Lead Award - Serviceplan

Eine einzige Wahrheit gibt es nicht

Fotografien, Zeitschriften, Werbekampagnen und Webseiten: Zum sechsten Mal werden im Haus der Photographie der Hamburger Deichtorhallen die Gewinner des Lead Award vorgestellt. Zu diesem Anlass realisierte Alexander Schill, Kreativgeschäftsführer der Serviceplan Gruppe in Hamburg, zusammen mit Maik Kähler und Christoph Nann, eine überdimensionale Installation. art sprach mit ihm über das Projekt, kreative Kunst und gute Werbung.

Herr Schill, brauchen wir wieder klare Standpunkte?

Alexander Schill: Natürlich, jeder braucht einen klaren Standpunkt. Aber man muss auch deutlich sagen, dass wenn wir alle den gleichen Standpunkt hätten, sich gar nichts mehr bewegen würde. Man braucht also unterschiedliche Standpunkte, die Diskussion darüber und auch Toleranz. Eine einzige Wahrheit gibt es nicht.

Zu dem Lead Award in den Hamburger Deichtorhallen planen Sie nun eine riesige Pro-Contra-Installation aus 144 Kugeln. Wie kam es dazu?

Das erste Mal haben wir uns vor einem Jahr über die Idee unterhalten. Unser Kreativteam Maik Kähler und Christoph Nann wollte mit Kugeln eine Typografie im Raum schaffen. Da dachte ich noch: Das funktioniert nie im Leben. Trotzdem haben wir das Konzept dann weitergesponnen. Schlussendlich war der Plan, dass man von zwei verschiedenen Standpunkten im Raum zwei gegensätzliche Texte lesen kann. So entstand die Pro- und Contra-Idee. Denn es ist ja immer so, dass man sich mit mehreren Standpunkten beschäftigen muss, um das ganze Bild der Wahrheit zu bekommen. Dann gab es irrsinnig viele Nachtschichten, immer neue Berechnungen und immer bessere Animationen am Computer, die zuletzt genau auf den Raum der Deichtorhallen abgestimmt waren.

Sie arbeiten als Kreativgeschäftsführer für die Kommunikationsagentur Serviceplan – was wollen Sie mit der Installation denn kommunizieren?

Die Botschaft ist: "Get the other side, too". Man muss sich eben auch noch die andere Seite der Medaille anschauen – und es kommt auf den Standpunkt an. Ich habe mich mit Markus Peichl, dem Organisator des Lead Award getroffen, und er war von der Idee sofort begeistert. Die Botschaft passt perfekt zu einer Ausstellung über Printmedien, die ja auch immer einen Standpunkt beziehen. Das gab uns noch einmal einen Schub und wir dachten: Jetzt ziehen wir das gegen alle Widrigkeiten durch. Wir haben die Kugeln aus Fernost besorgt, mussten jemanden findet, der sie bespachtelt und lackiert, und dazu auch Gerüstbauer, Tischler, Feuerexperten und Beleuchter. Die ganze Installation ist zehn mal zehn Meter groß, die 144 Kugeln haben einen Durchmesser von 40 je Zentimetern – und werden am unteren Rand zirka 2,5 Meter über den Besuchern schweben. Keiner war sich zunächst sicher, ob es auch wirklich funktionieren wird. Aber ich wollte es dann wissen – und ja, es funktioniert jetzt perfekt und sieht phänomenal aus.

Wären Sie eigentlich lieber Künstler?

Ich habe an der Hochschule der Künste Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation studiert und fand die künstlerische Atmosphäre sehr inspirierend. Aber ich bin sehr glücklich mit meiner Berufswahl als Werber. Und mit meiner Heimat der Serviceplan Gruppe. Der Serviceplan-Gründer Peter Haller ist ja ein großer Kunstliebhaber und Sammler – und deshalb ist das ganze Haus der Kunst sehr verbunden. Wir machen regelmäßig Vernissagen im Haus der Kommunikation in München und Hamburg. Im Moment läuft eine Ausstellungsreihe mit Künstlern, die früher Werber waren – wie zum Beispiel mit Hubertus Hamm, der seine Karriere als Werbefotograf begonnen hat.

Wo liegen denn die Schnittstellen zwischen Werbung und Kunst?

Für mich ist Werbung eine Dienstleitung im Auftrag eines Kunden. Und Kunst ist frei. Aber auch in der Werbung beschäftigt man sich natürlich mit Gestaltung und Visualität, mit Formen und Farben und vermittelt eine Botschaft in Bildern. Die Herangehensweise ist da ähnlich. Aber das Schöne an der Werbung ist für mich, dass sie eben nicht frei ist. Ich bekomme ein ganz klares Spielfeld und soll eine bestimmte Botschaft vermitteln. Und es ist reizvoll, in diesem abgesteckten Feld die Kreativität laufen zu lassen – je enger das Terrain, desto reizvoller die Aufgabe. Auf diesem abgesteckten Terrain geht es dann darum, etwas zu schaffen, was es noch nicht gab, wie unsere Installation. So etwas habe ich bisher noch nirgendwo gesehen, deshalb wird es schon per se stark auffallen. Das ist wie bei einem Werbefilm. Wenn er wirklich neu ist, wird er sich besser durchsetzen und seinen Zweck besser erfüllen. Und da gibt es dann auch eine Schnittstelle zur Kunst. Wenn ich der hundertste Impressionist bin, habe ich deutlich weniger geschaffen, als der erste Expressionist.

Wäre das dann unkreative Kunst?

Man kann das natürlich nicht vom Künstler trennen. Aber was in der Historie geblieben ist, ist nicht der hundertste Impressionist, sondern der erste, zweite oder dritte.

Serviceplan hat auch an seinem Münchner Stammhaus eine Medien- und Kunstfassade realisiert. Ist das ein gezielter Versuch das Agenturimage im Bereich Kunst zu positionieren?

Nein, ganz sicher nicht. Kunst ist eine Leidenschaft von Peter Haller und seinem Sohn Florian. Wenn Herr Haller eine Autowerkstatt hätte, dann hätte er trotzdem Kunst gesammelt – und wahrscheinlich an der Werkstatt eine Kunstfassade angebracht. Das hat nichts mit Werbung zu tun. Aber das macht es auch so ehrlich. Es ist eben eine private Leidenschaft.

"Visual Leader 2009"

Fotografie, Anzeigen, Online und Editorial Design – die große Leistungsschau der Kreativszene. Termin: 14. März bis 26. April, Haus der Photographie der Hamburger Deichtorhallen, Hamburg
http://www.deichtorhallen.de/index.php?id=628