Janke vs. Wernher von Braun - Peenemünde

Genie oder Wahnsinn

Das Museum Peenemünde stellt noch bis zum 4. November den Lebensweg und das Werk des Weltraumphantasten Karl Hans Janke dem des Ingenieurs Wernher von Braun gegenüber. Nicht ohne Grund findet die Ausstellung in Peenemünde statt – hier forschte v. Braun im zweiten Weltkrieg an der Vernichtungsrakete V2.

Janke hat Zeit seines Lebens unzählige Weltraumraketen und -fahrzeuge entworfen. Mit ungeheurer Hingabe zeichnete er detaillierteste Pläne für Fantasieraumschiffe, wie „Orionstadt“, „Stratosphären-Pfeil“ oder „Venusland“. Der 1909 in Kolberg/Pommern geborene Janke stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen. 1932 begann er ein Zahnmedizinstudium, welches er allerdings nicht beendete. 1940 wurde er in die Wehrmacht eingezogen, drei Jahre später aber auf Grund einer psychischen Krankheit wieder entlassen. Nach dem Tod seiner Eltern zeigte er eine „auffällige Lebensweise“ und wurde 1949 in die Nervenklinik Arnsdorf eingewiesen. Kurze Zeit später wurde er in die Psychiatrie in Wermsdorf verlegt. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1988. Anlässlich der großen Ausstellung in Peenemünde sprach ART-Mitarbeiter Tilman Höffken mit dem Kurator Peter Lang.

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Herr Lang, Bitte beschreiben Sie in wenigen Sätzen, wer Karl Janke war.

Karl Janke war ein Erfinder, Ingenieur und Künstler und saß 40 Jahre lang in der sächsischen Psychiatrie Wermsdorf. Er hat tausende Zeichnungen, Modelle und Bilder geschaffen. Sehr viele von den Zeichnungen, ca. 4000 Stück, sind uns durch mehrere Zufälle erhalten geblieben und um das Jahr 2000 herum wieder entdeckt worden.

Sehen sie Karl Hans Janke eher als Künstler oder als Erfinder?

Beides. Janke hat diesen universellen, kreativen Anspruch, zu schöpfen aus dem, was vorhanden ist, Neues zu schaffen, voranzuschreiten. Das hat bei ihm eine sehr erfinderische Komponente. Man kann an Daniel Düsentrieb denken, den verrückten, positiven Ingenieur. Gleichzeitig spielt bei seinen technischen Zeichnungen der künstlerische Aspekt eine sehr große Rolle, da sie in sich schön sind.

Kann man Wernher von Braun und Janke vergleichen? Der eine, der Raketen zum Vernichten in der Realität entwarf; Der andere, der Raketen zum Wohle der Menschheit in seinem Kopf entwarf.

Ja, deshalb haben wir das in Peenemünde auch gemacht, weil wir sagen: Das ist zwar eine Frechheit, aber auch eine Provokation. Und es ist eine Frage der Ethik: Wie positionieren sich Ingenieure? Wie gehen sie eigentlich mit dem um, was sie anstreben?
Beide wachsen ja auch zur gleichen Zeit auf und sind vollkommen begeistert von der Idee der Raumfahrt. Bloß von Braun ist es egal, wie er das erreicht. Er verbindet sich mit dem Militär, weil das Militär das Geld gibt und folgerichtig entwickelt er dann auch die ersten Fernstreckenwaffen. Von Braun ist ein großer Manager und vollkommen effizient.
Wir stellen einem realen Pragmatiker und Techniker die Ideen eines für mich positiv anzusiedelnden Utopisten gegenüber. Denn die Wohlfahrt der Menschheit findet sich immer wieder in Jankes Zeichnungen.

Gibt es Erfindungen Jankes, die er verwirklichte und die auch funktionierten?

Funktionieren in dem Sinne tun sie nicht, denn er vermengt auch verschiedene physikalische Gesetze miteinander. Aber er hat ständig versucht Kontakt zu haben und Sachen auszuprobieren. Das ist ihm natürlich durch die Isolation nicht möglich gewesen. Also, er ist so was, wie der geniale, aber scheiternde Ingenieur.

"Mit Janke auf zu den Sternen!"

Wenn man die Geschichte Karl Hans Jankes liest, fühlt man sich an „Die Physiker“ von Dürrenmatt erinnert. Könnte es sein, dass sich Janke in der Psychiatrie nur vor Spionen versteckte?

Na ja, sein Krankheitsbild ist Schizophrenie. Und da hat der Gedanke des Verfolgtseins natürlich einen großen Stellenwert. Der findet sich auch bei Janke. Er lässt sich seine Erfindungen, seine Zeichnungen abzeichnen, per Stempel von Chefärzten und vom Bürgermeister von Wermsdorf. Er hat Angst, dass Patente, die er angemeldet hat - die natürlich nie erteilt wurden -, gestohlen und ideell benutzt werden. Da ist aber auch eine anderer Punkt, auf den ich jetzt erst gekommen bin: Wenn man sich „Die Frau im Mond“, diesen Fritz Lang Film von 1928, ansieht, werden dort auch die Erfindungen des ersten Raumschiffes gestohlen. Und sowohl Janke, als auch von Braun, den wir ihm gegenüber stellen, sind von diesem Film sehr stark beeinflusst worden.

Lebte Janke einfach zur falschen Zeit?

Ja, er lebte in dem Sinne zur falschen Zeit, dass er heutzutage nicht in der Psychiatrie sitzen, sondern bestenfalls im „Betreuten Wohnen“ leben würde. Man könnte ihn mit dem Künstler und Physiker Panamarenko aus Belgien vergleichen. Der ist auch ein spinnender Ingenieur und ein genialer Künstler und wurde von Beuys entdeckt und gefördert. Wenn Janke nicht gerade in der DDR gelebt hätte, kann man davon ausgehen, dass auch er entdeckt worden wäre.

Was fasziniert sie an der Person Janke?

An Janke fasziniert mich die außergewöhnliche Leistung, ein eigenes, universelles Weltbild zu erschaffen, in einer doppelten Isolation; Zum einen der der Psychiatrie, zum anderen der der DDR, also international nicht vernetzt zu sein. Sein Weltbild war darauf gerichtet, durch technische Erfindungen die Wohlfahrt der Menschheit zu befördern.
Gleichzeitig hat er sich mit einer regenerierbaren Energiequelle beschäftigt, dem „deutschen Atom“. Das ist natürlich hochaktuell für uns. Er schafft das in den 50er Jahren, wo die Welt davon ausgeht, dass die Atomenergie die unerschöpfliche Energiequelle der Zukunft ist.

Welche Erfindung Karl Hans Jankes gefällt ihnen am besten?

Das wäre schon dieser Gedanke vom „deutschen Atom“. Es ist ein bisschen unglücklich, dass er das als Atom bezeichnet. Das Atom, welches er kennt, nennt er das russische. Das ist die Kernspaltung. Dem setzt er sein eigenes entgegen, das deutsche Atom, die Weltraum-Elektrizität. Es ist die Idee von einem Stoff oder eine Quelle im Raum, die wir nur abschöpfen müssen. Wir brauchen nur die Technologien dafür entwickeln. Man kann sich das so vorstellen: Wir sammeln die mit einem Staubsauger ein und verwenden sie vollkommen gefahrlos ständig weiter.
Seine Idee ist, dass das überall eingesetzt werden kann, vom Großen ins Kleine gehend - also vom großen Raumschiff bis zum Kühlschrank. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendein Ingenieur aus Peenemünde danach Kühlschränke entwickelt hätte. Aber Janke macht das! Janke denkt da an alles! Dieser globale, übergreifende, friedliche Gedanke mit einem Energiemodell, was eben alles durchfließt, das halte ich für modern. Und ich halte es für grandios, dass er das aus der Geschlossenheit der Psychiatrie entwickelt.

Würde Jankes Rakete „Venusland“ tatsächlich gebaut, wären sie bereit als Testperson mit zu fliegen?

Ja, sicherlich. Da kann ich nur sagen: Mit Janke auf zu den Sternen!

Ausstellung: "Karl Hans Janke vs. Wernher von Braun"

Die Ausstellung ist noch bis zum 4. November im Museum Peenemünde zu sehen.
http://www.peenemuende.de