Sanaa für Vitra - Weil am Rhein

Vorhang auf für ein neues Zeitalter industrieller Produktion

2010 erhielt das japanische Architekturbüro Sanaa den Pritzker Preis. Seine eigenwillige Architektur zeichnet sich durch schlichte, leichte, elegante und intelligente Bauweise aus und ist völlig frei von manirierten Stilübungen. Jetzt bauten sie für den Möbelhersteller Vitra eine neue Produktionshalle.
Raum als Chance:Kraftvoller Purismus

Kraftvoller Purismus bei den Architekten von Sanaa: die neue Produktionshalle der Firma Vitra

"Die Welt der Industrie hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert", sagt Rolf Fehlbaum.

Der Chef der Firma Vitra steht in der neuen Halle, die das japanische Architekturbüro Sanaa für die Topdesigner in Weil am Rhein nahe der Schweizer Grenze gebaut hat. "Schauen Sie sich um, hier ist alles still und hell, nirgendwo hören Sie Maschinenlärm. Als Alvaro Siza 1994 für uns eine Fabrikhalle aus Backstein baute, da erinnerte das noch ans 19. Jahrhundert, an den Staub und Lärm, man glaubte, den Schweiß riechen zu können. Hier dagegen wirkt alles viel sanfter", findet Fehlbaum.

Während man in die weite Fläche schaut, scheint der Raum sich fast aufzulösen. Die reduzierte Farbigkeit ist den Standards der verwendeten Materialien verdankt. Der helle Industriebeton des Bodens, die weiß gestrichenen Tragstrukturen aus Metall, die weit gespannten Fachwerkträger, die offen unter dem Zickzack-Dach schwebenden Infrastrukturen für Lüftung, Strom und Sicherheit geben der Halle eine fast virtuelle Leichtigkeit und Weite. Die Oberlichter lassen viel Licht einfallen. Selbst die massiven Regale, auf denen rechts und links des Mittelgangs Waren lagern, stören diesen Eindruck nicht.

"Als wir diese neue Halle angingen, dachten wir ursprünglich an mehrere rechteckige Gebäude, die miteinander verbunden sind", erzählt Fehlbaum. "Als Sanaa dann eine leicht eingedrückte Kreisform als Grundriss vorschlugen, waren wir alle überrascht. Ich dachte, das sieht toll aus, wird aber nicht funktionieren." Die zuständigen Ingenieure der Firma sahen das anders. Die Rundform mit einer Fläche von 22'000 Quadratmetern erlaubte aufgrund ihrer statischen Eigenschaften eine leichtere, also kosteneffizientere Bauweise. Vor allem aber ist sie für die Arbeitsabläufe besonders geeignet. Sie erlaubt viele Zugänge. Trucks können von fast allen Seiten an die Loadingdocks heranfahren, Ware einliefern und abholen.

Waren früher die Arbeitsabläufe in Fabriken linear geregelt, so müssen heute viele Vorgänge parallel und in verschiedenen Geschwindigkeiten abgewickelt werden. Die Halle wird vom Firmenbereich Vitra Shops genutzt. Rund 100 Angestellte lagern Ware ein, montieren Elemente zusammen und verschicken sie an die einzelnen Auftraggeber, die meistens unterschiedliche Anforderungen stellen. Diese hochkomplexe Logistik lässt sich in dem Rund besser abwickeln, als in einem langgezogenen Baukörper. Ökonomisch ist die Halle ohnehin fast unschlagbar. Von 60 Prozent weniger Strombedarf spricht Vitras technischer Direktor.

Die Architekten aus Tokyo sind für ungewöhnliche Vorschläge bekannt. Sie haben sich in den letzten zehn Jahren unter den Top Ten der globalen Architekturelite etabliert. Das New Museum in New York machte mit seinen aufgetürmten Schachteln den Anfang. Letzten Herbst wurde die Dependance des Louvre im nordfranzösischen Lens eröffnet. In Deutschland haben Ryue Nishizawa und Kazuyo Sejima für die Zeche Zollverein in Essen einen Betonwürfel realisiert, der aussieht, als wäre er aus Papier. Transparenz, Offenheit, eine fast minimalistische Reduktion in Material und Farbe, eine Vorliebe für Glas und Beton und eine Obsession für Weiß konturieren Sanaa als Brand. Und die Japaner reagieren feinfühlig auf die jeweilige Nachbarschaft. So setzt sich der eingedrückte Kreis der neuen Halle, abgesehen von der Nutzung, auch vorteilhaft zur Umgebung in Beziehung.

Industrielle Leichtigkeit

Während der Vitra-Chef den Besucher höchstpersönlich durch den strömenden Regen chauffiert, erzählt er, dass die Anwohner in der Siedlung gleich neben dem Werksgelände Angst hatten, von dem Volumen erdrückt zu werden, als sie von der schieren Größe hörten, die die neue Halle haben sollte. Der Bau, der zuvor hier stand, war schliesslich nur halb so groß. "Die Kreisform lässt die Größe optisch verschwinden. Sie sehen nie das ganze Gebäude sondern immer nur einen Teil. Dazu kann ich mich verhalten, das gibt ihm eine menschliche Dimension", sagt Fehlbaum, während er um die Halle kurvt.

Zusätzliche Leichtigkeit erhält die Form durch ihre einzigartige Verkleidung. Ryue Nishizawa und Kazuyo Sejima haben das über elf Meter hohe Gebäude mit einem weißen Vorhang aus Plexiglas umhüllt, der an eine Theaterbühne erinnert, auf der man einen großen Auftritt erwartet. "Die Halle ersetzt ein altes Gebäude und wurde in zwei Phasen gebaut. Die beiden Hälften sind innen durch eine Brandmauer getrennt, die wir ohnehin gebraucht hätten Nach außen wollten wir ihm aber eine einheitliche Erscheinung geben, das geht am einfachsten durch eine Verpackung", sagt Kazuyo Sejima. Das Material sollte "industriell sein, aber besonders aussehen" ergänzt sie. Plexiglas wird in der Industrie seit den 20-er Jahren verwendet. Die japanischen Architekten haben ihm in Weil eine textile Form gegeben.

5700 Quadratmeter macht die ganze Fassade aus. Sie setzt sich aus einzelnen Tafeln von 150 Quadratmetern zusammen, die auf Alurahmen geklebt wurden und die wiederum an der Betonwand aus vorgefertigten und vor Ort ausgegossenen Fertigelementen aufgehängt sind. Der TÜV Baden-Württemberg schaute bei der Montage besonders genau hin. Die 6,5 Zentimeter starken Elemente sind aus zwei Schichten gebildet. Die vordere ist transparent, die hintere weiß laminiert. Das gibt der Fassade Tiefe und macht sie selbst bei regenverhangenem Himmel zum Spiegel von Licht und Wetter. Um ihre stoffähnliche Wirkung zu erzielen, bedurfte es eines komplexen Verfahrens. Die flachen Platten wurden erhitzt und wie das Armaturenbrett beim Auto durch Vakuumverformung gewellt. Die Tafeln haben eine Tiefe von 15 Zentimetern und ziehen sich in einem Stück über die ganze Fassadenhöhe von mehr als elf Metern. Dafür reichten die am Markt vorhandenen Maschinen nicht aus. Eine Firma in Österreich entwickelte eine Sonderanfertigung. Drei verschiedene Panele hat man gefertigt. Da sie sich um 180 Grad nach oben und unten drehen lassen, standen sechs Formen zur Verfügung, die so wechseln, dass dem Passant keine Wiederholungen auffallen. Da sie zum Boden etwas Luft lassen, scheint das Gebäude leicht zu schweben. Fassade und Form geben der neuen Halle eine starke Präsenz auf dem Campus der Firma.

Bericht von ZDF-Aspekte über Sanaa

Klassische Moderne und Vielfalt

"Nach einem verheerenden Brand 1981 mussten wir das Firmengelände neu entwickeln und haben in dem Jahr die erste Fabrik gebaut. Damals war High Tech unser Ideal. Das hatte mit Charles Eames zu tun, unserem großen Anreger. Nicholas Grimshaw sollte ursprünglich das ganze Areal bebauen", erinnert sich Rolf Fehlbaum. Dass es bei zwei Gebäuden geblieben ist, hat mit dessen Bekanntschaft mit Frank Gehry zu tun. Er baute ein wild wucherndes Museum vors Werksgelände und eine schöne klare Fabrikhalle dahinter, die sich viel mehr der klassischen Moderne verdankt als dem explodierenden Vokabular der Postmoderne. Fehlbaum entschied sich dafür, die Corporate Identity nicht in der Gleichförmigkeit sondern in der Vielfalt zu suchen, und beauftragte für jedes Gebäude einen anderen Architekten. Zaha Hadid hat hier ebenso gebaut wie Tadao Ando, Jasper Morrison und zuletzt 2010 Herzog & de Meuron mit ihrem fulminanten Vitra-Haus. Längst ist das Firmengelände zu einem zeitgenössischen Architekturpark geworden, mit dem sich international bestens werben lässt.

Das Raster als Ordnungsmuster der Moderne bestimmt den Masterplan des Firmenareals. Die Halle von Sanaa setzt der Rechtwinkligkeit den fließenden Kreis entgegen, dem horizontalen Verlauf der Aluminium-Fassadenbleche bei Nicholas Grimshaw antwortet die vertikale Stofflichkeit des Plexiglas, der begrenzten Form der bisherigen Fabriken die Unüberschaubarkeit einer eckenlos fließenden Fassade, die ihren Haupteingang überdies nahe beim Nachbargebäude fast versteckt. Damit sind Ryue Nishizawa und Kazuyo Sejima wieder einmal ihrem Ruf gerecht geworden, ganz unabhängig von der Bauaufgabe transparent und offen wirkende Bauten von großer Leichtigkeit zu entwerfen. Was das gekostet hat, teilt die Firma nicht mit. Immerhin war von Ryue Nishizawa zu hören: "Wir haben zu industriellen Bedingungen geplant." Die sind wohl nicht überall gleich.

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