Architektur-Biennale - Länderpavillons

Umbau ist das neue Bilbao

Die Länderpavillons der Biennale: Keiner kann sie alle sehen, hier werden Trends sichtbar, und nationale Traditionen lassen sich besichtigen
Hier darf jeder alles:Rundgang durch die Pavillons

Biennale in Venedig: 13. Internationale Architekturausstellung: Russischer Pavillon

Länderpavillons können auf der Biennale machen, was sie wollen. Sie können sich dem Thema des Direktors widmen, sie dürfen es aber auch sein lassen.

Manche veranstalten Marketing für ihr Land, wie Peter Ramsauer, unser superbraun gebrannter Bauminister, der bei der Pressekonferenz zur Eröffnung des deutschen Präsentations-Anwesens in seiner geraden Art erzählt, dass ihn überall in der Welt Menschen immer wieder erstaunt fragen: "Wie macht ihr Deutschen das nur, dass ihr mit all den Herausforderungen so prima klar kommt?" Andere, wie die Spanier, zeigen einfach ein paar potentielle Exportschlager mit Ambitionen auf Stararchitektentum, die im Nationenhaus dann schamlos Werbung für sich selbst machen können.

Vor allem aber entwickeln die meisten Nationen über die Jahre einen persönlichen Stil. Wechselnde Regierungen und Kuratoren hin und her, Brasilien zeigt jedesmal, wie stolz sie auf ihre Moderne sind, und die Niederlande veranstalten immer etwas Witziges mit ihrem Gebäude (diesmal eine Vorhang-Rennbahn durch den ganzen Saal). Polen baut stets pseudogefährliche Großinstallationen (nach einem Selbstmördersprungbrett letztes Mal jetzt eine Erdbebenhalle), und Russland huldigt konsequent dem Größenwahn (diesmal in Form einer Wissenschaftsstadt bei Moskau in den Kosten-Dimensionen einer Marsbesiedlung). Österreichs Vorliebe für die Vision, gern a bisserl kitschig, ist ebenso ein Dauerbrenner wie die spießigen Präsentationen der Schweiz. Die skandinavischen Ländern häufeln mit Vorliebe junge Architekten zu didaktischen Präsentationen, Korea wird niemals lernen, dass mehr Bildschirme nicht gleich mehr Information sind. Dänemark rettet gerne die Welt, und Japan hat einen gewissen Hang zu Untergang und Wiederauferstehung, was sich angesichts der bösen Plattentektonik als Thema irgendwie selbst aufstellt. Stelzenhäuser von Stararchitekten als Provisorien für Tsunami-Opfer veranstalten heuer ein Pfahlsitzen auf Baumpfosten.

54 Länder machen diesmal mit, jedes Jahr ein paar neue, und weil die dekorierten Hütten in dem schönen Garten der Biennale natürlich alle längst vergeben sind, müssen Angola, Peru, Kosovo und Kuweit, die diesmal neu dabei sind, sich in der Stadt was suchen oder im Arsenale Unterschlupf finden. Das führt dazu, dass man von jedem, der behauptet, er habe alle Länderausstellungen und die zahlreichen Collateral Events verteilt über die Stadt und ihre Inseln gesehen, sicher sagen kann, dass er ein Lügner ist und nicht in den eigenen Freundeskreis gehört. Es ist einfach nicht möglich, außer man wohnt in Venedig. Und wer tut das schon?

Folgt man gewissen Erfahrungswerten (negativen wie: Hast du schon mal was Interessantes in Venezuela, Ägypten oder Uruguay gesehen? Positiven wie: Großbritannien ist eine launische Diva), dann verpasst man vielleicht Überraschungen. Zum Beispiel, dass der Pavillon der USA endlich mal Sinn macht, und zwar architektenfrei. Wurde hier in der Vergangenheit modische Blubbertheoreme oder falsch verstanden Kröpelkunst gezeigt, so präsentiert Amerika diesmal eine gewinnende Enzyklopädie städtischer Guerilla-Projekte. Von einer provisorischen Heiratskapelle für Lesben im Centralpark über spontane Parkplatzbeseitigung in Portland zur heimlichen Veredelung von städtischen Fruchtbäumen zeigt die schlicht konzipierte Ausstellung einfach zahlreiche Best-Practice-Beispiele für Do-it-yourself-Stadtplanung. Und ist damit näher am Thema "Common Ground" als die meisten Beiträge der von David Chipperfield kuratierten Hauptschau.

Auch ein paar Trends lassen sich in den Länderbeiträgen entdecken. Abstimmen ist groß in Mode. Die Neuen aus Kosovo zeigen prägende Gebäude ihres Landes aus allen Epochen und fragen echte und Internet-Menschen, welches Bauwerk sie am aufregendsten, am schönsten, am traurigsten finden und was ihren größten Zorn erregt. Bei den Spaniern soll der Besucher die Frage nach der größten Innovation in der Architektur mit einer Zeichnung beantworten. Und Partizipation, also die demokratische Planungskultur, ist überhaupt so generell der Renner, dass die Befürchtung angebracht scheint, der Begriff werde – bevor seine Notwendigkeit richtig begriffen wurde – schon so ein schleimiger Gummiparagraph wie "Nachhaltigkeit".

Ein anderes stilles Leitthema – und der deutsche Pavillonkurator Muck Petzet kann stolz sein, dass er bei der Aufzählung der Themensetzer ganz vorne mit dabei ist – handelt vom Reiz des Innehaltens. "Kein Territorium ist verloren", schallt es aus dem französischen Pavillon, der sich mit den kreativen Potenzialen der Pariser Randzonen beschäftigt, und gegenüber im deutschen wird in einer ziemlich gewöhnlichen Präsentation (von Konstantin Grcic) geantwortet, Umbau ist das neue Bilbao. Zahlreiche Beispiele für eine Schönheit, die aus dem Unbeachteten und Hässlichen gewonnen wurde, hat Petzet hier versammelt und macht daraus ein Programm. Verschwende deine Energie nicht an die neue Gestalt, Architekt, sondern "Reduce, Reuse, Recycle". Denn eine neue Sensbilität für die Ressource "Alltag" ist nicht nur moralisch korrekt und weltpolitisch sehr nett von uns. Die Beobachtung des Gewöhnlichen unter dem Gesichtspunkt seiner Möglichkeiten gibt dem cleveren Architekten ebenbürtige Gestaltungsmöglichkeiten wie dem Bildhauer für Neubauten – und vermeidet Alpen aus Bauschutt.

Auch im Regenland England hat man begriffen, dass immer nur Olympia-Bauten und Wolkenkratzer die Stadt nicht besser machen, also hat der Kurator hier ein paar Architekten in wärmere Länder geschickt, um neue Erfahrungen zurückzubringen. Einer hat in Argentinien gelernt, dass Architekten, die nichts zu tun haben, ihr Gesichtsfeld auf den Bauherren erweitern, also ihr Design selbst als Haus verkaufen können. Ein anderer bemerkte den holländischen Lebensstil auf dem Bootshaus als englandtauglich. Und auch der eine oder andere Schwachsinn wie Papierarchitektur wurde als Lehre heim gebracht. Warum auch nicht? Scheitern ist schließlich englischer Humor.
Erwähnung verdienen noch die Griechen, die der Agonie mit einem ausgesprochen vitalen und optimistischen Auftritt trotzen, in dem Energie, Enthusiasmus und Eigenintiative als großes Gesellschaftsspiel mit gutem Ausgang inszeniert wird. Die Dänen geben ihren Pavillon den Grönländern für etwas Nachhilfe in Staatswesen und schaffen dazu viel Atmosphäre mit Bildern von Walrossschnitzereien und Eisabbrüchen zu Nordlicht, Krabbenjagd und Rodeln. Natürlich zeigen die Dänischen Architektur-Darlings von BIG dazu wieder ein spektakuläres Projekt, einen Flughafen für Grönland in Kreuzform.

Und die Italiener selbst schaffen es tatsächlich, ihre riesige Ausstellungshalle im Arsenale so vermittlungstechnisch im Griff zu haben, dass der Titel "Made in Italy" die einzigen englischen Vokabeln der ganzen Präsentation enthält. Na ja, die meisten Servicekräfte, ob am Kiosk mit seinen kilometerlangen Warteschlangen, oder irgendwo im Feld, wo man mal eine Information bräuchte, sprechen ja auch nix Inglese. Man arbeitet ja nur auf einem internationalen Ausstellungsevent. Doch auf diesem hier machen eben alle, was sie wollen. Gut, dass Peter Ramsauer dafür nicht die Verantwortung trägt. Sonst wäre er vermutlich nur noch halb so braun.