U.F.O. - NRW-Forum Düsseldorf

Dieses Hybride ist Zeichen unserer Zeit

Mit der Ausstellung "U.F.O. – Grenzgänge zwischen Kunst und Design" stellt das NRW-Forum Düsseldorf die Kategorien von Kunst und Design in Frage, indem Werke beider Bereiche ohne Urteil nebeneinander gestellt werden. Ganz so unbekannt, wie der Titel "U.F.O." behauptet, sind die Objekte dann aber doch nicht: Namhafte Künstler und Designer stehen hier dicht beieinander.

Sitzen oder nicht sitzen ist eine der vielen Fragen, die seit Freitag im NRW-Forum Düsseldorf Kunst- und Designinteressierte beschäftigen und die, so viel vorab, bis zum Schluss verwirrend bleibt. Beantwortet dürfte aber dafür die Frage sein, was es mit den mysteriösen U.F.O.-Plakaten auf sich hat, die seit gut zwei Wochen über die Stadt verteilt sind und so manchen Düsseldorfer zu Science-Fiction-Mutmaßungen in Internetblogs veranlasst haben.

Raumschiffe sind im Rheinland keine gelandet, dafür aber Design- und Kunstobjekte, deren Zu- und Anordnung sich rätselhaft gibt wie Zukunftstechnologien. Und so soll es wohl sein. Schließlich sind U.F.O.s "unbekannte Flugobjekte", Phänomene, die im Moment ihrer Beobachtung nicht eindeutig identifiziert werden können. Ausstellungsmanager Werner Lippert rät seinem Publikum: "Tun Sie, was der Titel sagt: Behandeln Sie jedes Stück als U.F.O., als Objekt, das a priori nicht definiert ist." Tatsächlich landen unbemerkt Arbeiten von Künstlern neben denen von Designern und Architekten und demonstrieren, dass die Grenzen zwischen den Professionen zunehmend verschwinden. Lediglich ein Blick auf einige der prominenten Namen wie John Armleder, Richard Artschwager, Liam Gillick, Donald Judd oder Franz West gibt Hinweis darauf, womit man es zu tun hat.

Doch wenn Arbeiten von Künstlern an berühmte Designer erinnern und umgekehrt, wie die herrlich kitschverdächtige Glocke des Designers Marcel Wanders, die Assoziationen an Jeff Koons wachruft, verschwimmen die Grenzen eben nicht nur in der Gegenüberstellung der Disziplinen, sondern im einzelnen Werk. "Jedes Stück soll die Idee der Ausstellung exemplifizieren: Die Auflösung der Frage, ob etwas Design oder Kunst ist, soll sichtbar gemacht werden", erklärt Lippert. "Die Frage nach der Unterscheidung löst sich auf zu Gunsten des Hybriden. Die Parameter verschieben sich und heben sich in den einzelnen Werken auf. Dieses Hybride ist Zeichen unserer Zeit." Design, oder Kunst, oder beides im Begriff der design-art? Da sind heute also viele Antworten möglich. Einige sind an den Wänden zu lesen oder im eigens eingerichteten Blog. Der Satz "Das Design ist ein Ausdruck einer Absicht. Es kann (wenn es denn gut genug ist) später als Kunst bezeichnet werden" (Charles Eames, What is Design, 1972), weist dabei nur eine Richtung. So wandert der Besucher durch ungewisse ästhetische Arrangements, vorbei an biomorph anmutenden Möbeln, goldenen Kochtöpfen, Science-Fiction-ähnlichen Leuchtobjekten und auffällig vielen Stühlen und Sesseln, denen nur ihre Uneindeutigkeit gemeinsam ist.

Funktionalität ad absurdum

Und damit sitzt der Besucher zwischen den Stühlen, wo er etwas allein gelassen wird. Was aber besonders im linken Raum auch seinen Reiz hat, denn dort wird mit einer ganzen Galerie an Sitzmöbeln die Frage nach Funktionalität ad absurdum geführt. Das zeigt die – natürlich nur theoretische – Sitzprobe: Die Stühle des Designers und Künstlers Rolf Sachs sind, nicht nur weil sie auf einem Podest stehen, definitiv nicht zum Sitzen geeignet. Die Funktionsfähigkeit des Franz-West-Stuhls hingegen steht außer Frage. Der Stuhl funktioniert als Stuhl, ist aber Kunst. An der Wand kommentiert das Ganze ein Zitat des Künstlers: "Wenn ich einen Stuhl mache, erkläre ich ihn zum Kunstwerk."

Trotzdem erwartet er geradezu, so Lippert, dass man auf seinen Stühlen auch sitzt. Die Plüschtierstühle von Fernando und Humberto Campana einen Raum weiter wären auf jeden Fall bequem, doch Platz nehmen darf man im NRW Forum prinzipiell nicht, ob Kunst oder Design. "Im Museum verliert ein Objekt seinen funktionalen Charakter", sagt Lippert. Sich auf den wackeligen Exemplaren des Stuhl-Projekts von Martino Gamper ("100 Chairs in 100 Days") niederzulassen, wäre ohnehin wenig ratsam, und auf Richard Artschwagers Stuhl darf man es erst gar nicht, weil der Künstler es nicht erlaubt. Also besser auf den Beinen bleiben – dann entdeckt man auch hinter der nächsten Ecke eine der interessantesten Arbeiten der Ausstellung.

"Deshalb lösen wir sie aus ihrem Kontext heraus"

Der Künstler Rodney Graham zitiert eine Wandskulptur von Donald Judd und ironisiert dessen strikte Trennung in Kunst und Design, indem er kurzum das gesammelte Werk Sigmund Freuds hineinstellt und ein Bücherregal daraus macht. Ob jetzt das Kunstwerk zum Regal geworden ist oder das Regal zum Kunstwerk, der "bitte-nicht anfassen-Hinweis" am Eingang macht klar, dass kein Buch herausgezogen werden darf, um möglicherweise der Frage nachzugehen, was Psychoanalyse und "Minimal" verbinden könnte.

Auf ovalen "Holz-U.F.O.s" schweben die Arbeiten einzeln und dadurch leider separiert voneinander im Raum. "Stünden Gebrauchsmöbel einfach auf dem Boden, würde nicht deutlich, dass wir sie präsentieren wollen. Deshalb lösen wir sie aus ihrem Kontext heraus", erklärt Lippert. Denn die Frage nach Kunst oder Design hinge von Kontext und Betrachtungsperspektive ab. Die "unbekannten Ausstellungsobjekte" laden zwar dazu ein, die Perspektiven zu entdecken. Doch eigene Antworten sind schwer zu finden, auch wenn Zitate an den Wänden zahlreiche Möglichkeiten vorschlagen. Durch eine etwas undurchsichtige Anordnung und die UFO-Podeste bleiben viele der Exponate einzelne Universen ohne viel Interaktion untereinander, und die Wahrnehmung beschränkt sich deshalb häufig auf die Erkenntnis, dass man zwischen Kunst und Design einfach nicht unterscheiden kann oder soll.

"U.F.O. – Grenzgänge zwischen Kunst und Design"

Termin: bis 5. Juli, NRW-Forum für Kultur und Wirtschaft, Ehrenhof Düsseldorf, zur Ausstellung erscheint ein Katalog, ca. 140 Seiten, 25 Euro.
http://www.nrw-forum.de/

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