Ettore Sottsass - Nachruf

Danke, Ettore!

Seine knallrote Kofferschreibmaschine "Valentine" machte Sottsass Ende der sechziger Jahre weltberühmt und war der Anfang eines neuen Designverständnisses. Das Multitalent prägte kommende Generationen ebenso als Fotograf, Architekt und Schriftsteller. Am Silvestermorgen starb einer der innovativsten und erfolgreichsten Designer seiner Zeit. Wir baten einige seiner Freunde und europäische Stardesigner um ein paar letzte Worte.

Für Konstantin Grcic, einer der einflussreichsten, zeitgenössischen Industriedesigner Deutschlands, war der italienische Altmeister schon immer eine kreative Quelle der Inspiration: "Ettore Sottsass war der radikalste Designer unserer Zeit – dafür habe ich ihn bewundert. Seine Arbeit war immer sehr biografisch, das heißt von subjektiven Erfahrungen und seiner persönlichen Haltung geprägt. Es ging Sottsass nicht vorrangig um das Industrieprodukt, um den kommerziellen Aspekt von Design. Vielmehr sah er seine Aufgabe als Gestalter darin, einem breiteren Publikum neue Ideen zu kommunizieren."

Folgendes Zitat von Sottsass beschreibt für Konstantin Grcic das Geheimnis einer guten Gestaltung: "Gutes Design ist wie die Möglichkeit zum Mond zu fliegen. Nur wenige werden es jemals direkt tun können, aber das Bewusstsein dieser Möglichkeit hat das Leben von Millionen von Menschen verändert."

Der britische Designer George J. Sowden reiste Ende der sechziger Jahre nach Mailand, wo er viele Jahre zusammen mit Sottsass für Olivetti arbeitete. Die beiden Designer gehörten 1981 zu den Gründungsmitgliedern der Memphis-Gruppe. Sowden betont die Vielfältigkeit seines Schaffen: "Ettore Sottsass – Designer, Architekt, Künstler, Fotograf, Schriftsteller wundervoller, endloser Prosa – war vor allem Poet. Seine Arbeit wird ein unermüdlicher Markstein für alle kommenden Generationen sein. Es gibt viel zu wenige von diesen ganz besonderen Menschen."

Auch das italienische Memphis-Mitglied Aldo Cibic blickt dankbar auf die vielen gemeinsamen Jahre zurück. "Ettore war der letzte Vertreter einer Vorstellung von Design, die sehr poetisch, sehr menschlich, jedoch niemals zynisch war und sich keinerlei Gedanken um Geld macht; eine freie Seele, die niemals aufhörte wunderschöne Zeichnungen und Schriftstücke zu kreieren. Ich hatte viel Glück, dass ich viele Jahre meines Lebens in der Nähe eines so besonderen Menschen verbringen konnte."

Für die französischen Stardesigner Ronan und Erwan Bouroullec ist Sottsass vor allem "eine Referenz für die Beherrschung der Vielfalt: eine Vase in dezenten Farben, eine Schreibmaschine, ein Haus, ein Flughafen."

Nils Holger Moormann produziert und vertreibt seit den achziger Jahren Möbel junger Designer. Moormann hat seinen Sitz im Chiemgau und zählt heute zu den erfolgreichsten Möbelunternehmern Deutschlands. Er sagt: "Ettore Sottsass – schon der Name ließ mich Anfang der achtziger Jahre, als ich als vollkommen unerfahrener Neuling in den Beruf gespült wurde, aufhorchen. Was für eine Revolution war dann sein Werk! Ich hatte mich gerade dem Geist der Ulmer verschrieben und war maximal bis zu den Auswüchsen der damaligen High-Tech-Bewegung vorgedrungen. Auf einmal war alles bunt und anders. Natürlich traf das meine revolutionäre Seele im Kern! Anlässlich einer Podiumsdiskussion konnte ich ihn einmal persönlich erleben. Anfangs war ich geschockt, da es schien, als ob dieser große alte Mann die Diskussion förmlich verschlafen würde – doch wie wunderbar und unvergesslich waren dann seine unmissverständlich klaren und bestimmten Anmerkungen. Er war an den richtigen Stellen pointiert und gab der lau dahin fließenden Plauderei auf einmal Kraft und Richtung. Endgültig zu einem staunenden Bewunderer wurde ich erst kürzlich, als ich anlässlich eines Zeitungsberichtes mehr von seiner privaten Einstellung zum Leben und Schaffen gelesen habe. Auch wenn für mich seine zuletzt sehr pessimistische Einstellung zwar nachvollziehbar ist, war er doch in seinen wilden Jahren davon überzeugt, 'dass Designer die Aufgabe haben, Dinge zu gestalten, die das Glück anziehen'. Danke Ettore, dein Leben gibt Anlass über die Welt und unser Tun nachzudenken."