Urban Living - Berlin

Schöner, billiger, umweltverträglicher und menschlicher

Mit dem Ideenwettbewerb "Urban Living" will der Berliner Senat das tun, was der freie Wohnungsmarkt bisher nicht geschafft hat – die Stadt soll gleichzeitig an Lebensqualität gewinnen und dabei erschwinglich bleiben. Im Zentrum des Projekts steht eine Website, die Bürger zur Diskussion aufruft. Jedoch macht kaum jemand mit. Woran liegt das? art-Autor Till Briegleb glaubt, den Fehler gefunden zu haben und fordert den Einsatz von Dr. Klarheit.
Städtebauliche Hoffnung:Ideenwettbewerb "Urban Living"

Entwurf der Duplex Architekten AG für die Ecke Am Mühlenberg/Meraner Straße in Berlin-Schöneberg

Es muss irgendeine ansteckende Krankheit geben, die man nur im Architekturstudium bekommt. Auffallende Symptomen sind der unmäßige Gebrauch von Fachbegriffen und Anglizismen, extrem hölzernes Deutsch sowie schwer entzifferbare Grafiken mit winziger Schrift.

Im späteren Stadium führt diese Infektion zu Übersprungsreaktionen in die Oberflächlichkeit. Dann werden hohle Marketingfloskeln von poppigen Animationen flankiert, die übervölkert von sexy Frauen auf Fahrrädern und Business-Menschen mit Handy am Ohr, eine ideale Welt ewigen Sonnenscheins vorgaukeln. Diese scheinbar gegensätzlichen Krankheitsbilder gehören aber zum selben Defekt: Architekten können sich und ihr Anliegen einfach nicht sinnvoll verständlich machen. Und diese Berufs-Aphasie zeigt sich gerade wieder in einem Projekt, das wirklich nur gut gemeint ist, aber dann auch gleich wieder "Urban Living" heißen muss.

Der überzeugend selbstkritische Ansatz dieser Berliner Senatsentwicklung ist die Beobachtung, dass der freie Markt für Wohnungsneubau zu zwei massiven Fehlentwicklungen geführt hat: Der größte Teil der rund 12 000 jährlich neu genehmigten Wohnungsbauten, die Berlin inzwischen immerhin aufweist, bezieht sich allein auf hochpreisige Miet- oder Eigentumswohnungen. Diejenigen Unternehmen, die noch für ärmere Bevölkerungsschichten bauen, stigmatisieren dagegen ihre Mieter als Hilfsbedürftige durch deprimierende großformatige Blockarchitektur.

Deswegen hat Regula Lüscher, die Berliner Senatsbaudirektorin, einen Wettbewerb mit Volksbeteiligung ins Leben gerufen, der exemplarisch bessere Lösung für alle Menschen der Stadt erbringen soll: "Urban Living – Neue Formen des städtischen Wohnens." Die Grundidee ist bestrickend in ihrer Klarheit. Man wähle acht beispielhafte städtebauliche Situationen in Berlin, vom zersiedelten Rand über die gründerzeitliche Blockbebauung, vom leerstehenden Parkhaus bis zum sozialistischen Plattenbauprospekt, und veranstalte einen Ideenwettbewerb für visionär-praktische Entwürfe. Dies scheinbare Paradox ist Ausdruck der Erwartung, dass die Vorschläge die Kraft besitzen mögen, über den speziellen Fall hinaus grundsätzliche Lösungen zu finden, die eine vielfältigere und gerechtere Stadt entstehen lassen. Schließlich soll der Ideenbasar von interessierten Bürgern im Internet besucht und diskutiert werden.

Spätestens hier wird es mühselig. Die seit Anfang März zugängliche Internetseite "urbanliving.berlin.de" ist in ihrem Aufbau diffus und kompliziert zu verstehen, die 31 Beiträge, die aus den 200 Teilnehmern des Wettbewerbs ausgewählt wurden, sind allesamt so aufgebaut, dass fachliche Vorkenntnisse und ausdauernde Konzentration unabdingbar sind. Und dann will natürlich auch jeder Architekt seine eigene konzeptionelle Handschrift zeigen. Das Resultat: Diskussion findet nicht statt, die Kommentarfunktion bleibt auch Tage nach der Freischaltung nahezu ungenutzt.

Gelungene Partizipation sieht sicherlich anders aus. Aber vielleicht geht es ja auch ohne, zumindest bis zu dem Punkt, wo es um echte Realisierung geht. Dann werden die schönen Pläne nämlich die extrem widerspenstigen "Nicht-in-meinem-Vorgarten"-Bürger gegen sich haben, die auch den besten Ansatz nicht verstehen wollen. Dabei sind viele der Vorschläge durchaus durchdacht und inspiriert. Das zeigt sich nicht zuletzt in der überraschenden Tatsache, dass auf angesagte Architektur eher verzichtet wird. Rein optisch sehen die meisten Beiträge aus, als hätte man sie aus der Mottenkiste der Moderne geholt. Aber das spricht diesmal für die Konzentration auf inhaltliche Aspekte. Statt zu flotter Ästhetik führt "Urban Living" zu den richtigen Fragestellungen.

Wie gestalte ich eine verträgliche Nachverdichtung zwischen lockeren Zeilenbauten, die auch den bisherigen Bewohnern attraktiv erscheint? Wie fasse ich die zugigen sozialistischen Boulevards so neu, dass die Größenverhältnisse wieder stimmen und ein interessanter Stadtraum entsteht? Wie finde ich modulare Bauweisen, die trotzdem an jedem Ort einen eigenen Charakter entwickeln? Oder welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit eine Mischform von alten und jungen Menschen in einer Siedlung nicht nur die Wunschvorstellung von Sozialromantikern bleibt?

Die Antworten reichen von neuen kleinteiligen Nachbarschaftskonzepten bis zur Formulierung eines märkischen Manhattans an der Karl-Marx-Allee, von etwas nebulösen Tauschzonen, in denen Investoren, Bevölkerung, Behörden, Kirche und sonstige Organisationen gemeinsam ihren Kiez verbessern, zu sehr konkreten Plädoyers für flexibel konzipierte Reihenhäuser oder Hobbybungalows auf den Flachdächern von Nachkriegsbauten. Es wird gestapelt, vernetzt, zusammengesteckt, ausgehöhlt, gemischt, recycelt und von "gastlicher Architektur" geträumt. Und am Ende soll die Stadt schöner, billiger, umweltverträglicher und menschlicher werden, als der freie Markt es kann.

Das hört sich im Anspruch sicherlich an wie das nächste Generalversprechen einer Universal-Moderne. Aber dafür ist das Ergebnis dieses Wettbewerbs für visionäre Pragmatik eben viel zu pluralistisch und frei gedacht. Gerade in der Umsetzung mit den Berliner Wohnungsbaugesellschaften und bei der Durchsetzung neuer Ideen gegen eingefahrene Baugesetze – wie sie im Anschluss an die missglückte Volksbefragung geplant sind – scheint Konflikt programmiert. Doch genau dieser Zündstoff wäre die Chance eines solchen Ideenprozesses. Denn von den einfachen Lösungen, die den Wohnungsmarkt polarisieren in Habitate für Hartz IV oder Steuersatz 42 %, hat Berlin ja offensichtlich genug.

Deswegen steckt durchaus Hoffnung in diesem Projekt, falls auch die später finanziell daran Beteiligten bereit sind, die Vorschläge ernst zu nehmen. Nur mit Auferstehungssäulen des Dekonstruktivismus, wie Frank O. Gehry jetzt – 30 Jahre nach dem das chic war – eine am Alexanderplatz bauen darf, sowie einer anständigen Schlosskulisse kann eine Dreimillionen-Metropole sich jedenfalls nicht als modern behaupten. Dazu braucht es Arbeit im weiten Feld des städtischen Alltags. Und etwas Sprach-Ambulanz bei Dr. Klarheit, damit die Konzepte auch jenen Menschen verständlich werden, die es letztendlich betrifft.

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