma "Wogg" gerade einen neuen Sessel vorgestellt, der durch den spielerischen Kontrast aus reduzierter klarer Holzstruktur und ausladender, weicher Polsterung gefällt. Die Vorliebe zum Einfachen haben auch die komplexeren Entwürfe behalten. "Mir geht es dabei aber nicht um Reduktion, ich will vorhandene Typologien auf ihre Wesensmerkmale befragen und dadurch neu bestimmen", sagt Dedelley.

Mit viel Witz und leichter Hand

Wie raffiniert das ausfallen kann, zeigt ein Drehhocker, den er bereits 1999 für den Schweizer Auftritt bei der Internationalen Gartenbauausstellung in Kunming, der chinesischen Partnerstadt von Zürich, entworfen hat. Die Landschaftsarchitekten Stefan Rotzler und Matthias Krebs stellten die Tourismusklischees des Landes auf überdimensionalen Postkarten vor. Dedelley reagierte mit bewährten Werten des Designs. Sein auf einem zentralen Fuss stehender Sitz "Play­time" erinnert an einen Melkschemel, die drei Lochreihen an Hans Corays berühmten Stuhl für die Schweizerische Landesausstellung 1939, die rote Farbe an die Möblierung vieler Gartenrestaurants der fünfziger Jahre. Der Hocker mit den beiden Seitengriffen zum Festhalten, der noch immer von Burri Public Elements produziert wird, ist eine nostalgisch-ironische Collage und wirkt gerade in dieser Mischung ganz aktuell.

Da scheint einer mit viel Witz und leichter Hand die Tradition des Bauhauses in die Gegenwart zu übertragen. Dedelley fühlt sich in dieser "eher nordeuropäischen Tradition" auch zu Hause. Er ist 1964 im westschweizerischen Fribourg geboren und hat nach dem Studium in Lausanne und La Tour de Peilz am Genfer See zwar eine Weile in Paris und in San Francisco gelebt, ist 1993 aber aus "kulturellem Heimweh nach Europa" in die Schweiz zurückgekommen. "Mir war klar, dass Philippe Starck nicht meine Welt war." Er schätzte die französische Moderne, die Leichtigkeit in den Entwürfen einer Eileen Gray, die Architektur eines Robert Mallet-Stevens.

In seinen eigenen Entwürfen kombiniert Dedelley Einfachheit und Funktionalität mit Ironie und Verspieltheit. "Ich möchte meinen Objekten Emotio­nen mitgeben", sagt er und lässt darin noch etwas von seiner jugendlichen Begeisterung für Memphis-Design und schnelle Autos anklingen, die er immerhin noch zu Beginn des Designstudiums 1985 entwerfen wollte. Das kann sich in Kleinigkeiten zeigen. So öffnet sich der Kleiderschrank "Haïku", den er 2004 für den Schweizer Hersteller Lehni entwarf, durch die Platzierung der Türgelenke in den Seitenwänden mit einer großen Geste, die dem Besitzer allmorgendlich stolz seine schönen Stücke präsentiert.

"Ich möchte meinen Entwürfen viele Funktionen mitgeben"

Dedelleys Vorliebe für Geometrie der Tradition hat aber auch praktische Gründe. "Die biomorphen Entwürfe von heute entstehen zum großen Teil am Computer, und der ist nicht mein liebstes Werkzeug", sagt er. Er skizziert seine Ideen gerne auf Papier oder nimmt gleich einfache Materialien zum Modellieren zur Hand. Im Atelier stehen Kartonmodelle für einen neuen Sessel und Wäschekörbe in drei Größen, die aus Packpapier gefaltet sind. Der "Deckel" ist wie eine Kappe ausgeformt, der sich umdrehen und als eigener Behälter zum Sortieren der Wäsche nutzen lässt. "Ich möchte meinen Entwürfen möglichst viele Funktionen mitgeben, damit sie überraschend bleiben", sagt Dedelley. In einen Entwurf gehen ohnehin die verschiedensten Bilder ein. Der Altartisch, den er für die Kirche St. Theresia in Zürich entwarf, erinnert an die schlichten Altäre in romanischen Kirchen, die er als Kind mit seinem Vater, einem Architekten, besucht hat. Die Rundungen, mit denen Dedelley den zentralen Sockel und die darauf liegende Platte zu einem durchgehenden Objekt verbindet, lassen die Weichheit von Jasper Morrison anklingen, der ihn in den neunziger Jahren begeistert hat. Sie geben dem Altartisch jedoch auch eine figürliche Anmutung, so dass er als Zeichen für Christus gesehen werden kann, der die Arme ausbreitet.

Zum Abschied überreicht Frédéric Dedelley seine Visitenkarte. Ihre Ecken sind abgerundet, nur rechts oben hält ein rechter Winkel die rechts-bündig gesetzte Schrift. "Ich breche gerne die Regeln, die ich aufstelle", erläutert er das Spiel mit der Variation. Und die japanische Übersetzung erzählt von einer Sehnsucht. In der beseelten Einfachheit der japanischen Tradition fühlt er sich aufgehoben.

Frédéric Dedelley

Literatur: Frédéric Dedelley/Design Detective, Lars Müller Publishers, 2008, 29,90 Euro.
http://www.fdedelley.ch/

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