Stadtschloss - Berlin

Wiedererrichtung

Im Zentrum Berlins wird das 1950 gesprengte Berliner Schloss wieder aufgebaut. Dort wird das Humboldt-Forum entstehen, das mit Ausstellungen zu außereuropäischen Kulturen die nahe gelegene Museumsinsel unterstützt. Es entsteht ein in Deutschland einzigartiges kulturelles Zentrum und ein Ort der Begegnung.
Grundsteinlegung:Desaster oder Neuanfang?

Bundespräsident Joachim Gauck schwingt den Hammer bei der Grundsteinlegung. Im Hintergrund Verkehrsminister Ramsauer (CSU), links, und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), rechts

Gemäß einer aktuellen Umfrage wird das Humboldt-Forum ein Desaster. 61 Prozent der Berliner lehnen den Neubau des Preußenschlosses nach wie vor ab. Trotz Bundestagsbeschluss und der feierlichen Grundsteinlegung am 12. Juni will das 590 Millionen Euro teure "Bundesschloss" – wie Helmut Schmidt es spöttisch nannte – einfach keine Freunde finden. Ein wesentlicher Grund für diese Negativstimmung ist neben den hohen Kosten sicherlich, dass über Inhalt und Nutzen der großen Barockschachtel bisher nur sehr vage Vorstellungen bestehen.

Die Ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), die den größten Teil des Neubaus belegen werden, sind an ihrem bisherigen Standort in Dahlem so ein Faszinosum, dass auf einen Besucher gefühlt sechs Aufseher kommen. Die Zentralbibliothek, die einen weiteren Teil bespielt, bekommt demnächst einen 270 Millionen Euro teuren neuen Hauptstandort auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, der architektonisch und vom Angebot so attraktiv werden soll, dass sein Schlossableger so nötig scheint wie ein Blinddarm. Die kleine Ausstellungsfläche der Humboldt-Universität für aktuelle Forschungsergebnisse kann vermutlich keine fußmüden Touristen anlocken, die schon Pergamonaltar und Nofretete absolviert haben. Bleibt als Anziehungspunkt des teilrekonstruierten Kaisersitzes vor allem das Veranstaltungsprogramm im Erdgeschoss, über das sechs Jahre vor der geplanten Eröffnung 2019 nur wolkige Absichtserklärungen kursieren.


Der Bund als Hauptgeldgeber will sich hier als weltoffenes Land präsentieren, die beteiligten Institutionen sehen das "Agora" benannte Schlossparterre als Ort des kulturellen Austauschs, und der für den Bau verantwortliche Manager, Manfred Rettig, erkennt darin ein "Schaufenster der Bundesrepublik", das ausländische Investoren vom Standort Deutschland überzeugen soll. Der zukünftige Intendant, der frühestens 2016 erkoren wird, hat also nicht nur mit einem Imageproblem und der Konkurrenz zahlreicher Museen in Rufweite zu kämpfen, sondern auch mit einer Festtagsgesellschaft staatlicher Würdenträger, die alle ihre eigene Meinung zum neuen Herz der Republik besitzen. Ein klares Programmprofil scheint da so wahrscheinlich wie die Rückkehr zur Monarchie.

Vielfalt kultureller Ausdrucksformen

Warum sind dann nur alle Beteiligten so gelassen? Der Staatsminister für Kultur, Bernd Neumann, will jetzt im Juni ein "profundes" Programm für das Humboldt-Forum vorstellen. Der Präsident der SPK, Hermann Parzinger, verspricht eine völlig neue Institution, die statt nationaler Selbstdarstellung die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen der Welt widerspiegeln werde. Und der renommierte Schweizer Ausstellungsmacher Martin Heller, der als Vorabintendant mit Zeitvertrag die Struktur des späteren Kulturprogramms mit den Beteiligten entwickelt, sieht im Humboldt-Forum einen "Museumsprototyp", der eben durch seine besondere Konstruktion eine "Multiperspektive" auf die moderne Welt bieten kann – und zwar eine anspruchsvolle, keine populistische, wie man es bei der Zielgruppe erwarten könnte, die wiederum Parzinger so beschreibt: "Freaks, Touristen, Bildungsbürger, Forscher und Menschen mit Migrationshintergrund". Kurz: alle und jeder.

Tatsächlich scheint hinter den Kulissen dank Hellers Arbeit ein sehr gedeihliches Zusammenwirken der kulturellen Fürstentümer für ein gemeinsames Ziel entstanden zu sein. Trotz der historischen und musealen Prägung der Institute soll das Gemeinschaftsprogramm dem Gegenwärtigen verpflichtet sein. Theater- und Kinoaufführungen, Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst, Diskussionen und Vortragsabende, aber auch große Feste nationaler und religiöser Gemeinschaften werden in diesem "Haus für Jeden" ihren Ort haben. Also eine Art Denkschloss mit hohem Unterhaltungswert, oder wie Heller es nennt: "kalkulierte Disparatheit".

Das allerdings wird wieder gehörig Geld kosten, das vom Bund kommen muss. Falls nicht, so Parzinger, "dann scheitert das Projekt". Und das wollen vermutlich dann auch die 61 Prozent so wenig wie den Kaiser Wilhelm wieder haben.