Arno Brandlhuber - Berlin

Der repressive Charakter von Orchideen

In Berlin neigen sich die inoffiziellen Brandlhuber-Festwochen dem Ende entgegen: Der Architekt ist der Mann des Herbstes – in gleich drei Ausstellungen wird sein Werk vorgestellt
Architekt der Stunde:drei Institutionen zeigen Arbeiten von Brandlhuber

Arirang, Pjöngjang, 2007, Entstanden im Rahmen einer Reise von Arno Brandlhuber und seinen Studenten des Masterstudienganges "Architektur und Stadtforschung" der Akademie der Bildenden Künste, Nürnberg

Als Angela Merkel im Juni 2011 auf Staatsbesuch in Singapur weilte, wurde ihr eine besondere Ehre zuteil. Bei einer Zeremonie im Botanischen Garten wurde eine speziell gezüchtete Orchidee nach der deutschen Bundeskanzlerin benannt: Dendrodium Angela Merkel hat violett-mintfarbene Blätter und kann selbst unter schwierigen Bedingungen meterhoch wachsen.

Die Kanzlerin, das zeigen Pressefotos, war begeistert. In Singapur gehört die Benennung von Orchideen zu den beliebten Ehrungen für Politiker auf Staatsbesuch: 1965 war es der nordkoreanische Präsident Kim Il-Sung, der eine eigens für ihn gezüchtete Orchidee vom damaligen indonesischen Staatspräsidenten Achmed Sukarno als Zeichen der Wertschätzung überreicht bekam. Die Kimilsungia ist mittlerweile aus der politischen Ikonografie des nordkoreanischen Steinzeitkommunismus nicht mehr wegzudenken, sie wurde zur nordkoreanischen Nationalblume gemacht und ist heute in den Straßen von Pjöngjang in mannigfaltigen Reproduktionen omnipräsent.

Weil die scheidende HKW-Kuratorin Valerie Smith den Architekten Arno Brandlhuber zu einem Beitrag für die von ihr organisierte Gruppenschau "Between Walls and Windows. Architektur und Ideologie" eingeladen hat, kann man nun in Berlin quasi zwischen Bundeskanzleramt und Bundespräsidialamt noch einmal ganz anders über Sonderformen politischer Repräsentation im Allgemeinen und den eventuell repressiven Charakter von Orchideen in Speziellen nachdenken. Der von Brandlhuber im Foyer des HKW angelegte "Garten der Ideologien", der dort auch bis auf weiteres bleiben soll, bringt zehn Polit-Orchideen zusammen: darunter die Dendrodium Angela Merkel, die Maxillaria Gorbatschowii, die Brassolaeliocattleya Margaret Thatcher und natürlich auch die Kimilsungia – mit durchschlagendem Erfolg: Wie man hört, findet die Installation besonders bei Busreisegruppen großen Anklang, die sich ansonsten eher für Kaffee und Kuchen mit Spreeblick in der HKW-Gastronomie interessieren.

Das Orchideen-Beet im Tiergarten bereiten den Betrachter kaum auf die teilweise schwerwiegenden Eingriffe vor, die der Architekt Brandlhuber in diesem Kunstherbst an zwei weiteren Berliner Kunstorten auf Einladung vornahm. In der Galerie KOW wurde kurzerhand das Souterrain des (nach seinen Entwürfen errichteten) Wohn-, Galerie- und Bürohauses an der Brunnenstraße geflutet. Im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) auf der nahegelegenen Chausseestraße nutzte der Architekt die Spuren und Überbleibsel vorangegangener Kunstaktionen und Ausstellungen, um in der von Marius Babias kuratierten Einzelausstellung mehrere automatische Betonskulpturen zu produzieren. Durch die fünf Löcher in der Oberdecke der NBK-Ausstellungsräume, die seit einer Installation der Künstlerin Karin Sander im Frühjahr 2011 existieren, wurde flüssiger Beton geschüttet, der am Boden dann zu überdimensionalen, unterschiedlich hohen Kleckerburgen verhärtete. Das passte nur zu gut zum schwarzen Anstrich der Wände, der einfach von der vorhergehenden Ausstellung übernommen wurde, ebenso wie eine Sounddusche in welcher die wiederum aus dem Netz appropriierte Stimme von Philippe Starck für ein Luxus-Immobilienprojekt in Mitte warb oder eine (tagsüber ausgeknipste) Lichtskulptur von Olafur Eliasson. Mit der Auf-und Übernahme von vorgefundenen Situationen erinnert die Machart beider Ausstellungen an das architektonische Programm Brandlhubers, das sich eben auch im Haus auf der Brunnenstraße manifestiert. Das Gebäude wurde einfach auf einem bereits bestehenden Fundament einer Invest-Ruine aus den Neunzigern möglichst kostensparend errichtet.

Gerade mit diesem Haus zeigte der Architekt im Sinne einer anderen Vorstellungsorientierung, dass es auch anders geht. Das macht ihn derzeit zu einer wichtigen Stimme im Diskurs um eine Neuausrichtung der Berliner Bau- und Liegenschaftspolitik. Politisch und bautechnisch beschleicht viele Berliner derzeit das Gefühl, dass sich die Hauptstadt durch kurzsichtige, meistbietendende Veräußerung nahezu aller Innenstadtareale in den letzten Jahren die eigene Zukunft verbaut hat. Deshalb war der Hörsaal in der Humboldt-Universität auch bis zum letzten Platz gefüllt als sich der Architekturkritiker Niklas Maak und der Architekt gestern zu einer Podiumsdiskussion über "Stadt-Räume" trafen. Diskutiert wurde etwa über die "Agoraphobie" der Berliner Verwaltung, die einen einmaligen Platz wie das Tempelhofer Feld nicht unbebaut lassen möchte. Einig war man sich auch darin, anstelle von ästhetischen Diskussionen die politisch-ökonomische Dimension von gegenwärtiger Architektur und Stadtplanung zu untersuchen. So besehen sei Berlins gegenwärtiges Großprojekt, so Brandlhuber, nicht Schloss oder Schönefeld, sondern die 30 000 bezahlbaren Wohnungen, die in der Stadt in den nächsten fünf Jahren dringend gebaut werden müssten.

Der Trailer zur Ausstellung "Im Archipel" bei KOW

Arno Brandlhuber

Arno Brandlhuber im NBK
bis 4.11.
Finissage am 4.11. mit Konzert von Ornament und Verbrechen (Ronald und Robert Lippok) um 20 Uhr

In der Galerie KOW
Arno Brandlhuber – Im Archipel
bis 21. Oktober

Übersicht zum Projekt
"This is me, This is my Country" im Haus der Kulturen der Welt

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