Tokujin Yoshioka - Junges Design

Arbeit an der Leichtigkeit

Der japanische Design-Shootingstar Tokujin Yoshioka entwirft eine kristalline und luftige Parallelwelt.
Tornados aus Trinkhalmen und verschwindende Stühle:Designwelten der Zukunft

Der Stuhl "Venus" (2008, Modell) besteht aus Kristallen

Nein. Dass Tokujin Yoshioka ein großer Naturliebhaber ist, auf diese Idee würde man nicht ohne weiteres verfallen. Immerhin strahlen die Objekte und In­terieurs des japanischen Shootingstar eine fast schon überirdische Künst­lich­keit aus.

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Strecken Teaser

Artifiziell wirken die nuancenreich mit dem Licht spielenden, meist transparenten oder schneeweißen Oberflächen seiner Möbel. Synthetisch sind viele der Materialien wie das von ihm als revolutionär begriffene Fiberglas.
Aufsehen erregte Yoshioka 2007 auf der "Design Miami", wo er einige seiner originellsten Sessel in einen regelrechten Wirbelsturm von Röhrchen ver­setzte: Zwei Millionen Kunststofftrinkhalme suggerierten in der über ei­nen Raum ausgebreiteten Installation einen "Tornado", hüllten die Sitzmöbel märchenhaft in ihrem Chaos der durch­­einander gewirbelten Formen ein. Und wer die Website von Tokujin-Yoshioka-Design besucht, driftet federleicht in das Ganzheitliche seiner von Ambientklängen umspülten Zukunftsvision ab. Der 1967 geborene Japaner ist auf dem besten Weg, eine unangreifbare kris­talline Parallelwelt aus Glas und Licht, aus kunstvoll gefälteltem Papier, schimmernden Metallen und durchlässigen Stoffen zu schaffen, in der die Schwerkraft zumindest imaginär an Bedeutung verliert.

In Mailand sitzen die wichtigsten Designhersteller von Tokujin Yoshioka, zu denen vor allem Driade gehört. Und dort, in einer leicht angegammelten Art–Déco–Hotellobby erklärt Yoshioka, warum er sein Designkonzept an die Gesetze der Natur angedockt sehen möchte. "Ich habe einen großen Respekt vor der Natur", sagt er mit leiser Stimme und fischt in seinem "Blackberry" nach Bildbelegen, wie er dies bislang gestalterisch eingelöst hat. Die Verschwendung von Naturressourcen möchte Yoshioka jedenfalls so gering wie möglich halten. Daher tüftelt er an umweltverträglichen Herstellungsprozessen mit synthetischen Materialien wie etwa für seinen "Pane Chair" von 2006. Dessen organische Form aus in einer Pappmatrize zusam­mengepressten Polyesterfasern ist tatsächlich in einem Brennofen gebacken, als handle es sich um italienischen Brot­teig.

Neues Bewusstsein für die Qualität der Natur

Das Resultat ist phänomenal: "Pane Chair" vermittelt das Gefühl, auf einem Luftkissen zu sitzen. "Ich zweifle immer mehr an unserem Lebensstil, an einer Zeit, in der Waren wie wild produziert und verschlungen werden – aus schierem Heißhunger heraus", sagt Yoshioka. "Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass man innovative Dinge auch in einem neuen Bewusstsein für die Qualität der Natur hervorbringen muss."

Und so sucht Tokujin Yoshioka in seiner fast schon romantisch versponnenen Designmission nach dem Klaren, Reinen, Jungfräulichen, wie es die Natur etwa in Form von Quellwasser, Bergkristallen oder Gletschern vorstellt. 2003 hat er als Teil eines Designprojekts einen gläsernen Stuhl in den Hochhausschluchten des neuen Tokioter Amüsierviertels Roppongi Hills als öffentliches Sitzmöbel platziert. Mit dem Titel "Chair that disappears in the rain" ist nicht zu viel versprochen. Tatsächlich verliert der wie von Wasserschlieren überzogene Stuhl aus Spezialglas bei Regen seine Sichtbarkeit.

Yoshioka bringt sogar Raumgrenzen zum Schwinden, indem er die lichtmagisch aufgeladene Ästhetik transparenter Minimalformen auf ganze Interieurs überträgt. Kein Wunder, dass der Glasschmuckhersteller Swarovski Gefallen an Yoshiokas futuristischen Glitzerwelten fand und sich von ihm dieses Jahr den neuen Flagshipstore in Tokio zum "Crystal Forest" ausstaffieren ließ: Hat man erst einmal den imposanten Eingang mit einem Stalaktitenvorhang aus verspiegelten Sechskantedelstahlstäben hinter sich gelassen, wachsen und perlen, flirren und regnen einem die Kaskaden von Glaskörpern nur so entgegen – gläserne Tränen inklusive.

Vom Erneue­rungsfieber geplagte High-Tech-Kultur

Konsequent meidet Tokujin Yoshioka farbliche Kapriolen. Der wahrscheinlich berühmteste Sessel von ihm, "Honey-pop" von 2001, ist aus nichts als weißem Papier: Aus 120 Blättern Pergamentpapier, die sich in dem Arm­lehnsessel zu einer bienenwabenarti­gen Struktur fügen und selbst unter Schwergewichten nicht ihre Façon ver­lieren. Holz schließt Yoshioka mittlerweile programmatisch aus seinen Produktionen aus. Einmal, da hat er im großen Stil Holz in sein Studio in Tokio geholt – aus konservatorischen Gründen. Er rettete das 150 Jahre alte Holzfachwerk aus einem traditionellen japanischen Lagerhaus für Reis, verpflanzte es von der ländlichen Präfektur Shimane in sein modernistisches Atelier. Ein ungewöhnliches Un­terfangen in der sonst vom Erneue­rungsfieber geplagten japani­schen High-Tech-Kultur. Am Anfang von To­kujin Yoshiokas blitzartiger Karriere stand nach einem Designstudium und einer Lehrzeit bei dem Designer Shiro Kuramata (1934 bis 1991) die Zusammenarbeit mit dem japanischen Modepapst Issey Miyake. "Ich habe den besten Designer gefunden, den man überhaupt bekommen konnte", soll Miyake damals zu ihm gesagt haben. Yoshioka lächelt im Nachhinein etwas verlegen über dieses Lob, obwohl er sich sonst kaum zu wundern scheint, warum die halbe Welt auf seine ätherischen Raumverwandlungen fliegt.

Für Miyake arbeitet er immer noch gelegentlich. Er hat die variable Architektur für eine Wanderausstellung von Miyake (1998/2000) und das aus speziellem optischem Glas bestehende il­lusionäre Interior Design für den 2004 eröffneten Laden in Taipeh entworfen. Auch die gegenwärtig im "21_21 Design Sight" laufende Ausstellung von Yoshioka steht letztlich unter der Patronage von Miyake, weil das Tokioter Designmuseum auf einer Stiftung des Modeschöpfers beruht. "Second Nature" nennt Yoshioka seine zusammen mit den Beiträgen weiterer Designer- und Künstlerkollegen organisierte Ausstellung und liefert damit erneut den Fingerzeig auf seinen Wunsch, "neue, naturähnliche For­men zu kreieren".

Futurismus ist jetzt!

Zu Tokujin Yoshiokas Lieblingswörtern gehört nicht von ungefähr das Wort "Botschaft": "Ich möchte die Menschen über mein Design so weit erheben, dass sie sich glücklich fühlen", erklärt er. Yoshiokas Ambition geht vor al­lem in den entgrenzten Innenräumen auf: Man fühlt sich tatsächlich wie in ein himmlisch immaterielles Refugium versetzt. Ganz nach dem Motto: Futurismus ist jetzt! Zurzeit züchtet Yoshioka übrigens künstliche Kristalle. Er lässt sie wie bei In-Vitro-Laborversuchen in Flüssigkeiten heranreifen – mit "Venus" hat er sogar schon einen Stuhl aus Kristallen entworfen.

"Die Art und Weise, wie ich Design mache, hat sehr viel mit der japanischen Küche zu tun, die einfach erscheint und doch hochraffiniert ist. Man denke nur an Sushi!" Leider könne er selbst überhaupt nicht kochen, gesteht er mit traurigem Kopfschütteln. Das erwartet auch keiner von Yoshioka, von dem Mann, durch den sich gerade die aufregendste und durchsichtigste Designentschleunigung der Welt anbahnt.

Tokujin Yoshioka: "Second Nature“

Termin: bis 18. Januar 2009, 21_21 Design Sight, Tokio. Literatur: Tokujin Yoshioka Design, Phaidon Verlag, 2006 (in Englisch)
http://www.2121designsight.jp

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