Gebrüder Bouroullec - Prototypen – Junges Design

Ingenieure des Flüchtigen

Ihre Welt ist romantisch und funktional zugleich: In einem Pariser Hinterhof entwerfen die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec die Innenausstattung des digitalen Zeitalters. Der Wohnraum wird zum Medium der Verwandlung.
Ingenieure des Flüchtigen:So wird der Wohnraum zum Medium der Verwandlung

Bausteine für vielschichtige Innenräume: "Wolkenmodule", 2002

Ehrlich gesagt: Das, was Erwan Bouroullec jetzt gerade erzählt, ist nicht wirklich originell. "Die Funktion kommt zuerst", "Luxus heißt für mich, viel leeren Raum zu haben" – was Designer eben so sagen. Erwan rührt in sei­nem schwarzen Espresso, sein älte­rer Bruder Ronan ist nebenan in einen Rechner vertieft. Jetzt fehlt eigentlich nur noch der obligatorische Hinweis auf das Material, und wie wichtig es für den Entwurfsprozess sei.

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Strecken Teaser

Erwan schaut aus dem Fenster, seine Augen verfolgen jemanden, der im Hin­terhof dieses ehemaligen Pariser Fabrikkomplexes vorbeiläuft. "Im Grun­­de folgen wir beim Entwerfen nur dem Material, es führt uns auf den Weg." Vielen Dank! Man könnte gleich am Anfang re­signieren, fände dieses Interview nicht an einem Ort statt, den viele als Zukunftslabor des Interiour-Designs ansehen.

Seit vor rund zehn Jahren der Mailänder Fabrikant Giulio Cappellini das bretonische Brüderpaar entdeckte, mehrt sich dessen Ruhm von Möbelmesse zu Möbelmesse. "Warst du schon bei den Bouroullecs?", raunen sich Besucher dann ehrfürchtig zu – ganz so, als hätten sie gerade das Orakel von Mailand befragt. Von Cappellini bis Vitra, von Habitat bis Authentics haben die führenden Designfirmen in Europa mindestens ein Objekt der Gebrüder im Programm. Niemand will den Anschluss verpassen, wenn es darum geht, wie wir morgen sitzen, liegen, schlafen, baden.

Die beiden könnten auch ein Komikerduo sein

Die Bouroullecs. Zwei schmale Män­­ner, der ältere ein bisschen kleiner und ein bisschen grauer. Sie könnten ein Komikerduo sein mit ihren großen fragenden Augen, Mister Bean, verdoppelt auf zwei Personen. Es ist auch schön, sie sich als Mitglieder einer Brit­popgruppe vorzustellen, vielleicht Bas­sist und Sänger: Beide tragen Dreitagebärte und wecken mit ihrer hübschen Verschlurftheit bei Frauen garantiert Muttergefühle. Erwan ist 31, Ronan 36 – zwei Jungs, die Gott im bretonischen Örtchen Quimper ausgewählt hat mit den Worten: Ihr sollt das Möbeldesign ins 21. Jahrhundert führen.

Sie selbst würden niemals so reden, nicht einmal ironisch. Erwan, Sprecher der beiden, strotzt geradezu vor Bescheidenheit, erzählt von "guter Resonanz" (sprich weltweitem Erfolg) oder "unseren Bemühungen" (sprich Designklassikern von morgen). Natürlich wirkt diese leise Art sympathisch und unterstreicht die Tatsache, dass zum cäsarisch-großspurigen Superstar des französischen Designs, Philippe Starck, weder ästhetische noch mentale Verbindungen bestehen. Wer dem Zauber der Bouroullec-Welt auf die Spur kommen will, entdeckt bei genau­em Hinhören im Gespräch kurz aufleuchtende Stichworte; etwa wenn Er­wan davon spricht, bei ihrer Arbeit sei ein starker Sinn für Romantik im Spiel, oder wenn er zugibt: "Der Prozess des Entwerfens ist schwer zu beschreiben, weil vieles unbewusst abläuft."

Die Entwürfe der Bouroullecs wirken, wie ihre Urheber, zunächst unscheinbar. Allenfalls fällt ihre zurückhaltende Fremdartigkeit auf, die erst beim zweiten Blick verschwindet. "Lit clos" aus dem Jahr 2000 etwa sieht aus wie ein überdimensionierter Vogelkäfig, ist aber eine Mischung aus Hochbett und Schlafzimmer, filigran wie ein japani­sches Teezimmer, mit Schiebetür und kleiner Leiter. Das Schlafen wird buchstäblich erhoben. Das "Audiolab" von 2002 wirkt zunächst wie eine Versammlung monumentaler Heizpilze, die aber merkwürdigerweise im Innenraum stehen – in diese sind Lautsprecher eingebaut, aus denen Musik dringt. Eines der schönsten Objekte ist jene "Vase" aus dem Jahr 2001, die aussieht wie ein Aquarium; das Wasser wird mit einem Schlauch auf den Beckenboden geleitet, und die Blume scheint eine Art Bildschirm für sich allein zu haben.

Bei den Bouroullecs gerät die Dingwelt ins Fließen

Bei den Bouroullecs sehen die Din­ge nicht immer nach dem aus, was sie sind; und sie sind selten das, wonach sie aussehen. Die Brüder umgehen die Falle des Retrodesigns, das nur auf Bestätigung des Bekannten aus ist. Sie fassen Innovation aber auch nicht als Erfindung nie da gewesener Formen auf. Es scheint als ob die Dinge, die
wir kennen, sich nur ein bisschen verwandelt hätten. Das Aquarium spielt Vase, und plötzlich entsteht eine neue schillernde Aura. So gerät die Dingwelt ins Fließen; etwas Quecksilbriges zeichnet die Entwürfe aus; als handelte es sich gar nicht um feste Objekte, sondern um vorüber­gehende Zustände.

Design als The­a­ter der Metamorphosen. Dabei ist die Machart sehr technisch und industriell; die Bouroullecs lieben Modu­le, Schläuche, Kunststoffe und vorgefertigte Komponenten. Das Schaumgeborene geht in diesen Objekten eine einzigartige Fusion mit dem Konstruierten ein. Die sehr tragfähige Basis die­ser Arbeiten ist die Dualität der Bruderbeziehung. "Unsere Zusammen­arbeit besteht in der Regel darin, dass wir uns nicht einig sind", ruft Ronan vom Nebentisch herüber, was Erwan ausnahmsweise bestätigt. "Wir beide haben einen romantischen Geist in uns, und wir können uns sehr hartnäckig in technische Details verbeißen", fügt Erwan hinzu. "Mal geht der eine von uns mehr in die romantische Rich­tung und lässt sich treiben, mal der andere. Und man hat zum Glück immer einen Gegenpart, der einen dann wieder auf den Boden zurückholt."

Zwar haben die Brüder beide an französischen Designschulen studiert, aber die Zusammenarbeit entwickelte sich langsam, durch den Austausch von Ideen. "Andere Leute lernen sich an der Schule kennen, und sie müssen erst eine gemeinsame Vorstellung entwickeln, einen Konsens, der ihrer Arbeit zugrunde liegt", sagt Erwan. "Bei uns hat es nie Gespräche über eine solche Idee gegeben – sie war schon immer da, einfach dadurch, dass wir Brüder sind."
Die Werkstatt der Bouroullecs hat folglich eine beinahe private Atmosphäre, insgesamt sieben Leute arbeiten hier, "und wir wollen auch nicht mehr werden, auch wenn wir jetzt mehr Aufträge bekommen", so Erwan. Als Teil der Pariser Designszene fühlen sie sich nicht, "ich weiß gar nicht, was hier sonst so passiert". Phillippe Starck? Matali Crasset? Erwan winkt ab. "Wir sehen uns eher in einem internationalen Zusammenhang, verehren Leute wie Jasper Morrison, Konstantin Grcic und Naoto Fukasawa."

Kein Anspruch auf ewige Gültigkeit

Mit diesen drei­en verbindet sie viel: der Hang zum Mi­nimalismus, die Liebe zur Ästhetik der industriellen Produktion, das Interesse an Wohnräumen. Letzteres kön­ne sich durchaus ändern, sagt Erwan, "ich fände es auch toll, ein Auto oder ein Flugzeug zu gestalten". Einen Ausflug in die Arbeitswelt haben die Bouroullecs immerhin schon hinter sich: Im Jahr 2002 übertrugen sie für Vitra die technoide Eleganz ihrer Wohnwelten auf das Reich der Schreibtische. Mit dem System "Joyn" hat das Büro plötzlich den Charme eines After-Work-Clubs; Obstkörbe und Tisch­decken gesellten sich zu Mousepads und Rechnern, und Arbeiten wird zum großen Get-together für Leute, die beim Arbeiten Latte Macchiato trinken. Das Flair der schon vergessenen New Economy umweht diese Kollektion.

Das Design der Bouroullecs erhebt keinen Anspruch auf ewige Gültigkeit. Seine Sprache hat viel mit dem Wasser zu tun, das in vielen Objekten eine große Rolle spielt: Es läuft durch Schläuche, fließt in Vasen und tritt in Form von Wolken auf. Auch jene stilisierten Algen, die bei den Bouroullecs zum Deko-Element geworden sind, verweisen auf das Meer. In einer digitalen Medienwelt, die aus Pixeln zusammengesetzt zu sein scheint, hat sich auch das Design verflüssigt.

Ausstellungen

Villa Noailles, Hyères, 4. Juli bis 21. September. Sammelausstellung: "Interieur/Exterieur. Wohnen in der Kunst". Kunstmuseum Wolfsburg. 29. November bis 13. April 2009. Literatur: Ronan and Erwan Bouroullec. Phaidon Verlag 2003.
http://www.bouroullec.com/