Fons Hickmann - Interview

Design hat die Kunst längst abgehängt

Die beiden Kommunikationsdesignerinnen Katja M. Becker und Stephanie Podobinski haben eine Liebeserklärung an das deutsche Grafikdesign veröffentlicht: In ihrem Buch "Young German Design. Fresh Ideas in Graphic Design" werden 30 junge, außergewöhnliche Designateliers aus ganz Deutschland in Wort und Bild vorgestellt. art präsentiert eine exklusive Leseprobe: Das Interview mit dem Stargrafiker Fons Hickmann über typisch deutsches Design, Inspirationsquellen – und besseren Sex.
"Design hat die Kunst längst abgehängt":Interview mit Stargrafiker Fons Hickmann

"Junge Designer laufen offene Türen ein – wenn sie gut sind", sagt Fons Hickmann

Herr Hickmann, was ist für Sie typisch deutsches Design?

Fons Hickmann: Als Johannes Gutenberg um 1450 den Buchdruck in Deutschland erfand, legte er den Grundstein für das Gestalten mit Typografie und für das Grafik-Design, wie wir es heute kennen. Deutsche Designer, in anderen Ländern ist das vielleicht auch so, sind sich häufig ihrer visuellen Geschichte nicht bewusst.

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Ein Geschichtsbewusstsein ist aber nicht nur im Hinblick auf Politik, Gesellschaft oder Philosophie wichtig, auch ein ästhetisches Vergangenheitsbewusstsein kann helfen. Typisch für deutsches Design ist für mich, dass es traditionell ist und zugleich innovativ. Es gibt also zum einen die Designtradition von Gutenberg bis hin zum Bauhaus, es gibt den von Joseph Beuys geprägten Begriff des Zeitgeists und es gibt einen starken Drang nach Neuem in Deutschland. In diesem Spannungsverhältnis entsteht die Kreativität. Alle Menschen haben ein kulturell geprägtes Bildgedächtnis, dieses Bildgedächtnis ist unterbewusst. Es wächst über Generatio­nen und wird durch Tradition weitergegeben.
Im Design geht es darum, sich dieses Gedächtnis bewusst zu machen, um die Zeichen der Vergangenheit gezielt einzusetzen und sie aktuell interpretieren zu können.

Kennen Sie interessante junge, deutsche Grafik-Design-Büros?

Na, da gehören wir ja auch fast noch dazu. Durch meine Professuren in Wien und Berlin und mein Atelier stecke ich mittendrin. Für die Ausstellung "emergin designers" entwarfen wir eine kleine Publika­tion, in der Nachwuchsdesigner aus ganz Europa vorgestellt werden. In unserem Büro erhalten wir jährlich 300 Bewerbungen. Die Leute, die mal bei uns gearbeitet haben, machen sich oft selbstständig. Ein Entkommen ist zwecklos.

Warum haben Arbeiten von jungen, noch unbekannten Grafik-Designern selten eine Chance bei Designwettbewerben?

Das sehe ich anders, alle Wettbewerbe, die ich für relevant halte, suchen nach neuen Impulsen und die kommen oft von Independent Designern, die sich weder um Konvention noch um Kommerz scheren. Agenturen und Designstudios lechzen nach frischem Blut. Junge Designer laufen offene Türen ein – wenn sie gut sind.

Was denken Sie über aktuelles Grafik-Design aus Deutschland?

Ich bin ein Fan von deutschem Grafik-Design. Es gibt in Deutschland eine kleine Gruppe von Designern, die radikale Ideen, innovative Stile und gutes Handwerk verbinden. Dabei ist es wie in allen Kunstformen wichtig, dass Neues nur in die Welt kommt, wenn man wagt, Grenzen zu überschreiten. Das heißt: sich gegen bestehende Ästhetikauffassungen durchzusetzen oder ihnen zu widersprechen. Wenn man auf Widerstände stößt und konservative Haltungen einen zu bremsen versuchen, heißt das, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Wie beurteilen Sie deutsches Design im internationalen Vergleich?

Das Design hat die bildende Kunst längst abgehängt, in Deutschland und international. Die kreativsten und ästhetisch brisantesten Entwicklungen sind im Design und im Film zu finden, nicht mehr in der Malerei oder der Bildhauerei oder anderen klassischen Disziplinen. Das Kommunikationsdesign ist die erste wirklich interdisziplinäre Kunstform.

Ist Design standortabhängig?

Die Antwort gibt’s auch als Buch: "5 x Berlin", Pyramid Verlag Paris.

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihren Standort gewählt?

Besserer Sex.

Mit welchen Erfahrungen haben Sie sich selbstständig gemacht?

Begonnen hatte alles in der Künstlergruppe Kairos in Düsseldorf. Kairos war ein Zusammenschluss von Musikern, bildenden Künstlern und Designern, der crossmediale Projekt realisierte: eine Galerie, Publikationen, Partys und Fußballspiele. Dass ich Grafik-Design damals als meine stärkste Leidenschaft entdeckte, habe ich erst Jahre später gemerkt.

Was war das tiefste Tief / das höchste Hoch für Sie als Designer?

Ich war einmal der Buchstabe "T" des Wortes "Type". Als Student arbeitete ich auf einem Messestand des Schriftenherstellers LinoType. Es gab also noch ein paar Kollegen, die andere Buchstaben waren. Für die Aktion wurden wir in mannshohe Holzbuchstaben gesperrt, die nur an den Füßen und vor den Augen Öffnungen hatten, damit wir sehen und laufen konnten. Meine Arme lagen in dem horizontalen Strich des T. Ich konnte mich vorwärts bewegen oder drehen. Durch den schmalen Sehschlitz war mein Blickwinkel jedoch stark eingeschränkt, ich sah weder was neben mir noch was hinter mir passierte. Hören konnte ich ebenfalls kaum, wegen des dicken Holzes. In dieser Ausstattung wurde ich als Werbeträger durch die Messehallen geschickt, bis ich gestoppt wurde – vom Sicherheitsdienst. Ich hatte auf meiner Tour mehrere Messestände beschädigt, Büfetts abgeräumt und Personen verletzt. Von alldem hatte ich nichts gemerkt. Für den Rest des Tages wurde ich "fixiert" und durfte mich überhaupt nicht mehr bewegen. Ich schwitzte viele Stunden bei unglaublicher Hitzeentwicklung in dem versperrten Buchstaben. Am Abend wurde ich dann von der Messeleitung befreit und mir wurde eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und eine wegen Körperverletzung ausgehändigt. Ich schämte mich fürchterlich und hatte von Typografie erst einmal genug. Dass die Folgen von Typografie auch Freude bringen können, erfuhr ich erst viele Jahre später. Ich bekam in New York den ADC Award für eine Plakatserie. Ich durfte auf die Bühne, bekam einen zwei Kilo schweren Award, bedankte mich – alles lief glatt. Beim Abgang stolperte ich in Erik Kessels, der sich nach mir seinen Award abholte – wir waren uns gleich sympathisch. Erik kannte die schrägsten Clubs in New York. Nach einer langen Nacht landeten wir in einem Club, in dem man Kleidungsstücke oder Schmuck in Drinks eintauschen konnte, wenn das Geld ausgegangen war. Ich kam ohne Award ins Hotel zurück und Erik ohne Hose.

Arbeiten Sie auch an eigenen Projekten?

Natürlich. Ich empfinde jedes Projekt als eigenes. Ich bin ein "Überzeugungstäter" wie Uwe Loesch das sagt. Wir nehmen nur Aufträge an, die uns interessieren oder uns wichtig erscheinen. Frei nach Kurt Weidemann: "Wir machen nicht, was wir wollen – wir wollen, was wir machen." Es gibt keine klassische Rollenverteilung zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern bei uns, wir entwickeln "gemeinsam" und auf gleicher Augenhöhe.

Wie lange möchten Sie als Grafik-Designer arbeiten?

Die Arbeit ist ein Fluss. Meine Philosophie ist, mich niemals einem Style zu verschreiben, sondern stilistisch flexibel und frei zu bleiben. Ich bin überzeugt davon, dass jedes Projekt die ihm eigene Ästhetik verdient. Für mich ist jedes neue Projekt wie eine unentdeckte Insel. Ich weiß nicht, was sich auf ihr verbirgt und was es dort zu entdecken gibt. Auf der Insel finde ich das Material, die Zutaten und die Ideen, aus ihnen setze ich die Konzeption zusammen. Jede Insel hat ihre Eigenarten und ihre individuellen Bestandteile, dementsprechend muss auch der Umgang individuell sein. Kein Projekt ist wie ein anderes und so ist es nur konsequent, dass jedes Projekt sein unverwechselbares Gesicht erhält.

Was inspiriert Sie?

Mich inspiriert alles, was mich irritiert. Mich fasziniert alles Fremde und Widersinnige, auch das Dumme und Abartige. Manchmal empfinde ich die Welt wie einen Film von David Lynch. Das scheinbar Ideale entwickelt darin ungeheuren Schrecken und das Hässliche ungeahnte Poesie.

Details zum Büro: Gründungsjahr: 11. September 2001. Inhaber: Gesine Grotrian-Steinweg, Fons Hickmann. Bürogröße: 300 qm. Anzahl Mitarbeiter: 5. Freie Mitarbeiter: 5. Praktikanten: 2. Arbeitszeiten: 10.00 bis 19.00 Uhr. Altersschnitt: 30.

Details zur Person: Alter bei Gründung: 32. Anzahl Kaffee/Tag: 23. Anzahl Stunden/Tag: 23. Lieblingsbuch: I Ging. Lieblingsschrift: Handschriften. Lieblingssonderzeichen: In der deutschen Sprache der "Gedankenstrich". Lieblingsfarbe: Schwarz. Steckenpferd: Philosophie. Politik. Porno. Typisch deutsches Designobjekt: Die Bibel.

"Young German Design. Fresh Ideas in Graphic Design"

Das Buch präsentiert 30 außergewöhnliche Designbüros aus ganz Deutschland, elf Interviews mit renommierten Designern und einen historischen Überblick von Prof. Dr. Michael Erlhoff. Hrsg. Katja M. Becker, Stephanie Podobinski; DOM Publishers, ISBN 978-3-938666-28-9; 624 Seiten, Hardcover im Schuber, 88 Euro
http://www.young-german-design.de/

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