Graphic Design Museum - Breda

Niederländer sind unkonventioneller

Im niederländischen Breda wurde das erste "Graphic Design Museum" der Welt eröffnet. Ziel ist es, die historische Entwicklung aufzuweisen, neben einer eigenen Kollektion auch ein Wissenszentrum aufzubauen, das weltweit sämtliche Informationen über Grafikdesign sammelt, und es in spannenden Wechselausstellungen auf insgesamt 1300 Quadratmetern in das ihm gebührende Licht zu rücken. art-Korrespondentin Kerstin Schweighöfer besuchte die "European Championship of Graphic Design".
Klar, komisch, kontrovers:Ein Besuch im ersten "Graphic Design Museum" der Welt

Der Grafiker Fons Hickmann von der Agentur m23 beim Aufbau der Ausstellung "European Championship of Graphic Design"

Egal ob Poster oder Buchumschläge, Entwürfe für Briefmarken und Geldscheine, Logos, Verkehrsschilder oder Broschüren: Kaum einer ist sich darüber bewusst, wie sehr Grafikdesign unser Alltagsleben prägt. Dennoch führt diese künstlerische Gestaltungsform bislang ein Schattendasein und tritt, wenn überhaupt, lediglich als Randerscheinung in Nebenräumen von Kunst- und Designmuseen auf.

10598
Strecken Teaser

Dass das erste Museum dieser Art ausgerechnet in den Niederlanden seinen Standort hat, kommt nicht von ungefähr: "Die Niederländer waren und sind auf diesem Gebiet führend", betont Esther Cleven, Kuratorin und Professorin für moderne Typografie und Grafikdesign-Geschichte in Amsterdam. Und auch das sei kein Zufall, meint die gebürtige Deutsche, hätten die Niederländer doch alles, was es braucht, um wirklich gutes Grafikdesign zu entwerfen: "Erstens eine starke Tradition der Typografie und der Verlage, die weltberühmt ist und bis ins 17. Jahrhundert zurückführt." Durch die vielen Seefahrer, die im 16. und 17. Jahrhundert Seekarten mit nach Amsterdam brachten, begann die Druckkunst schneller und intensiver zu blühen als anderswo. Das sorgt noch heute für einen hohen Standard: Kennzeichen sind eine ausgezeichnete Fachkenntnis, ein sauberer und stabiler Blattspiegel sowie viel Liebe zum Detail, etwa bei der Behandlung der Zwischenräume der Buchstaben.

Zweitens ist die niederländische Kultur immer noch durchtränkt vom Gemeinschaftsgedanken. Folge: Auch Künstler haben hier oft die Neigung, sich zur Gesellschaft hinzuwenden und einen Beitrag zu leisten – und dann, so Cleven, "landet man bei angewandter Kunst und Grafikdesign". Dritter Faktor: Die Niederländer sind unkonventioneller als ihre Nachbarn. Sie haben weitaus weniger Angst, ausgetretene Pfade zu verlassen, um Neues auszuprobieren und zu entdecken. Auch die niederländischen Architekten sorgen unter dem Label "Super Dutch" deshalb immer wieder weltweit für Furore.

Verspielter Werbeclip für das Graphic Design Museum

Bei den Grafikdesignern spielt neben der Mentalität auch der Ausbildungsort eine Rolle: "Sie lernen das Fach an Kunstakademien, nicht an Fachhochschulen", erklärt Esther Cleven. "Dadurch sind sie manchmal zu künstlerisch, aber das ist auch ihre Kraft." Anderswo an den Fachhochschulen hingegen liegt der Schwerpunkt auf Standards, auf Konventionen und erprobten Dingen: "Die Studenten dort lernen ihr Handwerk und bleiben konventioneller, während ihre niederländischen Kommilitonen sich an den Akademien im Ausbrechen aus Konventionen üben können – darin sind sie sehr gut und beweisen auch oft viel Humor!"

Eine permanente Ausstellung in den drei Souterrainräumen des neuen Museums gibt eine Übersicht über 100 Jahre niederländisches Grafikdesign, wobei alle drei Monate neue Exponate gezeigt werden. Sie dokumentieren, wie Grafikdesign Anfang des 20. Jahrhunderts entstand, nachdem Industrialisierung und technische Erfindungen die Welt auf den Kopf gestellt hatten: Neonlicht, Straßenbahnen, Telefone, Kinos, Schaufenster, Warenhäuser. Es war einer Zeit voller Verwirrung und Unsicherheit, alles war neu – und dieses neue Leben musste neu gestaltet werden: Es galt, das Publikum auf Plakaten und Schildern zu informieren und aufzuklären über neue Produkte und politische oder kulturelle Ereignisse.

Die beiden niederländischen Grafikdesigner Piet Zwart (1885 bis 1977) und Paul Schuitema (1897 bis 1973) leisteten dabei Pioniersarbeit. Sie ließen sich inspirieren von internationalen Strömungen wie den Dadaisten und russischen Konstruktivisten wie Malewitsch und Lissitzky. Unter deren Einfluss begannen sie mit geometrischen Formen und Primärfarben zu experimentieren, um dann die letzten Schnörkel und Ornamente des Art déco abzulegen und eine neue Bildsprache zu entwickeln: klar und schlicht, nicht elitär und damit auch für den einfachen Arbeiter zugänglich: "Man wollte die Gesellschaft verbessern und etwas fürs Volk tun."

Irma Boom gilt weltweit als beste Buchgestalterin

Vertreter der Künstlergruppe de Stijl wie Gerrit Rietveld oder Architekten wie de Bazel oder Berlage waren ebenfalls von diesem Ideal erfüllt: Sie wollten mehr leisten als nur Gebäude oder Möbel zu entwerfen. Es gab auch viele Auftraggeber mit dieser Mission, die zu diesem Zweck über Jahre hinweg fest mit einem bestimmten Grafikdesigner zusammenarbeiteten. Ein solches Tandem formten der berühmte Rotterdamer Kaffee- und Tabakproduzent van Nelle und Grafikdesigner Jacques Jongert (1883 bis 1941). In der Übersichtsausstellung kann sehr schön nachvollzogen werden, wie sich Jongerts Werbeplakate unter dem Einfluss von Kollegen wie Schuitema und Zwart ändern: Erst sind sie traditionell symmetrisch und ornamental, dann werden sie immer sachlicher und beschränken sich auf die Grundfarben.

Kinderprogramm im Graphic Design Museum

Ihre führende Rolle behaupten die niederländischen Grafikdesigner auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als mit dem Erscheinen der ersten Supermärkte Logos und Reklame immer wichtiger werden. Auch das Schaffen von Ordnung und Struktur wird als Folge neuer Kommunikations- und Transportsysteme zu einem neuen Aufgabenbereich: Telefonbücher müssen entworfen werden, Fahrpläne, Orientierungssysteme für den Straßenverkehr und für Flughäfen. Wieder ist es ein Niederländer, der in den sechziger Jahren das erste systematische Orientierungssystem der Welt für Flughäfen entwirft – und zwar für den Amsterdamer Flughafen Schiphol: Die Schilder mit schwarzen Pfeilen und Buchstaben auf gelbem Grund von Benno Wissing (1923 bis 2008) werden in Varianten von Ländern wie Deutschland, Italien, Großbritannien oder den USA übernommen. Für die Metro in Mailand zum Beispiel. Oder den Flughafen in L.A.

Zu den bekanntesten niederländischen Grafikdesignern der Gegenwart zählt Irma Boom: Die 47-Jährige gilt weltweit als beste Buchgestalterin. In Breda ist sie mit einem Buch vertreten, das sie im Auftrag der niederländischen SHV Holdings als exklusives Jubiläumsgeschenk für ausgewählte Firmenpartner entworfen hat und das sich mit dem Archiv des Megakonzerns auseinandersetzt. Es ist in einer kleinen Auflage in englisch und chinesisch erschienen und widerspricht allen Regeln der klassischen Buchtypografie: Denn dieses Buch hat keine Seitenzahlen, keinen Inhaltsangabe, keinen Index und ist mit seinen Tausenden von Seiten auch zu viel zu dick, um es zu heben. "Für den klassischen Buchtypografen ist es ein Gräuel", so Kuratorin Cleven. "Irma Boom hat aus dem Buch eine Art Überraschungsdose gemacht, ein Objekt, einen 3D-Gegenstand, der dekorativ in der Ecke liegen kann und wodurch wir uns die Frage stellen, was ein Buch eigentlich noch ist."

Fons Hickmann baute einen Beichtstuhl

Die Arbeitsmethoden der Grafikdesigner haben sich in den letzten 100 Jahren drastisch geändert und stehen inzwischen völlig im Zeichen der neuen Medien. Als Gegenbewegung zur Dominanz des Computers haben viele junge Grafikdesigner angefangen, wieder mit der Hand zu zeichnen. "Durch die Software ist alles konventionalisiert", erklärt Cleven. "Das Zeichnen mit der Hand erlaubt es, aus diesen Konventionen auszubrechen und neue Bildformen zu finden." Der Computer hat auch dazu geführt, dass es ein einsamer, unsichtbarer Job geworden ist: "Nur noch an der Akademie arbeitet man zusammen, dann nie wieder."

Zur Eröffnung hat das Museum deshalb elf junge europäische Grafikdesigner eingeladen, die eine Woche lang ganz klassisch in einem Raum zusammengearbeitet haben, wobei selbst die Druckpresse nicht fehlte und auch Besucher miteinbezogen wurden. Initiator dieses spannenden Projekts ist Erik Kessels, der zu den bekanntesten Werbemachern und Fotografen der Niederlande zählt und die Grenzen zwischen Werbung, Design und Grafikdesign immer wieder neu verortet. Das Ergebnis dieser Teamarbeit, das noch bis zum 7. September zu sehen ist, überrascht durch seine Verspieltheit und Unkonventionalität: So baute der deutsche Grafikdesigner Fons Hickmann einen hölzernen Beichtstuhl, in dem er Museumsbesuchern die Beichte abnahm, um sie dann auf Plakaten zu geheimnisvollen Geständnissen zu verfremden wie "I did not follow my heart" oder "I told my brother I have to die but only wanted to see him cry".

Seine englischen Kollegen Anthony Burrill und Browns stellten den typisch britischen Humor unter Beweis und bauten originalgetreu die Bar eines Dorfpubs nach, hinter der sie die ganze Zeit Bier ausschenkten – verkleidet als Kneipenwirte und flankiert von Fotos von Prinzessin Diana und Königin Elizabeth. "Ein Statement, dass Grafikdesigner auch nur Menschen sind", erkärt Kuratorin Cleven, "und etwas zu trinken brauchen, um inspiriert zu werden."

"100 Jahre niederländisches Grafikdesign"

Außerdem: "European Championship Of Graphic Design", bis 7. September, Graphic Design Museum, Breda.
http://www.graphicdesignmuseum.nl/