Le Corbusier - Gropius-Bau Berlin

Genie mit blinden Flecken

Eine detailreiche, informative Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin stellt Le Corbusier als Baumeister und Künstler vor.

"Das Haus", so der Architekt Le Corbusier, "ist eine Maschine zum Wohnen". Doch ist in Zeiten, wo das Haus zur Wohnmaschine wird, auch jeder Ingenieur gleich ein Künstler? Für Corbusier jedenfalls – so lautet die zentrale These einer soeben im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffneten Retrospektive – trifft das zu. In drei großen thematischen
Blöcken wird der 1887 in der französischen Schweiz als Charles-Édouard Jeanneret geborene und 1965 in Südfranklreich gestorbene Wegbereiter und Hauptvertreter der architektonischen Moderne durch eine Vielzahl von Exponaten vorgestellt.

Die drei Kuratoren der Schau, Mateo Kries, Stanislaus von Moss und Arthur Rüegg, haben sich alle Mühe gegeben, die Komplexität dieser mythenumwobenen Jahrhundertfigur, die schon als Teenager seine ersten Häuser in seinem schweizerischen Heimatstädtchen baute, in einem detailreichen Rundgang nachzuspüren. So finden sich etwa im ersten, der Biografie gewidmeten Teil der Ausstellung Gegenstände aus dem persönlichen Besitz des Architekten, der sich etwa von mitgebrachten Keramiken von einem frühen Istanbul-Trip oder auch Strandfundstücken wie Muscheln und anderen organischen Formen später in seiner Karriere immer wieder inspirieren ließ.

Notizen und Skizzen zeigen den Zeichner, der es verstand, mit wenigen Strichen zum Wesentlichen der Dinge vorzustoßen, die teilweise großformatigen Gemälde hingegen einen etwas angestrengt-akademischen Gefährten der klassischen Avantgardisten. Eine Vielzahl von Büchern und Magazinen, darunter die von Corbusier 1919 mitbegründete Zeitschrift "L'Esprit Noveau", bezeugen das große Sendungsbewusstsein des Mannes, der seine architekturtheoretischen und städtebaulichen Theorien seinen Zeitgenossen in Form von Manifesten, manchmal auch Dekreten entgegenschleuderte: "Die derzeitigen Städte können den Anforderungen des modernen Lebens nicht gerecht werden, wenn man sie nicht den neuen Bedingungen anpasst. Die großen Städte beherrschen das Leben der Länder. Wenn die Großstadt erstickt, verfällt das Land."

Dass Corbusier in der glücklichen Lage war, seine universalistischen Theorien in verschiedenen Feldern zumindest teilweise auch durch Praxis zu beglaubigen, zeigen etwa die ausgestellten, gemeinsam mit Charlotte Perriand entworfenen Möbel bis hin zu ganzen Interiors, wie der "Kücheneinheit Typ 1" für die berühmte Wohneinheit in
Marseille 1947/1950, einer der Paradearchitekturen, die Corbusiers bis heute anhaltenden Weltruhm begründen. Eine Version dieser Wohnmaschine wurde auch zur Berliner Bausaustellung 1957 in Berlin Charlottenburg errichtet, von einigen Konflikten begleitet. So forderte Corbusier eine Deckenhöhe von 2,26 Metern – die Berliner Baubehörden hielten den Mindeststandard von 2,50 Metern dagegen und setzten sich schließlich durch. Anekdoten wie diese zeigen auch die blinden Flecken des genialischen Baumeisters: Selbst in der Moderne wehren sich Menschen gegen die Degradierung zu Anhängseln von Maschinen, so großartig die auch sein mögen.

"Le Corbusier"

Termin: bis 5. Oktober im Martin-Gropius-Bau Berlin. Der Katalog "Le Corbusier - The Art of Architecture" ist im Verlag des Vitra Design Museums erschienen, 79,90 Euro
https://www.gropiusbau.de

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