Design-Auktion - Paris

Rekordpreise für Ruhlmann und Majorelles

Laurent Negro, Erbe eines Milliardenvermögens, baute in nur zehn Jahren die wohl bedeutendste Art déco und Modernismus-Sammlung auf. Selbst zum Experten für Möbel der zwanziger Jahre geworden, lässt er seinen Schatz, die "Collections du Château de Gourdon", nun bei Christie’s in Paris versteigern.

Gleich am ersten Abend der dreitägigen Auktion im Pariser Palais de Tokyo ließ Christie’s alle großen Namen auftauchen: Emile-Jacques Ruhlmann, Eileen Gray, Jean Dunand, Eckhart Muthesius, Louis Majorelle. Schließlich sei "jeder Designer mit den besten Stücken repräsentiert, die er seiner Zeit geschaffen hat", ließ das Haus selbstbewusst verlauten.

Tatsächlich rief Auktionator François de Ricqlès im überfüllten Saal am 29. März auch gleich die ersten Rekordpreise aus: Nach einem Bietergefecht ergatterte die Pariser Art déco-Galerie Vallois den "Tardieu"-Schreibtisch von Emile-Jacques Ruhlmann (1879-1933) für 2,3 Millionen Euro. Sein Namenspate, André Tardieu, einstiger französischer Ministerpräsident, erwarb ihn um 1929 – damals ein Hightech-Tisch mit allen Raffinessen: Ruhlmann stattete das geschwungene Lack-Möbel mit Leseleuchte, Brief-Ablagen, Tintenfass, schwenkbarem Papierkorb und einer in die Fußstütze integrierten Heizung aus – und demonstrierte, wie Innovationen das Leben komfortabler machen. Ebenso technisch: die Chaiselongue "On Skis", von Ruhlmann 1929 entworfen, die sich ein europäischer Sammler 2,8 Millionen Euro kosten ließ – Weltrekord für den Gestalter. Der Sinn für luxuriösen, ausschweifenden Lebensstil war damals eben noch stärker als heute.

Die Möbel, Leuchten, Teppiche und Dekorationsobjekte, von den klassizistischen Objekten Ruhlmanns bis hin zum modernistischen Design von Eileen Gray und Pierre Chareau, stammen aus der Sammlung von Laurent Negro. 1972 geboren, begann er erst vor rund zehn Jahren im großen Stil in Pariser Designgalerien wie Doria und Vallois in der Rue de Seine und auf Auktionen nach Preziosen der zwanziger Jahre zu stöbern. Fand er eine, zahlte er dafür keinesfalls Schnäppchenpreise. "Schon damals war er bereit, hohe Summen zu zahlen", so Sonja Ganne, Christie’s Art-déco-Expertin. "Doch er bewies ein gutes Gespür, denn Design der zwanziger Jahre war damals viel weniger en vogue als heute". Die nötigen Mittel für seine teure Leidenschaft erbte er 1996 von seinem gleichnamigen Vater, der Milliarden mit dem Aufbau von Zeitarbeitsfirmen gemacht hatte. Auch das mittelalterliche Schloss von Gourdon wurde ihm übertragen, das hoch oben auf einem Felsen nahe Grasse thront. Die Geschichte wird noch märchenhafter: Sein Vater wurde in dem Schloss geboren, dessen Mutter arbeitete dort als Köchin. Schon als kleiner Junge sagte er: "Eines Tages werde ich das Schloss kaufen". Das tat er 1972 und bestückte die Säle mit einer riesigen Sammlung antiker Möbel und Waffen. Laurent Negro wollte die Tradition der Familie weiterführen, begann Art déco zu sammeln – und führte Besucher des Schlosses höchstpersönlich durch das Anwesen. Doch die Last des Besitzes und die Distanz zu seiner Frau und seinem Kind, die in Italien leben, wurde bald zu groß. Selbst zum Experten für Zwanziger-Jahre-Design geworden, entschloss er sich zum Verkauf der Sammlung. Diese – wider aller Regeln des Auktionsmarktes – schon rund zehn Jahre nach ihrer Entstehung versteigern zu lassen, verunsicherte ihn ebenso wenig wie Christie’s: "Warum nicht", so Sonja Ganne. "Wenn ein Stück vor fünf Jahren eine Ikone war, ist es heute immer noch eine."

Den Palais de Tokyo an der Seine wählte er, weil der Bau von 1937 die Zeitperiode der Sammlung perfekt reflektiert. Im Laufe der Auktion wechselten dann die Exponate der Sammlung in der von Nathalie Crinière inszenierten Ausstellung, verkauftes Stück für verkauftes Stück, den Besitzer. Einer Einladung zum Träumen folgte ein amerikanischer Sammler. Er leistete sich Louis Majorelles (1859-1926) Meisterwerk "Grand lit aux Nénuphars" von 1905 aus Mahagoni mit zwei Nachttischen, verziert mit bronzenen Seerosen für 1,16 Millionen Euro. Das Bett mit den typischen Pflanzenornamenten der Art Nouveau ist das einzige in Privatbesitz: Zwei weitere Exemplare gehören dem Musée d'Orsay, Paris und dem Virginia Museum of Fine Arts in Richmond.

Weit hinaus über ihren hohen Schätzwert von 700 000 Euro schoss der Preis der Schreibanrichte "Lassalle" aus Makassar mit Elfenbein-Intarsien, die Emile-Jacques Ruhlmann 1925 für die bedeutende Internationale Ausstellung "Arts Décoratifs et Industriels Modernes" kreiert hatte. Sie wurde bei 1,8 Millionen Euro zugeschlagen. Auch ein handgewebter Teppich, um 1929 von Francis Bacon entworfen, überflügelte seinen Schätzwert und verließ für 109 000 Euro den Saal. Das teuerstes Los der Auktion blieb liegen: der schwarze Lack-Spieltisch mit Eierschalenintarsien, den Jean Dunand um 1930 für die Modeschöpferin Madeleine Vionnet entworfen hatte, und der bis zu 5 Millionen Euro einbringen sollte.

Bei Eileen Gray, deren "Dragon Chair" 2009 bei der Yves-Saint-Laurent-Auktion sagenhafte 21 Millionen eingebracht hatte, erreichte nur ihr schwarzer Lack-Paravent "Brick", um 1922 für ihr Apartment in der Rue Bonaparte gestaltet, mit 1,3 Millionen ein Spitzenergebnis. Keinen Käufer fand Grays Sessel "Transat", um 1930 (600 000-800 000 Euro), den sie für den Gründer des Magazins L’Architecture Vivante, Jean Badovici entwarf. Auch die "Aéroplane"-Deckenleuchte, konstruiert wie eine abstrakte Skulptur aus Stahl und Glas (300 000-500 000 Euro) aus ihrem Privatbesitz, gingen zurück. "Die Stücke der technikbegeisterten Gray waren wohl zu konzeptuell, sie sind schwerer zu begreifen, als ihre früheren Stücke", erklärte Christie’s-Mitarbeiterin Sonja Ganne."Sie ließ bei ihren Sesseln Mechanik und Schrauben sichtbar, statt sie zu verstecken."
Besonderheiten sind auch von dem Berliner Architekten Eckart Muthesius zu haben. Schon mit 25 traf der den Maharadscha von Indore, für den er um 1930 einen Palast einrichtete. Aus dem Interieur kamen Seltenheiten wie ein Bücherregal aus dicken Glasplatten (481 000 Euro) unter den Hammer.

Nach der Versteigerung der Highlights von Art déco und Art Nouveau, etlicher Flinten, Rüstungen und alter Gemälde, folgen am dritten Abend der Mammutauktion noch einige Hoffnungsträger: Objekte der Gruppe "Union des Artistes Modernes", kurz UAM. Unter Sammlern fand diese Design-Splittergruppe, zu der Le Corbusier, Charlotte Perriand und Louis Sognot gehörten, wenig Beachtung – Laurent Negro machte sie markttauglich. UAMs Ziele waren fast utopisch. Ihre Objekte und Möbel sollten alles sein: formschön, nützlich, perfekt proportioniert und noch dazu Symbole sozialen Fortschritts. "Es gehört zur den Tests der Auktion festzustellen, ob Modernism und UAM gleich stark nachgefragt sind", so Sonja Ganne.

Die Erwartungen des Auktionshauses jedenfalls sind hoch: 60 Millionen Euro sollen insgesamt eingenommen werden. Das Schloss Gourdon behält Laurent Negro. Er wird es für Hochzeiten und Events vermieten. Vielleicht die Gelegenheit für den ein oder anderen, einen Blick auf die verbliebene Einrichtung zu erhaschen.

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