Berliner Staatsoper - Sanierung

So viel Paulick wie möglich

Nach der Absage an einen neuen Zuschauerraum für die Berliner Staatsoper Unter den Linden wird die Sanierung des gesamten Hauses neu in Angriff genommen. "Keiner der im Wettbewerb präsentierten Entwürfe ist in der Lage, den Denkmalschutz zu gewähren", sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Dienstag.
So viel Paulick wie möglich:Sanierung der Staatsoper wird neu ausgeschrieben

Die Umgestaltung soll sich eng an an den vorhandenen Saal anlehnen

In einem neuen Verfahren soll ein Generalplaner für das auf 241 Millionen Euro bezifferte Projekt gefunden werden. Dabei werde auf einen neuen Architekturwettbewerb verzichtet. Die Umgestaltung des Zuschauerraums müsse sich eng an den vorhandenen Saal des DDR-Architekten Richard Paulick anlehnen.

9800
Strecken Teaser

Mit der Entscheidung des Berliner Senats ist der umstrittene Plan für einen Totalumbau des Rokoko-Raumes kein Thema mehr. Der Architekt Klaus Roth, der den Architekturwettbewerb gewonnen hatte, wollte eine völlige Beseitigung aller historischen Spuren in dem von 1952 bis 1955 nach altem Vorbild wieder aufgebauten Saal. Das Parkett sollte schräg angehoben und die Decke deutlich erhöht werden. Damit sollten die Akustik und die Sicht von etwa einem Viertel der rund 1300 Plätze deutlich besser werden. Von außen sollte sich nichts ändern.

Doch nicht nur der Plan für einen Totalumbau des Saales ist vom Tisch – auch das ganze Vergabeverfahren wird gekippt und neu ausgeschrieben. Wowereit hatte sich "überrascht" über das Ergebnis des Auswahlverfahrens geäußert. Auch die Entwürfe der Zweit- und Drittplatzierten hätten sich nicht an die Vorgabe gehalten, den Paulick-Saal zu erhalten. "Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass Paulick zerstört wird", sagte er. "Vielleicht war der Anspruch an die Architekten zu weit gesteckt". Architekturwettbewerb und Vergabeverfahren für die Gesamtsanierung hätte man möglicherweise trennen sollen. Er befürchte aber keine rechtlichen Folgen. "Wir gehen davon aus, dass wir auf der sicheren Seite sind". Man müsse aber nun in Kauf nehmen, dass mit dem Erhalt des Saales, Akustik und Sicht "nie so optimal sein werden, wie wenn man ein neues Opernhaus baut", sagte der SPD-Politiker.

Braucht Operngenuss eine barocke Kulisse?

Wie kaum eine öffentliche Debatte nach dem Mauerfall hatte Berlin in den vergangenen Monaten über die Lindenoper gestritten. Kaum wurde der Entwurf von Roth bekannt, brach der Kulturkampf aus. Mit dem historischen Saal müsse die Lindenoper ihr eigenes Profil unter den drei großen Musiktheatern der Hauptstadt behalten. Nur die Lindenoper bewahre die Anmutung traditioneller Häuser. Die barocke Kulisse biete das Ambiente für den festlichen Operngenuss. Prominente wie Alfred Biolek, Max Raabe und Peter Schreier sprachen sich für den friderizianischen Saal aus.
Für die Befürworter eines Totalumbaus hingegen ist der Saal nur ein Rokoko-Imitat in DDR-Anmutung. Der Raum simuliert Geschichte, sagt Stefan Rosinski, Chef der Opernstiftung. Die Akustikprobleme mit der zu geringen Nachhallzeit für Musik etwa von Wagner oder Verdi sowie eingeschränkte Sichtverhältnisse auf 300 der knapp 1300 Plätze ließen sich nur mit einer Neugestaltung beheben.

Der Dirigent Daniel Barenboim hat die Entscheidung zum Erhalt des historischen Zuschauersaales begrüßt. "Nun müssen wir nach vorne blicken und dafür sorgen, dass die Akustik und die Sichtverhältnisse verbessert werden", sagte der Generalmusikdirektor. "Das ganze Verfahren ist aus meiner Sicht unglücklich verlaufen. Man hat nicht deutlich genug gesagt, was man von dem Architekturwettbewerb erwartet", betonte der Dirigent. "Es geht nicht um subjektiven Geschmack, sondern um konkrete Probleme, die nun für die nächsten 50 oder 100 Jahre gelöst werden
müssen", sagte Barenboim. Seine persönliche Meinung zu dem Vorschlag des Architekten Klaus Roth, den Staatsopern-Saal völlig umzubauen, "ist jetzt völlig unwichtig. Das war nur mein persönliches Gefühl." Das Wichtige sei, "dass die Querelen aufhören und wir einen Konsens haben zwischen Bund und Berlin. Darauf müssen wir bauen", betonte der Dirigent.

Zerbricht die Konstruktion der Berliner Opernlandschaft?

Die Entscheidung für den Paulick-Saal könnte die zerbrechliche Konstruktion der Berliner Opernlandschaft infrage stellen. Sogar eine Fusion von Staatsoper und Deutscher Oper wird befürchtet. Doch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hält an dem Fahrplan für den Umzug der Staatsoper während der Umbauzeit in das Schiller Theater von 2010 bis 2013 auch weiter fest.

Nun wird das Verfahren neu ausgeschrieben, sowie es Wowereit und Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) am Montag beschlossen haben. Der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz sagte, man könne die Bauherren nicht zwingen, etwas zu bauen, was sie nicht haben wollen. Berlin sei mutig in der modernen Architektur, "aber nicht an dieser Stelle", sagte er im RBB-Inforadio. Der Bund trägt den Löwenanteil der Umbaukosten. Neben dem Zuschauerraum soll vor allem die Bühnentechnik erneuert und ein unterirdisches Magazin gebaut werden.

Die Fraktion Die Linke im Abgeordnetenhaus zeigte sich erfreut über die Entscheidung. Mit der Bekräftigung des Denkmalschutzes werde die Aufbauleistung der DDR anerkannt. Die SPD erklärte, nun sei eine "bizarr anmutende Diskussion beendet".

Wiebke Gronemeyer/Esteban Engel/dpa