Design Festival 2009 - London

Gemütlichkeit in Zeiten der Krise

Zum siebten Mal fand vom 19. bis 27. September das London Design Festival statt – trotz Rezessionstief mit 163 Ausstellungen und Installationen im ganzen Stadtgebiet. Fazit: Es gibt ein Leben nach der Glühbirne, sogar für Lichtdesigner.
Gemütlichkeit in Zeiten der Krise:Höhepunkte des Londoner Design Festivals

In der Talent Zone von "Tent London" zeigte Olivia Decaris die Lampe "Drop", die nicht nur Licht, sondern auch Intimität bietet.

Neben der Messe "100% Design" und "Designersblock" auf dem Messegelände in Earl’s Court, und der "Tent London" in der Truman Brewery im Osten der Stadt war das Zentrum des diesjährigen Festivals das Victoria & Albert Museum im Westen Londons. Im V&A waren zwei der besten Ausstellungen zu sehen: "In Praise of Shadows" zeigte Leuchten-Entwürfe europäischer Designer, die sich mit Niedrigenergie-Lichtquellen auseinandersetzen. Von Tom Dixons Kupfer-Leuchte "Blow Light", die selbst mit dem kühlen Licht von Energiesparlampen warme Atmosphäre schafft über Puff Buff’s glamourösen LED-Kronleuchter bis zu Rachel Wingfields solarbetriebenen luminiszierenden Lichtobjekt "Sonumbra" – diese Leuchten zeigen: Es gibt ein Leben nach der Glühbirne, sogar für Lichtdesigner.

Die Ausstellung "Telling Tales" (noch bis zum 18. Oktober) thematisiert Fantasie und Angst im zeitgenössischen Design. Die Räume der Ausstellung sind mal wie Märchenbühnen, mal wie düstere Albtraumsettings gestaltet und inszenieren bekannte Entwürfe niederländischer Designstars wie Tord Boontje, Marcel Wanders, Studio Job, Maarten Baas, aber auch experimentelle Objekte von Nachwuchsdesignern wie eine von einem Bienenvolk "gebaute" Honigwaben-Vase des gebürtigen Slowaken Tomas Gabzdil Libertiny. Vom Anblick verwurmter Fuchsohren, Atompilzen zum Kuscheln und Kinderpantoffeln aus Maulwurfskörpern konnte man sich wunderbar erholen im sonnigen Innenhof des Museums. Hier hatte Martino Gamper den "Wallpaper Chair Arch" aus Ercol-Stühlen gebaut.

Brauchen wir noch mehr Stühle?

Ein paar Stockwerke darüber, im Auditorium des "Sackler Center", wurde derweil über die Frage diskutiert, ob wir überhaupt noch neue Stühle brauchen. Die "Financial Times" hatte Designer, Kuratoren und Hochschuldozenten zu Diskussionsforen eingeladen. Es ging um Globalisierung und Verantwortung, Ethik und Überlebensstrategien, Urheberrechte und Energieverbrauch, vor allem aber über die Chancen, die Kreative in Zeiten der Krise überhaupt noch haben. Eine sympathisch einfache Antwort darauf hatte Jaime Hayón. Der gebürtige Spanier lebt seit drei Jahren in London und liebt es (trotz der hohen Lebenshaltungskosten) für seine Internationalität. Er rät jungen Kreativen, auf jeden Fall an einem eigenen Stil zu arbeiten. "Studenten müssen lernen, ihre Einzigartigkeit zu entwickeln. Ich habe schließlich auch Bauhaus-Design studiert und mache etwas völlig anderes".

Aus Hayóns Perspektive ist das leicht gesagt. Der aufgekratzte Spanier, der sich für ein Foto auch schon mal ins rosa Hasenkostüm wirft, hat nicht nur Projekte rund um den Globus, sondern war auch während des London Design Festivals gleich zweimal Aufsehen erregend vertreten. Auf dem Trafalgar Square installierte er mit Bisazza ein Schachspiel mit lebensgroßen, handbemalten Keramikfiguren. In der Galerie Spring Projects zeigt er noch bis zum 22. Oktober "American Chateau Room One", eine Ausstellung von exzentrischen Objekten, die er mit seiner Partnerin Nienke Klunder realisiert hat. Entwürfe wie "Rocking Hot Dog" oder die "Donut Madonna" sollen die Fusion von europäischer Handwerkskunst und der amerikanischer Alltagskultur darstellen – Versailles trifft auf Disneyworld.

Gemütlichkeit Reloaded

Mit seiner Verspieltheit sowie mit der Liebe zum perfekten Handwerk liegt Hayón ganz vorn. Galeristin Libby Sellers zeigt noch bis zum 18. Oktober von Royal Leerdam hergestellte zentimeterdicke Glasobjekte des Niederländers Dick van Hoff. Ihre temporäre Galerie, eine alte Autowerkstatt in Brompton, ist eingerichtet wie ein Wohnzimmer, mit Stillleben über dem Sofa und Vasen auf dem Kaminsims. Alles ist geradezu protestantisch karg, dabei aber robust, langlebig, hochwertig. Die Sitzmöbel sind aus massiver Eiche (selbstverständlich aus nachhaltiger Fortwirtschaft), die Lederbezüge darauf stammen von Biorindern, umweltschonend gegerbt ... "Austerity Deluxe" liegt im Trend – und heißt übersetzt in etwa "Entbehrung Deluxe". Der Wert des Objektes liegt in der Geschichte und Herkunft der Materialien und ihrer hochwertigen Verarbeitung. Van Hoffs Glasobjekte kosten 1.400 Pfund das Stück – bei einer Auflage von 50.

Auch bei den Nachwuchsdesignern stand Handgemachtes hoch im Kurs, allerdings nicht immer so hochpreisig. Nacho Carbonell, Raw Edges, Rowan Mersh, Max Lamb und Gemma Holt zeigten mit der Installation "Corn Craft", wie man mit preiswertem Material (Getreide!) Räume und Möbel nachhaltig gestalten kann. Auf der "Tent London" gab es viel Gestricktes, Selbstbedrucktes und Handbemaltes zu sehen. Highlights der "New Talent Zone" bei "Tent London" waren die mit Sandsäcken bespannten Hocker des Niederländers Erwin Zwiers ("Leave your Shape behind") und die "Cozy Furniture"-Kollektion des gebürtigen Rostockers Hannes Grebin. Der Student der Bauhaus-Universität nahm sich das deutsche Wohnzimmer vor, behielt Materialien und Muster von Sofa und Perserteppich und macht deutsche Gemütlichkeit zur Skulptur, indem er die Geometrie der Möbelstücke aufbricht.

Mehr zum Thema im Internet