Sarah Illenberger - Berlin

Collagen mit Schere, Nadel und Kleber

Sarah Illenberger hat sich mit ihren Illustrationen für Magazine und eigene freie Arbeiten international einen Namen gemacht. Im "Gestalten Space" des Gestalten Verlags ist eine Soloschau zu sehen

Wie weich kann sich ein Herz überhaupt anfühlen? Woraus könnte der glamouröse Spülhandschuh für die Trendsetterin beschaffen sein? Und was passiert, wenn eine Melone tränengleich Regentropfen vergießt?

Angesichts von Sarah Illenbergers ebenso kurios wie vertraut erscheinenden Objekt- und Materialkombinationen, fragt man sich, warum einem im Alltag selbst noch nie so blitzgescheite Gestaltungsideen in den Sinn gekommen sind – zum Beispiel bei Liebeskummer, Putzarbeiten, Sommerregenschauer.

Sarah Illenberger ist gerade im Magazinsektor eine gefragte künstlerische Illustratorin, die ihre Collagen meist dreidimensional realisiert. Im Berliner Showroom des Verlags Gestalten in den Sophie-Gips-Höfen liefert sie nun begleitend zu einer eben erschienenen Monografie Einblick in ihr launiges Schaffen. Das Exzeptionelle von Illenbergers Ausstellung "Weather" ist, dass sie die sonst nur in ihren Foto-Editionen gespiegelten Kunstgegenstände plastisch ins Zentrum gestellt hat: So etwa das geäderte Herz aus rosa Mohairwolle, die mit Goldfarbe besprühte Luxusversion von Haushaltshandschuhen oder den mit einem Spinnennetz besaitete Tennisschläger.

Auf einem hohen Podest sind die unverderblichen Klassiker zu einer Installation versammelt. Es ist, als würde man vor einer modernen Wunderkammer im Zeichen unserer durchgestylten Lebenswelt stehen. Und tatsächlich glaubt man seinen Augen nicht zu trauen, wie viel erzählerischen Anschauungsstoff der gemeine Alltag bietet, wenn er entsprechend poetisch aufbereitet wird. Sarah Illenberger erläutert ihre Schau: "Ich finde eine Ausstellung bietet immer eine gute Gelegenheit, Originalobjekte auszustellen. Durch die Fotografie lassen sich oft Dimensionen und Details nur erahnen."

Mit Essen spielt man doch!

In der Regel entsorgt Illenberger ihre mit Schere, Nadel, Kleber und sonstigen Bastelwerkzeugen erarbeiteten Kompositionen nach dem Shooting. Schließlich sind nicht wenige ihrer Arrangements aus leicht verderblichen Nahrungsmitteln zusammengesetzt. Ungeachtet des an Kinder ergehenden, alten Moralspruchs "Mit Essen spielt man nicht!“ legt Illenberger gerade an Gemüse und Obst gerne inszenatorisch Hand an.

Eine für das „Zeit“-Magazin entworfene Bildstrecke zeigt, wie köstlich es sein kann, in einem exakt sezierten Blumenkohl die Analogie zu unseren beiden Gehirnhälften zu entdecken oder in vermeintlich hochkarätigen Rubinen die in Form geschliffene Substanz von Roter Beete. So viel Witz muss auch mit Essen erlaubt sein! Sie betreibe mit ihren oft handentworfenen und -bearbeiteten Objekten "visuelle Kommunikation", sagt Illenberger. Und weiter: "Ein Teil meiner Werke sind Auftragsarbeiten für Magazine oder Werbung, die als Bebilderungen für Texte oder Produkte funktionieren. Der andere, und immer wichtiger werdende Teil meiner Arbeit sind selbst initiierte Bildstrecken, Objekte und Installationen die viel intuitiver entstehen. Bild und Wortspiele haben darin eine größere Bedeutung".

Die 1975 in München geborene Künstlerin, Illustratorin und Set Designerin hat an dem renommierten Central Saint Martins College of Arts & Design in London studiert. Wenn man sie danach fragt, welche bis heute für ihre Arbeit gültigen Ansätze ihr damals an dem College vermittelt worden seien, so antwortet sie: "Die Emphase lag auf dem Konzeptuellem und Ideellen, das ermöglichte auch die Freiheit, experimentell mit den Dingen zu spielen."

Nicht von ungefähr scheint Illenberger gewitzte Ready-Made-Einfälle von Marcel Broodthaers oder Marcel Duchamp leichthändig gegen den Strich zu bürsten. Und auch die Surrealisten wirken mit ihrer bildnerischen Verknüpfung von Entlegenem in Illenbergers Gestaltungsprozessen nach. Sie selbst betont: "Ich bin natürlich sehr inspiriert von der Verwendung von Alltagsgegenständen im Surrealismus. Die collagenartige Zusammenstellung von unterschiedlichen Objekten, um diesen einen neuen Sinn zu verleihen, ist eine Methode, die sehr oft in meiner Arbeit vorkommt."

"Sarah Illenberger: Good Weather"

Termin: bis 11. September, "Gestalten Space", Sophienstraße 21; die Monografie ist im Verlag Gestalten erschienen und kostet 19,90 Euro
http://www.gestalten.com/space