14. Architekturbiennale - Venedig

Ein Koolhaas, ein Thema, 65 Nationen

Und, wie hat Ihre Nation das Konzept der Moderne so absorbiert? Der Leiter der 14. Architekturbiennale, Rem Koolhaas, stellte diese Frage so (oder so ähnlich) 65 Nationen. Als Antwort bekam er 65 unterschiedlichste Interpretationen seines Leitthemas. Jeder davon ist ein Länderpavillon gewidmet.
Zwischen Gehorsam und Aneignung:Rem Koolhaas fragte und 65 Nationen antworteten

Im russischen Beitrag widersteht man Rem Koolhaas Leitthema mit einer großen Parodie: Eine Klischee-Messe, die beweisen soll, dass die Moderne in Wahrheit ein Kind der Sowjetmacht und ihrer Nachfolge-Staatsformen ist, verortet die Quellen der Erneuerung zwischen Moskau und St. Petersburg

Man weiß nicht, ob es Rem Koolhaas' hölzernem Charme, seiner strengen Autorität, seiner Stellung als Generalkommisar oder tatsächlich der Überzeugungskraft seiner Aufgabe geschuldet war, aber seiner Weisung, dieses Jahr mögen alle Länderbeiträge zur Architekturbiennale einem von ihm vorgegebenen Thema folgen, wurde in Venedig geradezu schülerhaft gefolgt.

"Absorbing Modernity" (ein im besten Sinne "schwammiges" Thema) forderte die Rekordzahl von 65 Nationen auf, darzustellen, wie sie in den letzten 100 Jahren das Ideen- und Formkonzept der Moderne aufgesaugt und verarbeitet haben.

Beim Abwandern der Länderbeiträge, die sich diesmal gleichermaßen in den Giardini wie im Arsenale konzentrieren, teilt sich das Progamm schnell in zwei Haltungen auf. Denn was bei der Absorbierung des Leitthemas den Unterschied zwischen Gehorsam und Aneignung macht, das ist der Grad der akademischen Umsetzung. Während Länder wie Mexiko, Argentinien, Iran, China, Schweiz oder die USA mehr oder weniger archivisch ihre Geschichte mit der Moderne nacherzählen – und zwar vor allem mit klassischen Lehrmitteln wie Wandtafeln, Fotos, Plänen, Statistiken und Prospekten –, spielen die besten Pavillons der 14. Architekturbiennale mit den Widerständen des Themas.

Und darunter zeigen diesmal einige Nationen, die sonst eher für protzige oder übertheoretische Auftritte bekannt sind, erfrischend launig und selbstironisch ihr Unbehagen mit dem herrischen Anspruch der Moderne, alles besser zu wissen.

Vor allem dem bösen Russland gelang diesmal ein augenzwinkernder Showdown seiner unter Grauheitsvedacht stehenden modernen Baugeschichte. Mit der durchaus forschen These, Russland sei schon immer das bedeutendste Labor für modernen Urbanismus gewesen, installierte man unter dem rätselhaften Slogan "Fair enough" eine Messe (Fair) über das typisch Russische. Und das schrammt nur ganz knapp an der Gefahr vorbei, als ernst missverstanden zu werden. Zahlreiche Pavillons im Pavillon präsentieren goldene Ornamentfolklore neben einer poppigen Huldigung El Lissitzkys und einem pseudo-öko-grünen Stand für Datschakultur. Investmentberatung wird angeboten neben Reisen zu Zeugnissen russischer Bauideen in England, Afghanistan und Kuba. Und den Abschluss macht eine knallige Marketingkoje für das berühmte konstruktivistische Wohngebäude Narkofim in Moskau, das tatsächlich zu einer Totalruine heruntergewirtschaftet wurde.

Der japanische Pavillon gleich nebenan verspricht dagegen "The Real World", was man lieber mit Trödel-Bazar übersetzen sollte, denn hier häufen sich in verschiedenen Sektoren Modelle, Pläne, Visionen und Dokumente zu einer unbeherrschbaren Wimmelkultur der Eindrücke. Der traditionell lustige britische Pavillon feiert dagegen unter dem Motto "A Clockwork Jerusalem" die skurrilsten Beispiele englischer Konkretutopien im sozialen Bausegment, während die Nachbarn aus Frankreich Jacques Tatis’ Modernitäts-Komödie "Mon Oncle" mit originalen Bauvorhaben des modernen französischen Städtebaus konfrontieren.

Die Israeli lassen die großen Pläne der Modernisierung Palästinas von Maschinen in Sand zeichnen, Taiwan inszeniert Koolhaas' Idee von den Grundelementen des Bauens mit Niedlichkeitskitsch, und die Deutschen als die langweiligsten unter den Originellen installieren Mock-Ups des Bonner Kanzlerbungalows von Sep Ruf provokationsarm in die imperiale Architektur des germanischen Ausstellungshauses.

Gewinnend kann das Akademische allerdings wie das Ironische sein. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Moderne verlangt zwar fiel Stehfleisch vor Erklärungswänden. Aber diverse Widersprüche gegen den Siegeszug der modernen Haltung lassen sich kaum anders darstellen. Zum Beispiel der Konflikt zwischen dem Rationalistätsdogma einerseits und der Opulenz traditioneller Architekturen, die durch die Moderne zum Untergang verdammt schienen. In den Sektionen von Mexiko, Iran oder Costa Rica wird dieser Überlebenskampf der Traditon anschaulich nachempfunden.

Andere störrische Gegenbewegungen zur Vereinheitlichungtendenz des modernen Kanons tauchen in zahlreichen Länderbeiträgen auf: etwa die informelle Architektur des Selbstbaus in Südamerika (Länderbeitrag Peru) oder die dekorativen "Fehlleistungen" bei Monumenten, Gräbern und Memorials (zentral und satirisch im Beitrag Polens). Und schließlich zeigte der Sieger des diesjährigen Goldenen Löwens, Korea, die Schizophrenie moderner Entwicklung am Beispiel des Nord- und Südstaates dieser Halbinsel auf – leider in einer weiteren technoid überladene Multimedia-Show, deren Preiswürdigkeit zumindest zweifelhaft bleibt.

Natürlich durfte auch die Schönheit moderner Extravaganzen nicht fehlen. Da deren Zeugnisse überall dem großen neuen Vereinheitlicher, der globalisierten Investmentarchitektur, zum Opfer zu fallen drohen, bemühte man sich an verschiedenen Orten des Festivals, ihre schützenswerte Besonderheit zu vermitteln (etwa in Bahrains großer Bibliothek der modernen Bauten für die arabische Welt oder in Serbiens goldener Tapete mit sozialistischen Sonderbauten).

Die Moderne als Phänomen bewahrt bei diesem Überbau-Festival trotz der extrem unterschiedlichen Zugänge ihren eindeutig und überall identifizierbaren Charakter als eine abstrahierende, funktionsfixierte und gleichschaltende Kraft von klarer ästhetischer Prägnanz. Über die gesamte bunte Palette der nationalen Beiträge hin erscheint das Konzept der Moderne in der Architektur gerade durch Kritik, Opposition und Ironie bestärkt in ihrem ernsten, intellektuellen und durchsetzungsstarken Kern. Sie tritt in der massiven Häufung, die Koolhaas dem gesamten Festival verordnet hat, mächtig auf wie ein globaler Souverän über die Geschmacksentscheidungen und Ordnungskriterien. Und selbst die Nostalgie hat sie an vielen Orten fest im Griff.

Wenn der didaktische Themen-Tyrann Rem Koolhaas mit seiner Vorschrift also irgendetwas erreicht hat, dann die Erkenntnis von einer ungebrochenen Diktatur rationaler Planungslogik, wie sie die Moderne immer behauptet hat, über die Vielfalt der Kulturen. Und selbst wenn die Scheibenhochhäuser im Distanzgrün, die Stelzenautobahnen, der vom Dekor entkleidete, nackte Beton und die serielle Monotonie der Fassaden heute keine Dogmen mehr sind, so zeigt die immer stärkere Angleichung der Städte in aller Welt doch nichts anderes, als das Wirken des effizienten Generalplans.

Vermutlich ist dieses Resultat von Koolhaas nicht als Plädoyer gemeint für eine neue Ununterscheidbarkeit. Dennoch lieferte diese Biennale am Ende eher den Beweis, dass die Absorbierung der modernen Botschaft noch lange nicht abgeschlossen ist. Sie scheint – verwandelt in effizientere Methoden des Geldverdienens – nur eine neue Phase totaler Rationalisierung erreicht zu haben. Die Botschaft mag heute schwammig klingen, ihre vereinheitlichende Kraft tritt dagegen umso universeller in Erscheinung.

14. Architekturbiennale

Giardini-Gelände, Venedig, bis 23. November 2014
http://www.labiennale.org/en/architecture/exhibition/