Konstantin Grcic - Umfrage

Mein Traumprojekt wäre ein Fahr­rad zu entwerfen

Wer sind die zehn größten lebenden Designer? Eine Jury aus sieben führenden Designexperten kürte für art die besten Designer. Das Ergebnis unserer Expertenumfrage überraschte: Der 43-jährige Münchner Konstantin Grcic kam vor Größen wie Philippe Starck und Dieter Rams auf Platz 1 der Rangliste – und das, obwohl er selbst Jurymitglied war und sich selbst keine Punkte geben konnte.
Der wichtigste Designer der Gegenwart:Sieger der Umfrage – Konstantin Grcic

1. Platz: Konstantin Grcic. Der Designer geht immer wieder klassische Genres mit neuen Ideen an. Hier ist er mit zwei Exemplaren des Stuhls "Myto" zu sehen – seinem ersten Freischwinger

Konstantin Grcic wurde mit seinen kantigen, oft sperrigen und dabei immer erfindungsreichen Entwürfen zum bekanntesten deutschen Industriedesigner seiner Generation. In den achtziger Jahren machte er eine Schreiner­ausbildung, absolvierte dann am Ro­yal College of Art in London ein Designstudium. Nachdem er ein Jahr als Assistent von Jasper Morrison gearbeitet hatte, gründete er 1991 unter dem Namen "Konstantin Grcic Industrial Design" sein eigenes Büro. art-Korres­pondentin Bir­git Sonna traf ihn in sei­nem Münchner Studio.

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Herr Grcic, Sie gelten als der einflussreichste Designer der Gegenwart. Wie gehen Sie mit so einer Auszeichnung um?

Konstantin Grcic: Diese Anerkennung freut einen natürlich total, gerade wenn sie von Leuten kommt, die man schätzt. Sie ist mir aber auch ein Stück weit fremd, weil ich weiß, dass jeder andere von den Nominierten mindestens ebenso großen Einfluss hat. Für mich ist etwa Philippe Starck außerhalb jeder Reichweite: Er hat das zeitgenössische Design wie kein anderer geprägt.

Vielleicht treffen Sie aber den Nerv der Zeit.

Ich verwirklichte in den letzten Jahren Projekte, die sich gegen den Strom der Designszene, auch gegen eine Art von Schnelligkeit gerichtet haben. In den neunziger Jahren gab es ja die Übereinkunft, mit der Einfachheit der Dinge eine schöne, klassische Linie zu um­reißen. Jasper Morrison aus London war einer der Ersten, die wieder zu so einer Reduktion auf Wesentliches gefunden haben. Das war Avantgarde. Dann ist diese Ästhetik aber erstaunlich schnell in einen Mainstream umgeschlagen. Mir hat diese Formelhaftigkeit irgendwann nicht mehr behagt. Ich wollte nochmals die Grenzen in ei­nem Segment wie dem Industriedesign austesten, in dem man ja serienreife Produkte entwerfen muss.

Sie geben den Alltagsgegenständen eine überraschende Wendung.

Ja, aber dahinter steht letztlich auch eine stark subjektive Haltung. Gutes Design hat meiner Meinung nach sehr viel mit Autorenschaft zu tun. Ich meine damit nicht eine wiederkehrende Handschrift, sondern ein bestimmtes Denken, eine bestimmte Logik. Ich habe mich in den letzten Jahren gegen diesen allzu leichten, schönen Fluss der Dinge gewehrt. Der Gitterstuhl "Chair One" wurde zu so einem Eckpfeiler. Er hat eine lange Anlaufzeit gebraucht, um auf den Markt zu kommen und polarisierte ungemein. Viele Leute sag­ten: "Der ist aber hässlich, und darauf kann man nicht richtig sitzen."

Ist der Name Grcic nicht schon zu einem Klassiker geworden?

Mein Stellenwert in der Designgeschich­te interessiert mich eigentlich nicht, das müssen andere entscheiden. Um es profan auszudrücken, es gibt einen gewissen Büroalltag von Projekten und darin bestimmte Problemstellungen. Ich durchlebe eher Phasen, eine gewisse Tagesform, ein gutes oder schlechtes Jahr und Interessen, die über bestimmte Projekte wandern. Das kennt man ja auch von Autoren aus anderen Bereichen wie der Literatur, der Kunst, der Musik.

Man sieht Sie oft auf Kunstausstellungen.

Bildende Kunst hat mich immer sehr interessiert. Allerdings bleibe ich am Schluss eindeutig Industriedesigner und arbeite für einen kommerziellen Kontext, den ich auch schätze. Ein Stuhl muss am Ende eine gewisse Lesbarkeit haben, darf nicht zu intellektuell, zu rätselhaft sein.

Was hat Sie in frühen Jahren an Design beeinflusst?

Am Anfang steht vermutlich das Eltern­haus. Bei uns gab es immer schon ein Zusammenspiel von Antiquitäten und Siebziger-Jahre-Design – vor allem italienische Plastikmöbel. Dadurch wurde eine Selbstverständlichkeit geprägt, dass Altes und Neues sehr gut zusammenleben können. Dinge, die für uns heute Antiquitäten sind, waren zu ihrer Zeit vermutlich bahnbrechend und revoultionär. Design hat unheimlich viel mit Evolution zu tun. Manchmal denken Leute, Designer seien Erfinder. Das sind wir eigentlich nicht!

Sondern?

Design hat sehr viel mit dem Weiterdenken von Gegenständen und Formen zu tun. Es reicht nur insofern in die Zukunft, als man etwas bereits Exis­tierendes fortentwickelt. Die meisten Möbel werden in ihrer Typologie ja nicht völlig umgedacht, sondern optimiert: Ein Stuhl hat eine Sitzfläche, eine Rückenlehne, meistens vier Beine, manchmal auch nur drei oder eine Mittelsäule. Und es gibt Freischwinger, aber das sind im Grunde nur kleine Abweichungen.

Bei der "Digital Life Design"-Konferenz in München haben Sie behauptet, dass Sie eher Modelle basteln, als sie am Computer zu entwerfen. Stimmt das wirklich?

Natürlich arbeiten wir auch am Computer. Der Entwurf, also der eigentlich kreative Moment, findet aber mit anderen, nicht so abstrakten Werkzeugen statt. Selbst eine Nähmaschine oder eine Schere und Papier sind zur physi­schen Erkundung der Proportionen spannender. Den Computer nutzen wir in der Phase der Entstehung eher wie ein Tonbandgerät, das den auch in­tellektuellen Prozess aufzeichnet.

Es heißt, dass Sie bei jedem Projekt nur einen Mitarbeiter intensiv mit einbeziehen.

In der ersten Phase, die sehr fragil und ungewiss ist, bin ich immer ganz alleine. Ich brauche da eine starke Konzentration. Erst wenn es einen verfolgenswerten Ansatz gibt, beziehe ich einen meiner Mitarbeiter ein. In mei­nem Büro sind fünf sehr gute und junge Designer. Weil sie aber auch ausgeprägte Persönlichkeiten sind, haben sie sehr unterschiedliche Fähigkeiten. Der eine eignet sich vielleicht eher für konstruktive Problemlösungen, der an­dere stärker für konzeptuelles Denken oder grafische Entwürfe. In der Regel arbeiten wir tatsächlich in einem 1:1-Dialog an Projekten. Das Brainstorming im Team, wie man es aus der Architektur kennt, funktioniert bei uns nicht.

Sie haben zwar Küchengeräte, aber sonst kaum technisches Gerät gestaltet. Wäre es nicht eine Herausforderung, etwa einen MP3-Player zu entwerfen?

Das liegt ja nicht nur an mir, Hersteller dieser elektronischen Kategorie von Dingen haben mich schlichtweg noch nicht gefragt. Im Unterschied zum MP3-Player ist eine Kaffeemaschi­ne elementar gebaut: Sie besteht im Wesentlichen aus Pumpe, Thermoskopf, Wasserzufuhr, Ventil. Ich mag einfach Mechanik und Konstruktion. Mein Traumprojekt wäre es, einmal ein Fahr­rad zu entwerfen.

Konnten Sie auf den letzten Designmessen Trends oder eine neue Philosophie des Designs entdeckt?

Mir fällt auf, dass ein Teil des Designs in Richtung limitierte Auflage, ins Handwerkliche und damit in den Galerie- und Kunstbereich geht. Ich zwin­ge mich dazu, das positiv zu sehen, denn diese exklusiv gestalteten Dinge könnten ein vorherrschendes Einheitsdesign aufbrechen. Endlich tauchen wieder Objekte auf, die man häss­lich, prätentiös, unnütz finden kann. Das bringt zumindest wieder eine Diskussion in Gang. Wir haben uns allzu wohl gefühlt mit der hübschen Formel des guten Wohnstils.

Lesen Sie die gesamte art-Umfrage über die zehn größten Designer der Gegenwart in der aktuellen art-Ausgabe 6/2008.

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