Wang Shu - Interview

Der Amateur unter den Architekten

Wir treffen Wang Shu auf der Balkonterrasse des Haus der Kulturen der Welt im Tiergarten. Der 1963 geborene Chinese, der im Frühjahr mit dem Pritzker-Preis die wichtigste internationale Architekturausszeichnung erhielt, betreibt seit 1997 im südostchinesischen Hangzhou mit seiner Frau Lu Wenyu das Architekturbüro Amateur Architecture Studio.

Kito Nedo: Herr Wang, wie gut kennen Sie Berlin?

Wang Shu: Gut. Ich bin schon mehrere Male hier Gast gewesen. 2001 war die Stadt Zielort meiner ersten Auslandsreise überhaupt.

Wir hatten eine kleine Ausstellung in der Aedes Galerie in Berlin mit einer Gruppe von Architekten und einem Künstler, das war übrigens Ai Weiwei. Es war das erste Mal, dass chinesische Architekten eine eigene Ausstellung im Ausland hatten, die nicht staatlich organisiert war.

Wie sehen sie die Stadt?

Berlin ist ein außergewöhnlicher Ort, wo sich viele Dinge miteinander vermischen. Manches in Ost-Berlin erinnert stark an Peking: diese großen Magistralen etwa mit Wohngebäuden für die ausgezeichneten Arbeiter des Volkes. (lacht) Auf der anderen Seite gibt es hier im Zentrum viele Parks, es fühlt sich an wie auf dem Land. Diese Mischung mag ich. Es gibt viele Möglichkeiten, mehr Freiheit, es fühlt sich offener an.

Manches ist auch anders: Der moderne Terminal 3 des Pekinger Flughafens wurde im Frühling 2008 nach vier Jahren Bauzeit pünktlich eröffnet. In Berlin wird die Flughafen-Fertigstellung immer wieder verschoben. Was würden Sie den deutschen Planern raten?

Da gibt es tatsächlich Unterschiede. In China setzen wir Dinge wirklich sehr schnell um. Das ist unsere Tradition. In Europa geht man davon aus, das die Schönheit im Soliden, Historischen liegt, möglichst ohne Veränderung. In der chinesischen Vorstellung ändert sich hingegen alles immerzu. Deshalb verändern wir die Dinge auch sehr schnell, weil wir den ständigen Wandel verinnerlicht haben. In der Zusammenarbeit für diese Ausstellung ist mir der Unterschied zwischen Deutschen und Chinesen wieder deutlich aufgefallen. Chinesen sind akkurat, für Deutsche hingegen muss jedes einzelne Teil mehr als perfekt sein. Dadurch sind die Deutschen aber auch langsamer als die Chinesen. Unsere chinesischen Assistenten sorgen sich, dass unser Beitrag nicht rechtzeitig fertig werden könnte!

Die Ausstellung thematisiert das Verhältnis von Ideologie und Architektur. In welcher Weise beeinflusst Ideologie ihre Praxis als Architekt?

Das ist eine der Grundsatzfragen der Architektur. In der heutigen, zeitgenössischen Architektur geht es oft um Großprojekte, um architektonische Sehenswürdigkeiten, glänzende Stahl- und Glaskonstruktionen. In meiner Arbeit konzentriere ich mich eher auf kleinere, lokale Projekte. Die Natur spielt eine wichtige Rolle. Wir versuchen kostengünstiger zu bauen, nicht alles ist perfekt, es bleibt etwas roher.

Ihr Kollege Rem Koolhaas, der für das chinesische Staatsfernsehen ein spektakuläres Sendezentrum in Peking baute, hat neulich betont, wie wichtig eine starke Regierung für die Realisierung solcher Mega-Projekte ist. Stimmen sie ihm da zu?

Ja, da hat Koolhaas auf jeden Fall recht. Wenn man ein großes Gebäude bauen möchte, braucht man einen starken Staat, einen Großkonzern, einen starken Boss! (lacht) Jeder Architekt braucht eine Haltung, eine Philosophie in dieser Frage. Ich hätte solch einen Auftrag wahrscheinlich abgelehnt. Koolhaas ist ein Profi, ich tendiere eher zum Amateur: Es ist gut, dass es diese Unterschiede im architektonischen Ansatz gibt.

Ihre wichtigsten Projekte haben Sie in China gebaut – unter welchen Umständen würden Sie im Ausland bauen?

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit natürlichen Materialien, mit traditionellen Handwerkstechniken. Bekäme ich die Chance für ein Projekt in den USA oder Europa, würde mich das natürlich sehr interessieren. Ich fürchte jedoch, es würde zu teuer werden. Ich müsste also über Wege nachdenken, wie man es schafft hohe Kosten zu vermeiden und sich dennoch treu zu bleiben. Es geht ja auch um mehr als nur Architektur. Heute wissen wir, dass unsere Ressourcen begrenzt sind, und dass wir die Verschwendung stoppen müssen. Dort liegt die Herausforderung.

Between Walls and Windows

Die Ausstellung ist bis zum 30. September 2012 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zu sehen.

Wang Shu, Pritzker Architektur Preisträger, 2012
http://www.hkw.de/de/index.php