Meisterhäuser - Dessau

Spagat gelungen!

Das Meisterhaus-Ensemble in Dessau ist wieder vollständig – ein Triumph für den ausgebooteten Ex-Direktor

Für das Bauhaus Dessau verspricht 2014 ein aufregendes Jahr zu werden: Im August tritt mit Claudia Perren eine neue Direktorin ihren Dienst an.

Sie folgt auf Philipp Oswalt, dessen Vertrag nicht verlängert wurde. Doch zunächst einmal wird am 16. Mai das weltbekannte Ensemble der Meisterhäuser in neuer Vollständigkeit übergeben. Vor fast 70 Jahren zerstörte eine Fliegerbombe Walter Gropius’ Direktorenvilla und die angrenzende Doppelhaushälfte von László Moholy-Nagy. Nach jahrelangen, zähen Debatten um eine angemessene Wiederherstellung gelang 2010 der Durchbruch: Das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez überzeugte mit seiner Idee sowohl Dessaus Stadtväter als auch die Experten. Bauhaus-Sprecher Ingolf Kern lobt die Rolle seines Ex-Chefs dabei: "Oswalt hat in dem festgefahrenen Streit den gordischen Knoten durchschlagen." Und Architektin Donatella Fio­retti erkärt: "Es war klug von ihm, eine künftige Funktion oder ein Raumprogramm für die Häuser in der Ausschreibung erst einmal außen vor zu lassen. So konnte man sich auf das große Ganze konzentrieren."

Eine bloße Eins-zu-eins-Rekonstruktion hätte weder zur Philosophie des Bauhauses gepasst, das sich immer wieder neu erfand, meint Fioretti, noch hätte man die Räume für heutige Zwecke nutzen können. Künftig werden nun in der Gropius-Villa Ausstellungen zum Bauhaus stattfinden, in das Nachbarhaus zieht die Kurt-Weill-Gesellschaft ein. Schon seit einigen Monaten fertig ist der detailgetreue Nachbau der kleinen Trinkhalle, die Ludwig Mies van der Rohe an der Ecke des Direktorengrundstücks 1932 in die Mauer einfügte. Auch bei den beiden neuen Meisterhäusern hielten sich die Architekten an die historischen Vorbilder – von außen betrachtet jedenfalls. Drinnen jedoch eliminierten sie Teile von Wänden und Decken, so dass das originale Wohnkonzept nur noch zu erahnen ist. Zudem verkleideten sie den Beton der Baukörper innen mit hölzernen Trockenbaugerüsten, "Artefakte" genannt. Besonders das Moholy-Nagy-Haus mit seinen kühnen Durchbrüchen bietet nun eine fast labyrinthische Raumerfahrung – erinnernd an Bauskulpturen à la Gordon Matta-Clark. Doch damit nicht genug Kunstwerk-Flair: Oswalt beauftragte 2012 Olaf Nicolai mit kreativen Eingriffen für beide Häuser. Das Resultat ist zunächst fast unsichtbar, denn der Künstler spielt nur mit Licht und den weißen Oberflächen der "Artefakte". In einem geometrischen Raster beschichtet er die Wände mit unterschiedlich gekörntem Marmorstaub und erzielt so ein diskretes Relief, das auf wechselnde Lichtverhältnisse reagiert. "Licht ist das Medium, das Bildern zur Existenz verhilft", erklärt Nicolai und bezieht sich damit ausdrücklich auf die Fotoexperimente des Bauhaus-Künstlers Moholy-Nagy. Betont wird das poetische Lichtspiel auch vom milchigen Glas der Fensteröffnungen. Mit den derart verschleierten Durchblicken verweisen die Architekten auf die Rolle der Erinnerung, die ihre Bauaufgabe an diesen beiden Ikonen der Moderne so delikat machte.

Diesen Spagat zwischen Erbe und Gegenwart muss auch die neue Direktorin Claudia Perren meistern, die im Moment noch als Architektin und Kuratorin an der Universität von Sydney lehrt. Die 41-jährige will, dass "das Bauhaus Dessau als aktueller, lebendiger Ort wahrgenommen wird, und nicht als historische, museale Stätte". Auch sie ist besonders von Moholy-Nagys innovativen Ideen von Licht und Bewegung fasziniert: "Seinen Licht-Raum-Modulator halte ich für hochaktuell, und mich interessiert, was er für die Kunst, Design und Architektur heute und in Zukunft bedeuten könnte." Derlei Forschungsprojekte sollen ihre Ära am Bauhaus bestimmen. Brisanter sind allerdings die Planungen für ein neues Bauhaus-Museum, das sich Dessau zum 100-jährigen Bestehen 2019 leisten will. Über dessen Standortfrage stolperte ihr Vorgänger. Perren bevorzugt ein Gesamtkonzept, das "alle mit dem Bauhaus verbundenen Gebäude berücksichtigt". Keine leichte Aufgabe, denn das Land Sachsen-Anhalt und die Stadt Dessau wünschen einen Standort im Stadtpark, weit entfernt von Bauhaus und Meisterhäusern.

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