Stefan Diez - Interview

Ein Entwurf darf nicht penetrant sein

Der Münchner Stefan Diez, 37, ist einer der gefragtesten Jungdesigner Deutschlands. Mit seinen Produkten für Rosenthal, Authentics und Flötotto sammelte er reihenweise Preise ein – unter anderem den Reddot Design Award Best of the Best und den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland in Silber. Für das deutsche Traditionsunternehmen Thonet hat er den Stuhl neu erfunden. Der Entwurf "404" steht im Mittelpunkt seiner ersten großen Werkschau "Die Dinge neu denken" in Berlin. art sprach mit Diez über den steten Kampf mit Kunden und blutleere Entwürfe der Konkurrenz.
Bitte keine Penetranz:Der Stardesigner Stefan Diez im Interview

Ein neuer Klassiker? Der Stuhl 404 von Stefan Diez für das Traditionsunternehmen Thonet

Sie wurden bereits sehr früh als neuer deutscher Stardesigner gehandelt – beflügelt oder behindert Sie das eher?

Ich versuche, mir daraus nicht allzu viel zu machen. Gute Presse ist ein schönes Kompliment, aber ich möchte nicht, dass meine Laune davon abhängt, was über mich geschrieben wird. Ich muss mir die Zeit nehmen können, in Projekte hineinzuwachsen. Dabei kann man nicht permanent gefallen wollen.

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Aber Ihre Produkte werden bereits als Klassiker von morgen gefeiert.

Die Medien spielen eine wichtige Rolle für uns Designer und unsere Arbeiten. Die wenigsten haben die Dinge aber in "echt" gesehen, es reicht vielen, die Bilder in Blogs, Büchern oder Magazinen gesehen zu haben. Das hat natürlich Nachteile: Formale Ideen werden sehr schnell zum Gemeingut, weil sie vielfach global veröffentlicht werden, schließlich langweilt einen die eigene Idee und man möchte an ihr nicht weiterarbeiten. Es ist anstrengend, permanent die Neugier zu befriedigen, weil es eben vorkommt, dass dreieinhalb Jahre an einem Stuhl gearbeitet werden muss. Aus Verlegenheit zeigen manche Firmen Prototypen, die dann dann oft nicht realisiert werden und ihr Dasein als Bilder in Magazinen fristen. Produkte also, die ihre Wirkung in einer PR-Maßnahme vergeuden.

Die Firma "Gebrüder Thonet" aus Frankenberg hat ja mit der Erfindung des Bugholz-Stuhls im 19. Jahrhundert Designgeschichte geschrieben, der Stuhl "Nummer 14" – als Wiener Kaffeehausstuhl berühmt geworden – gilt noch heute als der Stuhl der Stühle. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Ich habe Phillip Thonet 2004 kennen gelernt und wollte seine Meinung zu meinem Bugholz-Stuhl "Friday" hören, den ich für einen Wettbewerb entworfen hatte. Ihm hat mein Stuhl gefallen, aber er war viel zu teuer für die Produktion. Die traditionelle Bugholztechnik von Hand könne man in Deutschland vergessen, meinte er. Ein Jahr später haben mich die Thonet-Brüder dann gefragt, ob ich einen anderen Stuhl für sie entwerfen möchte.

Reihen Sie sich ohne Scheu zwischen Thonet-Designer wie Marcel Breuer und Mies van der Rohe ein?

Genau diese beiden waren der Grund, gerade einen Holzstuhl für Thonet zu entwerfen. Die Stahlrohrstühle von Breuer beispielsweise sind Ikonen der Klassischen Moderne, und gerade die Architekten stecken noch viel zu sehr darin fest – das war mir zu heikel. Einen hölzernen Kaffeehausstuhl wie den "214" aus dem 19. Jahrhundert als Vorbild zu nehmen erschien mir entspannter.

War die Arbeit mit Holz auch eine besondere Herausforderung?

Ja, weil sich viele Details, die sich jetzt maßgeblich auf den Stuhl auswirken, erst durch die Produktionsbedingungen ergeben haben. Für uns Designer ist – anders als für die meisten Künstler – der Produzent mit seinen Maschinen und Erfahrungen der zwangsläufige Partner, der seinen Einfluss ausübt. Mir ist es wichtig, für eine Firma einen Gegenstand so zu entwerfen, dass er nicht gleichzeitig bei irgend einer anderen Firma im Programm stehen könnte.

"Produktentwicklung heißt Auseinandersetzung"

Wie sieht die Zusammenarbeit mit so einem traditionsreichen Familienunternehmen aus?

Ich denke, ein Designer darf seinen Produzenten mit seinem Entwurf durchaus herausfordern. Es muss entschieden werden, in welchem Segment der Stuhl zu Hause sein soll, welchen Wert die handwerkliche Qualität hat; das sind zum Teil sich widersprechende Aspekte. Es gibt zum Beispiel zwei "404" Stühle, einen kleinen und einen größeren, den "404F". Finanziell würde es Sinn machen, sie aus den gleichen Bauteilen herzustellen und nur die Dimensionen zu ändern, aber das widerspricht dem guten Aussehen. So kommt es durchaus zu Auseinandersetzungen, aber das bringt beiden Seiten weiter. In der Zusammenarbeit mit Designern entwickelt sich so das Profil einer Firma. Mit Thonet bin ich mir einig geworden, aber einen kleinen Kampf gibt es immer.

Der Grafikdesinger Stefan Sagmeister erzählte im art-Interview, dass er nur mit Kunden arbeite, die intelligenter seien als er.

Was er damit vermutlich sagen will, ist, dass er an Kunden interessiert ist, die wissen, was sie wollen; denn wenn die Firma zu geringe Ansprüche hat, dann kann der Designer auch nicht fordern, und schließlich kommt ein langweiliges Produkt dabei heraus. Wenn jede x-beliebige Lösung schon zufrieden stellt, wird es schwierig, einen Entwurf weiter zu verbessern.

Aber bisher hatten Sie das Glück, mit Firmen zusammenzuarbeiten, denen man diese "Intelligenz" attestieren könnte – wie eben Thonet oder auch dem Porzellanhersteller Rosenthal?

Ja, wobei man sich da nicht täuschen darf. Rosenthal etwa hat eine großartige Geschichte, aber vieles ist schon ein Mythos. Obwohl die Produktentwicklung dort nach wie vor hervorragend ist, schaffen wir es nicht, einen Konsens darüber zu finden, worin die Qualitäten eines Rosenthal-Produkts liegen sollten. Ich habe einmal einen Messeauftritt für die Rosenthal-Marke "Thomas" gemacht, auf dem in der Nacht vor der Eröffnung Tränen geflossen sind! Ich hatte beschlossen, die Dekoservietten, die Zuckerwürfel, also überhaupt alles Unwichtige von den Tischen zu nehmen – damit konnte der Vertrieb nichts anfangen. Andererseits hat Rosenthals Designer-Linie "studio-line" gerade ein Projekt mit Patricia Urquiola vorgestellt, das so voller Ideen steckt, dass es bei anderen für drei Serien gereicht hätte.

"Mein Entwurf darf nicht penetrant sein"

Ihre aktuelle Ausstellung in Berlin trägt den Titel "Die Dinge neu denken". Ist das ihr Motto?

Es ist der Anspruch, den ich an meine Arbeit stelle. Ich bin kein Formalist, ich versuche, sehr viel weiter hinten anzufangen und beispielsweise über die Art der Benutzung von Dingen nachzudenken oder über Herstellungsprozesse und was man dem Benutzer zumuten kann. Die Serie "Shuttle" für Rosenthal-Thomas etwa besteht prinzipiell aus Glaszylindern, die von Gummideckeln verschlossen werden. Daran haben wir dreieinhalb Jahre gearbeitet. Das ist einerseits verrückt, weil es ja schon genügend Aufbewahrungsgefäße mit Kunststoffdeckeln gibt. Andererseits, so wie wir es am Ende entworfen haben, ergibt es eine völlig neues Produkt, in dem Köpfe aus Porzellan miteinbezogen werden.

Was eint Ihre Produkte denn?

Ein Stuhl hat vier Beine, eine Rückenlehne und einen Sitz. Ich würde ihm nicht fünf Beine geben, damit er anders ist als alle anderen, und auch sonst keine Geschichten erfinden, um den Entwurf wichtiger zu machen, als er ist. Es kommt auf das Zusammenspiel an. Der "404" soll beispielsweise in einem Restaurant funktionieren, in dem 80 Stück davon stehen. In einem solchen Zusammenhang darf mein Entwurf nicht penetrant werden, sondern muss gelassen bleiben.

Der Direktor der Neuen Sammlung in der Münchner Pinakothek, Florian Hufnagel sagte kürzlich, er vermisse die Emotion im Deutschen Design, sie werde verpackt in Kalkulation.

Ich gebe ihm teilweise Recht, vor allem, wenn es um diejenigen Firmen geht, die vor lauter Tradition nicht den Mut haben, sich neu zu erfinden. Aus Angst nichts falsch zu machen, werden die neuen Entwürfe blutleer. Das Design in Deutschland hatte in den sechziger, siebziger Jahren bekanntlich eine große Zeit, aber jetzt sitzen oft die Juniors der damaligen Firmenchefs am Ruder und versuchen, einfach das alte Erfolgsmodell weiterzuführen, obwohl alle gerade auf einen Wechsel gehofft haben. Man müsste ihnen die Klassiker wegnehmen, durch die sie viel zu gut über die Runden kommen. Aber dann gibt es doch erfreulich viel Mut bei anderen, denen es wahrscheinlich gerade selbst langweilig geworden ist.

"Stefan Diez: Die Dinge neu denken"

Termin: 1. bis 31. Mai. Modus, Wielandstraße 27 – 28, Berlin.
http://www.modus-moebel.de/galerie.html#

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