Martin Margiela - München

Exaltierte Nähte und Ponys

20 Jahre Maison Martin Margiela – München begeht das Jubiläum des belgischen Modemachers Martin Margiela zweifach. Es wurde der erste Store in Deutschland eröffnet und parallel dazu eine Schau im Haus der Kunst. So hartnäckig die Verweigerungsgesten von Maison Margiela gepflegt werden, die Zeremonienfeier des großen Mode-Dekonstrukteurs ist bis ins schönheitliche Detail choreografiert.

"Wie stellen Sie sich denn Martin Margiela vor?" Ein Kamerateam hangelt sich am Eröffnungsabend von Margielas neuem Store in der Münchner Maximilianstraße durch die Menschentraube, befragt die von der Ankunft des Labels in Deutschland förmlich berauschten Gäste. Keiner hat offenbar das unlängst in der New York Times veröffentlichte Porträtfoto Margielas gesehen – ein Schnappschuss von 1997. Und so können die durch Margielas Anonymität phantastisch geschürten Projektionen weiter gedeihen. Martin Margiela bleibt der große belgische Unbekannte der Modewelt.

Monsieur Fantomas will sich weder fotografieren lassen noch öffentlich in Erscheinung treten. Seinen Models werden zur Unkenntlichmachung der Physiognomie Gazebinden ums Gesicht gebunden oder es fallen ihnen mittlerweile auch Ponys dick wie Pferdemähnen über die Augen. Ja, wie könnte man sich Martin Margiela vorstellen? Vielleicht ein wenig wie einen Forscher in einem Chemielabor. Die Mitarbeiter tragen zur Feier des Abends ihre notorisch weißen Kittel. Am Boden ausgestreut wurden Unmengen weißes Konfetti, das dann bis zum mit 3000 Besuchern überfüllten Haus der Kunst weitergetragen wurde. Das Weiß des Konfetti ist so stumpf wie meist die Farbigkeit in den Kollektionen Margielas. Der 1957 geborene Flame verweigert sich hartnäckig dem Glamourösen, der Imagebildung, der Idolisierung.

Allen nüchternen Dekonstruktionen des Systems Mode zum Trotz ist die Schau "Maison Martin Margiela" (MMM) durchaus schönheitshungrig bis ins nebensächliche Detail choreografiert. Selbst die beiläufig in der Ecke abgestellte – natürlich weiße – Schneiderpuppe mit dem zynischen Titel "Icône" gehört zum fast schon ritualisierten Zeremoniell des Rebellen. Hier und da bricht der Konzeptualismus über die Maßen mit MMM durch und man wähnt sich angesichts der an die Wand gepinnten Zettelwirtschaft in einer bildfeindlichen Kunstvereinsausstellung vor zirka zehn Jahren. Ein Highlight dann: Dunkel verglaste Vitrinen illuminieren nach Zeitschaltuhren ihren Inhalt, so etwa eine Stola aus Papierkugel, die laut Inschrift 55 Stunden Produktion in Anspruch genommen hat. Und je länger man die in eingebauten Gängen aufgereihten Modeskulpturen ansieht, desto mehr wird einem bewusst, wie sehr sich gerade durch den Entzug des Personenkults das Margiela-Design mit Aura auflädt.

Extrem dick aufgetragenes Understatement

Wer behauptet, dass ausgerechnet Martin Margielas Kleider nicht tragbar seien, war vermutlich in seinem Leben noch bei keinem Defilee der Haute Couture. MMM ist extrem dick aufgetragenes Understatement, bei dem unspektakulärste Stoffe wie schlichte Baumwolle mit Couturier-Finesse verarbeitet werden. Ausgefranst sind die Säume, nach außen gekehrt die Nähte, Löcher wie von Motten fressen sich ins Wollgewebe. Die nach allen Mitteln der Kunst dekonstruierte Streetwear hat längst ihre Nachahmer von Boss bis hin zu H & M gefunden. Die wenigsten möchten vielleicht in Stiefeln wie Kuhhufen auftreten, bei denen der großer Zeh vom Rest des Schuhs abgeteilt ist. Aber auch das ist Geschmackssache oder vielmehr Konvention, denn Pate standen die in Japan beliebten Tabi-Socken mit ihren Ausstülpungen für den einzelnen Zeh. Und Margielas Trenchcoats erinnern ungeachtet ihrer surreal verdoppelten Arme an die siebziger Jahre, als eine nahezu uniformierte Generation X in abgetragenen Flohmarktmänteln durch die Städte strich.

Margiela kennzeichnet seine Produkte bekanntlich mit einem weißen Heftfaden-Kreuz, das am Rücken seiner Anhänger zutage tritt. Dieses No-Logo ist für einigermaßen Modeversierte längst zum Markenzeichen schlechthin avanciert. Und gäbe es nicht doch zwei, drei Fotos und glaubwürdige Aussagen zu Margielas Existenz, dann könnte man die ganze nihilistische Chose der gerissenen Strategie eines gut durchorganisierten Modelabors mit Hauptquartier in Paris zuschreiben. Nein, Margiela lebt, und seine typisch belgische Kreation eines Anti-Images in der Mode hat fast nichts an Glaubwürdigkeit verloren. Es ist nur etwas gewöhnlicher geworden.

"Maison Martin Margiela"

Termin: bis 1. Juni, Haus der Kunst, München
http://www.hausderkunst.de/

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