Documenta 1, 1955

Documenta 1, 1955: Arnold Bode

Der Universalgestalter Arnold Bode setzte schon zur ersten Documenta 1955 ein ganz starkes Zeichen, das bis heute seine Symbolkraft erhalten hat. Mit klarem Zitat auf das Bauhaus, schreibt Bode das Wort "documenta" klein und erhebt das kleine "d" zum Logo der Großveranstaltung. Im Deutschland, 10 Jahre nach dem Krieg, war dies noch immer ein Statement gegen Herrschaftsattitüden. "warum großschreiben, wenn man nicht groß sprechen kann?" liest man in Schriften des Bauhauses, wie auch das ökonomische Argument "warum 2 alfabete, wenn eins dasselbe erreicht?" Einziges Manko des ersten Entwurfes: Es steht zu viel drauf, was wiederum der Mehrsprachigkeit der ersten Plakate geschuldet ist.

Die Plakate der Documenta 1-13 kann man übrigens auch kaufen (Preis: 68,00 Euro + 9,00 Euro Versand). Die Poster der ersten zehn Ausgaben sind Reproduktionen. Die Plakate der Documenta 11 bis 13 Originale. Mehr Infos gibt es auf der Webseite des Documenta-Archivs.

Documenta 2, 1959

Documenta 2, 1959: Arnold Bode

Zur Documenta 2 entwarf Bode ein Triptychon, das beispielhafte Werke zeigt. Vielleicht eine didaktische Überlegung, da es immer noch einen starken Vermittlungsbedarf seiner Ideen gab. Denn was die Documenta ist und wurde und was aus den Ideen Bodes entstehen würde, konnte man erst erahnen.

Documenta 3, 1964

Documenta 3, 1964: Arnold Bode

Die dritte Documenta, wartete wie die erste, wieder mit einen starken Zeichen auf. Auch ist jetzt klar, dass in Zukunft weiter nummeriert wird. Ein eleganter Entwurf, sehr klar, sehr gekonnt, sehr konsequent. Für mich Bodes Meisterwerk.

 

Documenta 4, 1968

Documenta 4, 1968: Karl-Oskar Blase

Blase war Zeit seines Schaffens ein ästhetisch sehr vielfältiger Gestalter, was auch in seinen drei Documenta-Plakaten, die er in einer Spanne von 20 Jahren realisiert hat, augenscheinlich wird. Sein erster Entwurf aus dem Jahre 1968 ist erstaunlich resistent gegenüber den psychedelischen Einflüssen seiner Zeit und steht noch stark in der Gestaltungsphilosophie Arnold Bodes. Blase konzentriert sich auf die signifikanten Elemente "d" und "4". In stilistisch sicherer Komposition entwirft er ein sehr starkes Signet für die Documenta.

 

Documenta 5, 1972

Documenta 5, 1972: Ed Ruscha

Das Plakat für die d5 ist rätselhaft und aus heutiger Vogelperspektive wird nicht mehr klar, ob es sich um Ameisen oder Menschen handelt, die darauf den ebenso rätselhaften Schriftzug »Docu Menta 5« bilden. Oder ist es eine fabelhafte Verhaltensanalogie der beiden Spezies, die die Frage stellt: Sind die Künste unser Zucker?

Documenta 6, 1977

Documenta 6, 1977: Karl-Oskar Blase

Das Plakat für die d6 ist eindeutig ein Kind seiner Zeit und – überraschend für Bode – voller Ungereimtheiten. Die Redundanz der doppelten Darstellung, der Graustufenverlauf zwischen den Initialen, die doppelte Linie beim kleinen "d", die unausgereifte Typografie. Dennoch ein kunsthistorisch interessanter Entwurf, der gerade im Blick auf die Neuentwicklungen in der Typografie einiges erwarten lässt, was hier zwar noch nicht eingelöst werden konnte, aber einen grafischen Wandel dokumentiert.

Documenta 7, 1982

Documenta 7, 1982: Walter Nikkels

Schade, dass Walter Nickels nicht schon zur Documenta 1977 dran war. Vielleicht hat er seinen Entwurf mit den vielen Siebenen auch schon 77 begonnen? Dann würde es nicht weiter verwundert, dass es am Ende sogar 19 Siebenen auf dem Plakat zur Documenta Nummer 7 wurden, was erneut auf das Jahr 1977 hinweist. Ein schöner Entwurf - für Arithmetiker.

Documenta 8, 1987

Documenta 8, 1987: Karl-Oskar Blase

Fantastisch. Die Initialen der d8 in perfekter stilistischer Reduktion, mittels weniger Linien umgesetzt. Streng geometrisch bis hin zur Ortsangabe und den Datumsinformationen, welche konsequent in einem Winkel von 45 Grad angeordnet sind. Alle Gestaltungselemente in diesem Werk folgen dieser Logik. Lediglich eine aufstrebende Senkrechte im Buchstaben "d" fungiert als Bruch oder Schnitt. Sie trennt die Initialen und dient als Ankerpunkt der kleineren Typografie. Der gestalterische Minimalismus wird dann noch durch die Farbenfreude gebrochen, was dem Entwurf seine Strenge nimmt. Ein grafisches Meisterwerk.

Documenta 9, 1992

Documenta 9, 1992: Marleen Deceukelier, Sony van Hoecke

Jan Hoets Konzeption des "Displacement", der Grenzverschiebungen und – überschreitungen, versprach ein tiefe Auseinandersetzung mit allen Ausdrucksformen der Ästhetik. Auf dem Plakat bleibt es jedoch bei einem theatralischen Versuch, der eher an Tschaikowskis "Schwanensee" erinnert, als an eine Kunstveranstaltung und an die Documenta schon gar nicht. Auch wenn das Plakat so gar nicht radikal daher kommt, ist es in der Geschichte der Documenta dennoch der deutlichste Bruch mit der grafischen Tradition Arnold Bodes. Das Plakat ist schön gezeichnet und wohl proportioniert - aber Schönheit ist eben nur selten das Ziel zeitgenössischer Künste.

 

Documenta 10, 1997

Documenta 10, 1997: Büro X

Das stärkste Plakat, Logo und Zeichen von allen. Prägnant, universal einsetzbar, funktioniert in klein und groß, lesbar in Print und auf dem Screen, einprägsam, ikonographisch und so weiter. Damit gewinnt man jede Präsentation. Was ich, neben der visuellen Stärke, die man genau so gut als zu penetrant empfinde kann, jedoch wirklich interessant finde, ist nicht die Ästhetik, sondern die Dialektik. Die römische X wird zugleich zu einem roten X auf dem "d" - und das widerspricht allem! Es negiert die Documenta. Es Xt sie aus. Es ist ein Fanal der Auslöschung. Und dann kommt auch noch hinzu, dass die Gestalter sich Büro X nennen und sich somit selbst implementieren. Subversiver kann ein Entwurf nicht sein. Ich habe jedoch meine Zweifel, ob den Veranstaltern das in den Sinn gekommen ist.

Documenta 11, 2002

Documenta 11, 2002: Ecke Bonk

Einem Künstler ein Corporate Design zu überantworten, erinnert ein wenig an ein Firmenschild, das kürzlich im Internet viral ging und die Frage des Vertrauens in den Arzt der Wahl aufwarf: "Prof. Joseph Beuys - Institut für Plastische Chirurgie". Auch wenn diese Ironie zunächst noch Hoffnung lässt, erscheint der Entwurf von Ecke Bonk wie ein Kunstfehler. Dennoch kann ich verstehen, wie es zu der Vergabe an den Konzeptkünstler kam, denn sein Werk lässt durchaus das Vermögen erkennen, mit grafischen Medien umzugehen. Das Ergebnis allerdings wirkt wie eine klassische Überforderung, die sich auch in einfachsten handwerklichen Fehlern zeigt: der schmerzhafte Farbanschnitt im letzten Buchstaben oder das falsche Spacing der Zahl "11". Zu den willkürlich erscheinenden Farben muss erwähnt werden, dass diese eine funktionelle Bereicherung waren, da jeder Bereich (Plattform) der Ausstellung, eine eigenen Farbe erhielt. In diesem Entwurf gibt es noch eine Besonderheit, die gar keine ist: Bonk setzt Documenta mit großem "D". Grammatikalisch korrekt, und doch ein Sakrileg für die Gestalter der ersten Ausgaben.

Documenta 12, 2007

Documenta 12, 2007: Matha Stutteregger

Was bleibt einem bei der strengen Durchnummerierung der Documenta, auch anderes übrig, als sich mit der Darstellung von Zahlen zu beschäftigen? Die Macher der zwölften Ausgabe fühlten sich davon wohl so sehr gefangen, dass sie eine Darstellung wählten, die man sonst an Wänden innerhalb von Gefängniszellen findet – oder auf Bierdeckeln. Beides zwar nicht zwingend schlüssig, dennoch hat das Design eine gewisse Lässigkeit und lässt bei den weiteren Druckmedien viel Varianz erkennen. Die überzeugendste Designleistung der Documenta 12 war jedoch nicht das Corporate Design, sondern das Orientierungssystem der französischen Designgruppe Vier5, welches die Besucher durch das gesamte Areal mit handschriftlichen Hinweisen navigierte. Das sei insofern erwähnt, da Vier5 auch für die aktuelle Documenta zum Gestalterteam gehört.

Documenta 13, 2012

Documenta 13, 2012: Leftloft

Dieses Konzept hat einen sehr intellektuellen Ansatz. Das klein geschriebene "d" als Zitat auf den Gründer Arnold Bode, die "13" in Klammern, damit es 13 Satzzeichen sind, die Reduktion auf faktische Information. Was das Plakat allein nicht zeigt und was man erst erkennt, wenn man auch die anderen zahlreichen Medien, wie Bücher, Flyer, Flaggen, Merchandise-Artikel sieht: Der Schriftzug sieht in jeder Darstellung anders aus. Das Designkonzept sieht vor, dass bei jedem Erscheinen des Namens der Documenta, eine andere Schrift gewählt wird – eine Art Demokratisierung der Information. Wie häufig bei intellektuellem Höhenflug, bleibt das Sinnliche auf der Strecke. Das Ergebnis ist ein schönes Konzept - und ein hässliches Plakat.

Die Plakate der Documenta 1-13 kann man übrigens auch kaufen (Preis: 68,00 Euro + 9,00 Euro Versand). Die Poster der ersten zehn Ausgaben sind Reproduktionen. Die Plakate der Documenta 11 bis 13 Originale. Mehr Infos gibt es auf der Webseite des Documenta-Archivs.

Documenta 14, 2017

Documenta 14, 2017: Mevis & Van Deursen / Ludovic Balland Typography Cabinet / Julia Born & Laurenz Brunner / VIER5 (von oben links im Uhrzeigersinn)

Wenn ich das richtig deute, wurden in diesem Jahr gleich vier Gestalter beauftragt. Das ist eine mutige Entscheidung, weil zugunsten einer Vielfalt auf die Reduktion zu einem Symbol verzichtet wird. Das lässt Marketing-Experten, dieso gerne von Key Visual, Image oder Markenkern sprechen, die Nackenhaare hochstehen. Ich sehe das allerdings eher als Pluspunkt, denn ich glaube daran, dass eine Idee stärker ist als ein Symbol. Der Mut auf eine unkonventionelle Lösung zu setzen, die Luft zum Atmen und zum Interpretieren lässt, genießt meine volle Sympathie. Da ist es auch gar nicht so tragisch, dass das ein oder andere Plakat durchaus seine Schwächen hat, die Idee überragt in diesem Fall die einzelnen Entwürfe.

 

 

Fons Hickmann

Der Autor

Fons Hickmann ist Grafiker, Autor und Professor für Gestaltung an der Universität der Künste in Berlin. Das international renommierte Designstudio "Fons Hickmann m23" wurde mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht und gehört zu den einflussreichsten Positionen im zeitgenössischen Design. Hickmann ist Mitglied im TDC New York und der AGI Alliance Graphique Internationale. Zunehmend widmet er sich der Herausgabe von Fachliteratur zu popkulturellen Erscheinungen von Design bis Fußball.