Der Architekt - München

Zukunft Dienstleister?

Ein Architekt entwirft Gebäude – könnte man meinen. Tatsächlich scheint diese Tätigkeit bei näherer Betrachtung äußerst schwierig zu fassen: Baumeister, Künstler, Organisator? Das Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne wagt den Versuch, ein diffuses Berufsbild zu definieren und offenbart ungeahnte Tiefen.

Das vergrößerte Auge erinnert im ersten Moment an jenes, das im Symbol der Illuminati auftaucht. Und ein ähnlicher Mythos umgibt die Arbeit mit dem Titel "Das Auge des Architekten" von Claude-Nicolas Ledoux auch.

Die Radierung stammt aus dem 19. Jahrhundert – einer Zeit, in der sich der Berufsstand des Werkmeisters allmählich zu dem des Geisteswissenschaftlers wandelte – so ist es den Wänden der Ausstellung "Der Architekt – Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes" zu entnehmen. Tatsächlich steht der Blick in das Innere einer von antikem Bauwerk eingenommenen Pupille für die verklärte Vorstellung vom visionären Baukünstler, bei der ihm mitunter sogar übernatürliche Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Dieses Image ist nur eines von vielen, das der Kurator der Schau im Architekturmuseum der TU München, Winfried Nerdinger, gesammelt hat und das er in seiner Abschiedsausstellung präsentiert.

Als Skrupellose, Mitläufer oder der Baubeamte werden die Repräsentanten eines Berufsstandes bezeichnet, der, wie die Wände gleich zu Anfang verraten, zu den Ältesten der Menschheit gehört. Nerdinger, selbst Diplom-Ingenieur und Professor für Architekturgeschichte, scheut sich nicht, seine eigene Zunft mit klischeehaften Betrachtungsweisen und unliebsamen Repräsentanten zu konfrontieren. So widmet sich der erste große Ausstellungsraum ausschließlich dem historischen Bild vom Gebäudeplaner. Vom alten Ägypten über das Mittelalter bis hin zur Gegenwart reicht das Spektrum der Charakterisierungsversuche. Lückenlos akkumuliert sich der ungeahnt umfangreiche Bestand an Architekturgeschichte ohne je zu langweilen. Gleich am Eingang empfängt die "Würfelstatue des Bekenchons", auf der sich ihr Schöpfer, ein Architekt, in Hieroglyphen verewigt hatte. Ein paar Schritte weiter in den lichten, puristisch gestalteten Räumlichkeiten lässt sich der Entwurf für ein Deckenfresko von Franz Martin Kuen, einem Rokoko-Maler, begutachten. Eine großflächige Sehnsuchtskulisse von Thomas Cole, Künstler und Gelegenheitsarchitekt, eröffnet romantische Perspektiven zur Baukunst.

Aber nicht nur außergewöhnliche Entwürfe und kreative Grenzüberschreitungen treffen in der Ausstellung aufeinander. Porträtbilder von berühmten Einzelpersonen wie Le Corbusier oder Hitlers zweitem Mann für nationalsozialistische Stadtutopien, Hermann Giesler, bilden einen mindestens ebenso wichtigen Teil der Schau. Zwischendrin sorgen Grafiken zur Begriffsabgrenzung, Unternehmensprofile wichtiger Architekturbüros und Video-Interviews mit Architekturgrößen aus aller Welt für zusätzliche Wissensbildung.

Nicht nur im Gedränge des Eröffnungsabends von Nerdingers finalem Streich droht das komplexe Angebot gelegentlich zu überfordern. Vielleicht spricht der Initiator des Museums in seiner "Abtrittsrede" deshalb so ausführlich über Aufbau und Bedeutung der verschiedenen Ausstellungsbereiche. Vielleicht fällt es ihm aber auch einfach nicht leicht, nun endgültig Abschied zu nehmen von seinem Projekt: dem Münchner Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne. Vor zehn Jahren holte Nerdinger das seit 1868 an der Technischen Universität München verortete Architekturmuseum in die Räume der Pinakothek der Moderne. Zu einem "lebendigen Ort der Auseinandersetzung geprägt vom wissenschaftlich kritischen Wesen eines Hochschulmuseums, das sich Aufklärung auf die Fahnen schreibt" sollte das Museum werden und diese Zielsetzung trifft auf Nerdingers letztes Projekt tatsächlich sehr genau zu. Der "Vermittler", wie ihn die "Süddeutsche Zeitung" nennt, hat sich einen Namen als fortschrittlicher Direktor mit eigenem Standpunkt gemacht.

Neben der Architekturgeschichte, die im ersten und zugleich letzten Raum untergebracht ist, wurde auch die Abteilung "Werkzeuge" vergleichsweise ausladend gestaltet. Hier offenbaren Vitrinen traditionelle Hilfsmittel und gerahmte Skizzen die nahezu poetische Dimension der puristischen Konstruktionsästhetik. Besonders zart wirkt ein flüchtig gekritzelter Entwurf von Heinz Tesar für die Synagoge Dresden mit dem Titel "Herzpfeiler". Modellbauten von Hochhäusern werden mit hölzernen Fantasieobjekten gekreuzt, die von der Decke baumeln und irgendwann mal futuristisch waren. An der gegenüberliegenden Wand prangt der Abguss einer Ritzzeichnung aus dem Apollontempel in Didyma, der fast ein Schlitzbild von Lucio Fontana sein könnte.

Zuletzt gelangt der Besucher in den Bereich "Musik, Theater und Film", der kuratorisch etwas gewollt erscheint. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich jedoch auch diese letzte Erörterung der Beziehung von Architekt und Umwelt als schlüssig: Nicht nur das optisch ansprechende Arrangement von El Lissitzkys Opernfigurinen ergänzt das kuratorische Konzept um eine gewisse Leichtigkeit. Auch die Leuchtkästen mit abstrakten Bühnenbildern bieten eine Abwechslung zur immer noch drallen Essenz aus fast 5000 Jahren Architekturgeschichte. "Architekt und Film" bildet den Abschluss des Rundgangs und präsentiert eine Reihe von Hollywood-Produktionen, die sich des Themas angenommen haben – allen voran "Fountainhead" mit Gary Cooper alias Howard Roark. Sein Konterfei blickt sehnsüchtig auf einen Skyscraper, den er zwar planen, aber nicht nach seinen Ideen Umsetzen konnte, woraufhin er diesen zerstört. Und wieder gelangt die Ausstellung zurück zum Mythos, zur Utopie des entfremdeten Schöpfers, der die Welt mit seinen Ideen vervollkommnen möchte. Und wieder deutet sie so Parallelen zu Utopisten wie den Illuminati auf, die einen ähnlich universellen Anspruch an die Wirkung ihres Ordens stellten. Der Weg zurück nach draußen führt noch einmal an der Sektion über den Architekten im 21. Jahrhundert vorbei. Ein paar kurze Blicke fallen auf die Worte "Qualitätsstandards, Wettbewerbswesen, Honorarordnung". Weiter unten: "Der Architekt wird immer mehr zum Dienstleister in einer verwalteten Gesellschaft". Es ist Zeit zu gehen – Adieu Du schöne Utopie!

2002 - 2012 - GESCHICHTE UND GEGENWART EINES BERUFSSTANDES

03.02.2013
Pinakothek der Moderne

Architekturmuseum der TU München


http://www.pinakothek.de/kalender/2012-09-27/26127/2002-2012-geschichte-und-gegenwart-eines-berufsstandes

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