Architektur Manifest - Berlin

Auf in eine schöne neue Welt

Deutschlands Architekten, Stadtplaner und Ingenieure verfassten ein Manifest unter dem Motto "Vernunft für die Welt" und verpflichteten sich damit für einen veranwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen der Erde.

Mit dem Ende der großen ideologischen Kulturkämpfe und dem Verschwinden der Ismen in den letzten Jahrzehnten hat auch das Manifest seine schmetternde Kraft verloren. Sich hinzustellen und der Welt mit dem Brustton des Rechthabers zu sagen, was Sache ist, wirkt heute eher lächerlich. Auch die berühmten Manifeste vom "kommunistischen" über das "futuristische" bis zum "situationistischen" geben mit dem nüchternen Auge der Gegewart gelesen eher Anlaß zum Schmunzeln über ihr so erregtes wie beschränktes Sendungsbewusstsein.

Zwar mag die Rettung des Planeten vor dem Menschen heute für viele eine ähnlich vordringliche Aufgabe sein wie einst dem Marxist sein Klassenkampf und dem Künstler seine Botschaft. Aber wie der Aufbau einer gerechteren Weltordnung so ist auch die Frage der Nachhaltigkeit keine, auf die es ein eindeutiges Richtig und Falsch gibt – und damit taugt auch das ökologische Bewusstsein eigentlich nicht für Manifeste.

Nachhaltigkeits-Paradigma ist von Bedeutungserosion gezeichnet

Doch nun haben Deutschlands Architekten-, Planer- und Ingenieursverbände eben ein solches verfasst. Um allen Kollegen, Bauherren und Behördenarbeitern und darüber hinaus natürlich der gesamten Nation einerseits die Leviten zu lesen und andererseits zu einer Art nachhaltiger Selbstverpflichtung aufzurufen, wird gefordert, das "Paradigma der Nachhaltigkeit zum Leitmotiv der Planung und der Ausführung" von Stadtplanung und Bauwesen zu machen.
Nun schwingt in dem Wort "Paradigma" einiges an unguten Assoziationen mit: In seinen Bedeutungen als "Denkmuster", "Lehrmeinung" und "Weltbild" trägt das Paradigma nicht nur den ganzen ideologischen Balast von Bevormundung und doktrinärem Denken mit sich herum, den man vor allem in den Anfängen der Ökologie-Bewegung als so unangenehm empfand. Heute, wo "Öko", "Bio" und andere Etikette längst mehr Phrase als Kriterium sind, wo weder Brot noch Autos ohne dubiose Nachhaltigkeits-Zertifikate verkauft werden, ist das Nachhaltigkeits-Paradigma aber vor allem von Bedeutungserosion gezeichnet. Und daran sind die Architekten, Planer und Investoren keineswegs so unschuldig, wie ihr Weltrettungsaufruf jetzt vermuten lässt.

Zwar muss man fairerweise sagen, dass viele kreative Bauschaffende sich um ressourcenschonende, energiesparende und gesunde Konzepte, also um ökologisch orientierte Architektur bereits gekümmert haben, als die Volksmeinung und ihre Volksparteien darunter noch Lehm- und Strohhütten verstanden. Aber andererseits haben die inflationären Erfolgsmeldungen dieser Branche in den vergangenen zwanzig Jahren dazu geführt, dass man ihren Ernst bald nicht mehr ganz ernst nehmen konnte. Viele der laut gepriesenen Öko-Innovationen, -Regeln und –Verbote hielten nie, was sie versprachen.

Warum leben wir nicht schon in der schönen neuen Öko-Welt?

Aufwändige Fassadentechniken zur natürlichen Klimatisierung waren so wartungsintensiv, dass sich ihre Kosten nie amortisieren werden. In zahllosen "energieschonenden" Glasbauten herrscht Dauererkrankung, weil die Menschen entweder frieren, von der Sonne gebraten werden oder dauernd Zugluft herrscht. Baustoffe, die gerade noch verdammt wurde, weil sie so energieaufwändig produziert werden, sind kurz darauf wieder super, weil sie sich toll recyclen lassen. Und meterdicke Dämmwände haben schon manchem Mieter das Gefühl gegeben, im lichtarmen Isolations-Bunker zu leben, weswegen der Stromverbrauch für Beleuchtung drastisch nach oben ging. Von derartigen Absurditäten ist die Geschichte der nachhaltigen Architektur so reich, weil die Anzahl der sich gegenseitig beeinflußenden Faktoren so groß ist. Ähnlich wie bei den kalten Energiesparlampen, die zu mehr Energieverbrauch führen, weil die Menschen mehr heizen, verkehren sich viele gut gemeinte, aber schlichte Ideen der nachhaltigen Architektur prompt in ihr Gegenteil.

Das Manifest mit dem Titel "Vernunft für die Welt" tut nun aber genau wieder so, als gäbe es eine richtige Formel für gutes ökologisches Bauen, die man nur befolgen müsse, und alles ist gut. Als mangele es nur an "Entschlossenheit, Entschiedenheit, Mut und Neugierde" im Kampf gegen den Klimawandel und die Umweltzerstörung, zählt der Text zahllose einfache Forderungen für richtiges Handeln auf. Wie die eierlegende Wollmilchsau soll das Gebäude der Zukunft gleichermaßen funktional, ästhetisch, ökologisch, sozial, kosten- und ressourcenschonend, regional und innovativ sein und dabei noch "dem demografischen Wandel gerecht werden". Wenn das so einfach und vernünftig ist, fragt man sich nur, warum wir alle nicht längst in der schönen neuen Öko-Welt leben.