Neue Bescheidenheit - Bielefeld

Bauen als soziale Aufgabe

Die Bielefelder Ausstellung "Neue Bescheidenheit" untersucht ökonomische und ökologische Aspekte in der zeitgenössischen Architektur und tappt dabei in eine beliebte Falle, in dem sie sich auf Projekte in der dritten Welt konzentriert.

Noch immer leben wir in Europa in einem solchen Überfluss, dass wir Bescheidenheit mehr als Haltung schätzen, denn als echte Notwendigkeit begreifen.

Das ist in der Architektur nicht anders als beim Essen oder Shoppen. Zwar gibt es immer wieder prominente Ausstellungen wie im deutschen Pavillon bei der Architekturbiennale in Venedig letztes Jahr, die unter dem Titel "Reduce, Reuse, Recycle" Konzepte einer preiswerten und schonenden Bauweise propagieren. Aber zwischen Stararchitektur und Schöner Wohnen bleiben solche Ideen in den Medien konsequent exotisch. Armut, so der stillschweigende Konsens, das ist doch nur was für die Dritte Welt.

Ein bisschen tappt auch die Ausstellung "Neue Bescheidenheit" im Bielefelder Kunstverein in diese Falle. Von den fünf Architekturbüros, die hier als Spezialisten für "Billig und Gut" vorgestellt werden, arbeiten vier in Krisenregionen Asiens und Lateinamerikas. In chilenischen Slums, im Grenzgebiet zwischen Thailand und Myanmar oder im Bereich informeller Siedlungen in Indien haben sie intelligente und optimistische Projekte entwickelt, um prekäre Situationen mit einfachsten Mitteln nachhaltig zu verbessern. Die indische Architektin Anupama Kundoo forscht nach Bauweisen, die sich mit wenigen billigen und verfügbaren Materialien realisieren lassen. Dazu entwickelt sie Strukturen aus gefaltetem Papier, härtet Lehmbauten, indem sie diese kurzzeitig in Öfen verwandelt, oder schafft aus Maschendrahtzaun und Zement einen Stahlbeton für Arme.

Die beiden überwiegend in Thailand agierenden europäischen Büros "a.gor.a" und "Tyin" modernisieren die Architektur der Naturvölker mit einigen technischen Verbesserungen und intelligent verwertetem Abfall und errichten unter Mithilfe der Bevölkerung Waisenheime, Krankenstationen und Schulgebäude für wenige Hundert Euro. Und das chilenische Büro Elemental hat ein sehr überzeugendes Konzept für Slummodernisierung entwickelt: halbe Häuser. Mit der staatlichen Förderung, die nur für miesen Sozialbau reicht, werden Strukturen gebaut, die das Nötigste beinhalten, danach aber von den Bewohnern in Eigeninitiative schrittweise zu einem großen Haus erweitert werden können. Das Konzept von Elemental ist das einzige der vier, das sich mit Modifikationen nach Europa übertragen ließe, um die traumatische Hässlichkeit des Sozialwohnungsbaus zu vermeiden.

Der einzige Vertreter, der sich mit bescheidener Architektur in Deutschland beschäftigt, präsentiert sich dagegen in einer so verrätselten Weise mit zwei anstrengenden Kunstfilmen, dass man von den tollen Erneuerungskonzepten Arno Brandlhubers, die er in Berlin umgesetzt hat, eigentlich nichts versteht. Und so entschärft diese Ausstellung den wichtigen Ansatz, den sie verfolgt, leider ein wenig durch Exotismus und den falschen Titel. Denn in den Slums und Flüchtlingsregionen der Welt geht es nun wirk
lich nicht um Bescheidenheit, sondern um akute Notlagen.

Neue Bescheidenheit – Architektur in Zeiten der Verknappung

Termin: bis 21. Juli, Kunstverein Bielefeld

Es erscheint eine Broschüre zum Preis von 3 Euro
http://www.bielefelder-kunstverein.de/ausstellungen/2013/neue-bescheidenheit.html