Kirche & Design - Karl Höing

Bedürfnis nach Sinnlichkeit und Theatralik

Wie kreativ ist die Kirche heute, wenn es um Architektur, Kunst, Musik und Design geht? Darum ging es bei dem Stuttgarter Symposium "Konfessionelles Gestalten" des Weißenhof Instituts. Karl Höing, 51, Professor für Textilgestaltung an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart wünscht sich zumindest mehr Kreativität im Corporate Identity der Kirchen.
Mehr Kreativität in den Kirchen:Mut bei der Gestaltung sakraler Gewänder

Karl Höing, Professor für Textilgestaltung

Herr Höing: Haben Kirchen auch eine Corporate Identity?

Karl Höing: Corporate Identity meint ja eigentlich das äußere Erscheinungsbild einer Firma. In der Kirche geht das viel weiter: Auch das, was im Spirituellen verborgen liegt und sich letztendlich einer Abbildung verweigert, soll dargestellt werden. Das ist sehr viel komplexer.

Und Sie finden, dass die Priester nicht genug Wert auf diese Corporate Identity legen?

Künstlerische Experimente sind zwar nicht selten, können sich aber meist nicht durchsetzen. Wenn man Henri Matisse denkt – seine Paramente für die Kapelle in Vence waren bahnbrechend. Heute kommen aufwändige Gewänder höchsten noch zum Einsatz bei besonderen Anlässen wie der Einsetzung des Papstes, die fast operettenhaft wirkte.

Wo kaufen Priester eigentlich ein?

Es gibt Versandhauskataloge wie bei Quelle, die meist altbacken und verstaubt sind. Es gibt professionelle Werkstätten und Klosterfrauen, die Paramente in kleiner Auflage anfertigen, oder auch Paramentenvereine, die nach den Vorlagen des Pfarrers sticken. Das entspricht aber meist nicht mehr den inhaltlichen Bestrebungen und den starken Veränderungen, denen die Kirche heute unterworfen ist.

Das heißt konkret?

Es ist wieder ein stärkeres Bedürfnis da nach Sinnlichkeit, vielleicht sogar nach einer gewissen Theatralik. Möglicherweise müssen die Kirchen mehr auf sich aufmerksam machen, weil ihnen die Leute davonlaufen. Mit den Kleidern von Donatella Versage für den letzten Papst ist ein Fass aufgeschlagen worden. Donatella Versace ist den umgekehrten Weg gegangen und hat sich bei einer Herrenkollektion an der priesterlichen Amtstracht orientiert.

Würde es junge Stoffdesigner denn interessieren, für die Kirche zu entwerfen?

Bei Modedesignern bin ich mir da ziemlich sicher, denn die Geschichte und Möglichkeiten der Gestaltung sakraler Gewänder sind eine große Herausforderung. Textilgestalter könnten auch interessiert sein, besonders an der Frage, wie
bekomme ich das Spirituelle in den Stoff?

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