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Dieses Buch wird nicht allein in der Fachwelt für Aufregung sorgen. Der Schweizer Kunsthändler und Van Gogh-Forscher Walter Feilchenfeldt legt ein Verzeichnis jener Gemälde von Vincent van Gogh vor, die zwischen 1886 und 1890 in Frankreich entstanden. Der offizielle Van Gogh-Werkkatalog erschien 1928, wurde dreimal überarbeitet, gilt aber immer noch als fehlerhaft und unzuverlässig. Walter Feilchenfeldt, der seit Jahrzehnten über van Gogh forscht und das Archiv der legendären Galerie Paul Cassirer besitzt, konnte vor allem bei den frühen Provenienzen zahlreiche Lücken schließen. Der Mitverfasser des Werkverzeichnisses von Paul Cézanne ist 70 Jahre alt und lebt in Zürich.


Warum ist es wichtig, zu wissen, wer vor 100 Jahren ein Gemälde von van Gogh besessen hat?

Feilchenfeldt: Die möglichst lückenlose Dokumentation der Besitzer und der Ausstellungen, auf denen die Bilder gezeigt wurden, ist eine unerlässliche Informationsquelle für alle Fragen der Echtheit und der Rezeptionsgeschichte. Die frühen Besitzer sind in diesem Zusammenhang am wichtigsten. Ein Bild, das nachweisbar von Theo van Gogh kommt, kann man kaum als Fälschung bezeichnen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Bild, das nicht von Theo van Gogh kommt, zwangsläufig eine Fälschung sein muss.


Mit Hilfe welcher Unterlagen haben Sie diese Provenienzen recherchiert?

Feilchenfeldt: Mit den Dokumenten der Familie van Gogh, die heute im Van Gogh Museum in Amsterdam zugänglich sind; ausserdem mit den Unterlagen des Kunsthandels Paul Cassirer Berlin, die sich in meinem Besitz befinden, sowie denen anderer Kunsthändler – vor allem Ambroise Vollard – zu denen ich Zugang erhalten habe.

Einige Gemälde, die im offiziellen Werkkatalog verzeichnet sind, fehlen bei Ihnen. Was bedeutet das?

Feilchenfeldt: Da muss man zunächst ja mal fragen, was eigentlich unter einem "offiziellen Werkkatalog" zu verstehen ist? Wer ist dafür zuständig? Das Werkverzeichnis von 1970, das noch unter dem Patronat der Familie erstellt wurde, stiess bei dessen Erscheinen auf starke Kritik. Inzwischen sind beinahe 40 Jahre vergangen, und immer wieder werden in jenem Verzeichnis aufgelistete Werke in Frage gestellt. Der im Jahr 2003 erschienene Bestandeskatalog der Sammlung Kröller-Müller in Otterlo zum Beispiel listet jetzt sechs Bilder mit dem Zusatz "früher van Gogh zugeschrieben" auf, die damals als authentisch galten und heute eben nicht mehr. Nicht aufgenommen sind wegen begründeter Zweifel zum Beispiel drei Selbstportraits in den Museen von Hartford, Oslo und im Metropolitan Museum in New York.

Handelt es sich bei den Werken, die nun in Ihrem Katalog fehlen, immer um Fälschungen, oder auch um Fehlzuschreibungen?

Feilchenfeldt: Meines Erachtens handelt es sich mit ganz wenigen Ausnahmen um Fehlzuschreibungen, vor allem bei den Blumenbildern der Pariser Zeit. Es geht mir um eine Analyse des Gesamtwerks, und es ist jedem Leser unbenommen, mit meiner Sichtweise einverstanden zu sein oder nicht. Was ich vortrage, ist – bei aller Sorgfalt und Recherche – meine persönliche, wissenschaftlich begründete Meinung.

Konnten Sie umgekehrt durch neue Erkenntnisse zu ihrer Herkunft auch Werke vom Fälschungsverdacht entlasten?

Feilchenfeldt: Es gibt Fälle, bei denen ich die Herkunft der Bilder soweit zurückverfolgen konnte, dass die Hypothesen, die für einen Fälschungsverdacht geäussert wurden, entkräftet oder als sehr unwahrscheinlich werden können. Das gilt zum Beispiel für die angezweifelten Fassungen des "Jardin de Daubigny" im Kunstmuseum Basel und in einer Privatsammlung und für die „Sonnenblumen“ im Besitz eines japanischen Versicherungsunternehmens. Manches wird aber auch durch die visuelle Gegenüberstellung der Bilder deutlicher. Es gibt zum Beispiel in Saint-Rémy nur kleine Blumenstilleben, so dass ich zur Auffassung kam, ein deutlich größeres "Stilleben mit Holzschuhen" müsse wohl schon aus Arles stammen, wo es in eine Reihe analoger Stilleben-Formate mit ähnlicher Koloristik passt.

Warum gibt es eigentlich, 119 Jahre nach seinem Tod, immer noch kein verbindliches Werkverzeichnis zu van Gogh?

Feilchenfeldt: Das Werkverzeichnis von 1928 war eine absolut sensationelle Quelle der Information. Es war das erste Werkverzeichnis eines Malers aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überhaupt – vor Manet, vor Monet, vor Pissarro, Degas, Seurat, Gauguin, Cézanne und so weiter. Es entstand jedoch, ohne dass der Autor Einblick in die privaten Papiere der Familie van Gogh erhalten hätte. Als der Ingenieur Vincent Willem van Gogh, seit 1925 das Oberhaupt der Familie, in den 1970er Jahren das Van Gogh Museum gründete und den gesamten Bestand der Bilder, Zeichnungen und Briefe der Öffentlichkeit zugänglich machte, blieben die Dokumente, wie bei vielen bedeutenden Nachlässen üblich, noch eine Zeitlang "gesperrt" und waren der Forschung nicht zugänglich. Erst in den 1990er Jahren wurde diese Sperrung aufgehoben. Die Forscher des Van Gogh Museums haben aber beschlossen, als erstes eine kritische Briefedition zu erarbeiten, deren Erscheinen für Oktober dieses Jahres angekündigt ist. Danach sollen die Bestandeskataloge der eigenen Sammlung abgeschlossen werden. Ein neues Werkverzeichnis plant das Van Gogh Museum meines Wissens derzeit nicht. Für mein Buch standen mir alle notwendigen Unterlagen des van Gogh-Familienarchivs bereits seit 1988 zur Verfügung. Sicher ist aber auch mir noch manches unbekannt, weshalb ich bei meinem Buch nicht von "einem neuen Werkverzeichnis" sondern von einem "Beitrag zu einem neuen Werkverzeichnis" spreche.

Dazu, wo sich die Bilder heute befinden, machen Sie nur sehr knappe Angaben. Wissen Sie, wo sich das seit der Rekordauktion von 1990 verschwundene "Porträt des Dr. Gachet" befindet?

Feilchenfeldt: Mein Anliegen in diesem Buch ist es, die frühen Provenienzen der in Frankreich entstandenen Werke van Goghs bis zu ihrer Aufnahme in das erste Werkverzeichnis von 1928 zu bestimmen. Danach sind die Werke mit einer F Nummer versehen und sind dadurch identifizierbar. Alle Informationen über die Besitzer nach 1928 und den heutigen Besitzer sind ein "Bonus", den ich den Lesern nicht vorenthalten wollte. Es ist aber nicht die Aufgabe dieses Buches, zu den Fragen der heutigen Besitzer ins letzte Detail zu gehen. Natürlich weiss ich zu diesem Thema einiges mehr, als ich schreibe, aber hier muss ich mich nach den Wünschen derjenigen richten, die mir vertrauen.


Interview: Stefan Koldehoff