Sozialamt für Gestaltung - Design

Samariter des guten Designs

„Wir sind hier nicht beim Sozialamt!” Doch, sind wir. Das Hamburger Designbüro Giraffentoast gründete 2006 ein Sozialamt für Gestaltung. Für Schallplatten, Präsentkörbe, Bettwäsche oder kleine Geldbeträge werden die jungen Designer kreativ. Was steckt hinter dieser Idee? Lea Besier von art hat den Gründern auf den Zahn gefühlt
Ein Recht auf Design:Jeder bekommt eine professionelle Gestaltung

Bastian Seiler (30) und Jens Lueg (35) vom Designbüro Giraffentoast zeigen die Arbeiten ihres Sozialamts für Gestaltung.

Im August 2000 haben Philip Braun, Jens Lueg und Holger Markewitz-Peters Giraffentoast gegründet. Seit 2002 ist Bastian Seiler der Vierte im Bunde. Die Bürogemeinschaft bietet medienübergreifende Leistungen: von Illustrationen, Media-Art, Grafik- und Webdesign bis zur VJ Arbeit. Ausschließlich das tägliche Auftragsgeschäft zu bedienen war ihnen zu langweilig. Deshalb entstanden die beiden Projekte Sozialamt für Gestaltung und T-Mix. Mit dem T-Mix-Projekt forderten sie Künstler und Designer auf, T-Shirt-Kreationen zu entwerfen. Das Sozialamt für Gestaltung stellen sie im Oktober auf dem hamburgunddesign Festival vor. Lea Besier von art sprach mit Bastian Seiler (30) und Jens Lueg (35).

art: Was ist das Sozialamt für Gestaltung?

Lueg: Das haben wir vor einem Jahr gegründet. Es ist eine Spaßidee gewesen. Wir haben gedacht, man müsste ein Sozialamt für Design gründen. Dort kann sich jeder bewerben, und wir suchen uns aus, welche Aufträge wir interessant finden und unterstützen wollen.
Bei Standardjobs wird man vom Kunden sehr eingegrenzt und kann gar nicht so frei arbeiten, wie man eigentlich möchte. Wir haben gemerkt, dass die Projekte, die wir frei machen, immer besser sind als die normalen Jobs. Bei dem Projekt „Sozialamt für Gestaltung“ geben wir nicht nur Unterstützung, sondern haben für uns die kreative Freiheit.

Seiler: Das Angebot richtet sich eher an junge oder kleine Unternehmen, Kunstprojekte oder soziale Einrichtungen, die nicht viel Geld haben. Leute melden sich, die sich nicht getraut hätten, bei einer großen Designagentur wie Giraffentoast anzuklopfen. Gute Ideen hätten wir gar nicht mitbekommen. Es ist wirklich für die kleinen Kunden gedacht, und das ist auch das Spannende an diesem Projekt.

art: Wer hatte die Idee für diesen Namen? Warum „Sozialamt für Gestaltung“?

Lueg: Das Sozialamt ist direkt neben unserem Büro. Deswegen kam uns die Idee. Es gibt diesen typischen Spruch in der Designerbranche: „Wir sind nicht das Sozialamt.“ Daraus ist dieser Name entstanden. Wir spielen natürlich immer ein bisschen mit der Behördenbezeichnung.


art: Bietet das „Sozialamt für Gestaltung“ die Unterstützung umsonst an? Was für eine Gegenleistung erwartet Ihr? Welchen Vorteil habt Ihr?


Lueg: In erster Linie wollen wir damit unser eigenes Portfolio interessanter machen. Wir merken aber auch, dass wenn wir bei solchen Projekten freie Hand haben, die Arbeit für uns spannender ist. Das Ergebnis ist immer besser als bei anderen Projekten der großen Werbeagenturen. Deshalb sind es auch dankbare Aufgaben, die wir zu erfüllen haben.

„Dann kann der uns auch mal eine Putzfrau vorbeischicken.”

art: Wie sieht dieses Tauschgeschäft denn aus? In Eurem Antrag steht Eigenbeteiligung in Naturalien, was wäre das? Und noch viel interessanter ist „die etwaige illegale unübliche Kostenbeteiligung“ in Eurem Antragsformular.

Lueg: Es ist ein ernst gemeinter Vorschlag. Wenn ein Kunde nicht zahlen kann, der aber eine ganz tolle Idee hat, bleibt diese Möglichkeit des Tauschgeschäfts. Wenn zum Beispiel jemand anfragt, der Reinigungsmittel herstellt oder Putzdienst macht, dann kann der uns auch mal eine Putzfrau vorbeischicken.

art: Was war denn die Gegenleistung vom Projekt 1. Gärten Festival Bremen?

Seiler: Da gab es Geld, was die von irgendeiner Kulturbehörde bekommen haben. Aber das war natürlich sehr wenig Geld im Verhältnis zum Aufwand. Das ist ein Projekt gewesen, wo beide Seiten sehr zufrieden waren und wir ein gutes Feedback hatten. Das Publikum hat sich sogar die Plakate von den Bäumen geklaut, weil die so super waren. Sonst haben wir anstelle von Geld schon Bettwäsche für ein Logo bekommen, einen Präsentkorb oder eine Kiste Schallplatten. Auf die Schallplatten warte ich noch.

art: Warum ist Euch das Grundrecht für Gestaltung so wichtig? Was ist das Grundrecht jedes Designers oder was könnte es sein?

Seiler: Ich finde, alles, was gestaltet wird, hat das Recht, gut gestaltet zu sein. Das ist eigentlich die Aussage. Wenn jemand von Gestaltung keine Ahnung hat und einen Flyer macht, gelingt es aber meistens nicht. Und das ist ja schade, weil es der Sache nicht gerecht wird. Deswegen ist unsere Meinung, alles hat das Recht, gut gestaltet zu sein.


art: Habt Ihr ein langfristiges Ziel mit dem Sozialamt für Gestaltung?

Lueg: Dieses Projekt ist uns schon so wichtig, dass wir weitermachen wollen und überlegen, was könnte man noch verändern. Wir werden die Website immer weiter aktualisieren. Wir finden die Idee immer noch gut. Wo das hingeht, wissen wir nicht. Wir sehen das ganze Projekt natürlich auch mit einem Augenzwinkern.

„Die Affen sind los!”

art: Das „Sozialamt für Gestaltung“ ist ein Projekt von Giraffentoast. Wie seid Ihr auf den Namen Giraffentoast gekommen?

Lueg: Das war eigentlich nur ein Missverständnis. Bei der Namenssuche für unsere Website hat einer gesagt: „Die Affen sind los“, und ich habe stattdessen Giraffentoast verstanden. Seitdem ist das unser Running Gag, und so sind wir bei dem Namen hängen geblieben.


art: Anfang Oktober findet in Hamburg das hamburgunddesign Festival statt. Giraffentoast hat sich dafür mit dem „Sozialamt für Gestaltung“ beworben. Wie werdet Ihr Euch präsentieren und was wollt Ihr damit erreichen?

Seiler: Wir werden mit unserem Gestaltungsmobil vorfahren. Die Idee ist ein Infowagen. Ähnlich dem Jobmobil wird es eine Anlaufstelle sein. Dort informieren wir über das „Sozialamt für Gestaltung“ und die bisherigen Arbeiten. Im direkten Kontakt mit den Leuten nehmen wir Anträge entgegen.

Lueg: Wir werden an drei Orten stehen: einmal am Schulterblatt, auf der Mönckebergstraße und auf dem Spritzenplatz. Wir erwarten ein gemischtes Publikum, dadurch wird die Aktion sicherlich spannender. Wir stellen uns nicht wie Freaks hin, die Grafikdesign machen, sondern wir sehen das Ganze wieder mit einem Augenzwinkern.

Seiler: Und da gibt’s dann sicher Sozialamtfähnchen im Behördenstil. Wir vertreten ganz einfach das Grundrecht für Gestaltung.

art: Eure Aktion ist das „Sozialamt für Gestaltung“ vorzustellen, um den Bekanntheitsgrad zu erhöhen?


Seiler: Ja, genau. Das Projekt ist eigentlich zu dem Zeitpunkt der DU BIST DEUTSCHLAND-Kampagne geboren. Da hieß es, wir rütteln jetzt Deutschland auf und alle tun was. Und wir waren der Meinung, eine Plakatkampagne, das hilft jetzt eigentlich auch niemandem. Sondern wir tun wirklich was. Wir gehen vor die Tür und bieten Leuten eine Dienstleistung an. Daraus entstand dann das Sozialamt für Gestaltung.


art: Gibt es für Euch einen Punkt, an dem ihr sagen würdet, das „Sozialamt für Gestaltung“ kann schließen? Der Auftrag ist erfüllt? Oder ist es eine never ending story?

Lueg: Eigentlich haben wir uns darüber noch keine Gedanken gemacht, und momentan steht es nicht zur Debatte. Wenn irgendwann keine Aufträge mehr kommen und wir genug Energie hineingesteckt haben, schließen wir vielleicht das Sozialamt für Gestaltung. Jetzt gilt noch: Es gibt viel zu tun.

Informationen zum hamburgunddesign Festival 2007

Vom 5. bis 10. Oktober 2007 findet in Hamburg das Design-Festival statt. Mit 143 Veranstaltungen und weit über 400 Beteiligten präsentiert sich die Designszene. Sechs Tage lang werden den Besuchern temporäre Aktionen im öffentlichen Raum, Modeshows, Filme, unveröffentliche Entwürfe oder gar ein Design-Menü geboten.
http://www.hamburgunddesign.de/news/news.htm
hamburgunddesign Festival 2007