Rafael Moneo - A Coruña

Man muss vor allem den Ort verstehen

Seine weltweiten Arbeiten sind preisgekrönt und reichen vom Anbau des Prado-Museums in Madrid über eine Stierkampfarena in Pamplona bis hin zu einer Kathedrale in Los Angeles. art sprach anlässlich seiner Retrospektive im nordspanischen A Coruña mit dem spanischen Architekten Rafael Moneo über seine Arbeit, sein Lebenswerk und heutige Perspektiven für junge spanische Architekten.

Rafael Moneo, 76 Jahre, gehört zu den bekanntesten Architekten Spaniens. 1996 wurde er als bisher einziger spanischer Architekt mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet.

2001 erhielt er den Mies van der Rohe Award for European Architecture für seinen Kursaal in San Sebstián und 2012 den als "spanischen Nobelpreis" bekannten Prinz-von-Asturien-Preis in der Sparte Kunst. Jetzt zeigt die Barrié-Stiftung im nordspanischen A Coruña die erste Retrospektive über sein architektonisches Lebenswerk.

Señor Moneo, die Ausstellung resümiert in 18 Projektmodellen, 143 Fotografien und 98 Originalzeichnungen Ihre berufliche Laufbahn. Was fühlen Sie dabei?

Man muss sich erneut mit längst vergangenen Projekten auseinandersetzen. Eine solche Ausstellung löst zweifellos eine sehr persönliche Reflexion über mein Leben und meine Arbeit aus.

Wenn Sie sich die Retrospektive anschauen, glauben Sie, dass sich Ihre Architektur im Laufe der Zeit verändert hat?

Ich glaube an eine gewisse Geradlinigkeit in meiner Arbeit und wünsche mir, dass die Ausstellung dies auch bestätigt.

José María Arias Mosquera, Vorsitzender der Barrié-Stiftung, erklärte, dass man nach Retrospektiven von Mies Van der Rohe, Le Corbusier und David Chipperfield mit Ihnen erneut einen Architekten ehrt, der die Architektur nicht als Spektakel oder Show ansieht, sondern als Verbindung zwischen Einwohnern und ihrem Lebensraum. Wie sehen Sie das?

Ich wünsche mir, dass meine Arbeit als Architekt von anderen als wichtiger Beitrag zur Geschichte oder zu einem konkreten Moment der Architektur angesehen wird.

Ihre Architektur versucht einfach, unauffällig und ehrlich zu sein. Wollten Sie niemals einen unverwechselbar persönlichen Stil entwickeln?

Es ist die Architektur im Allgemeinen, die zu einem gewissen Zeitpunkt einen Stil hat. Die Architekten geben höchstens eine persönliche Note. Ich halte es für übertrieben, bei Architekten von einem eigenen Stil zu sprechen. Es ist jedoch wahr, dass in den vergangenen Jahren einige Architekten in der Lage waren, ihre persönliche Ausdrucksweise in etwas zu verwandeln, das einem eigenen Stil nahe kommt. Als Beispiel würde ich hier Frank Gehry nennen. Ich wünsche mir, dass meine persönliche Ausdruckweise etwas zum Architekturstil meiner Zeit beigetragen hat.

Ist für Sie Architektur Kunst?

Nicht alles, was man baut, muss ein Kunstwerk sein. Aber es gibt Gebäude, die es sind.

Wollten Sie eigentlich schon immer Architekt werden?

Nach der Schule wusste ich zunächst nicht, was ich machen wollte. Ich studierte dann glücklicherweise Architektur. Aber ich hätte auch andere Dinge studieren wollen. Im Nachhinein habe ich mich aber richtig entschieden, und könnte ich nochmals entscheiden, würde ich wieder Architektur wählen.

Sie hätten auch Kunst studieren können. Neben der Architektur ist das Malen und Zeichnen doch Ihre Passion. Welche weiteren Leidenschaften hat Rafael Moneo, wenn er nicht gerade arbeitet?

Da haben Sie Recht, und ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Ich hätte viele Sachen machen wollen. Es stimmt auch, dass ich die meiste Zeit arbeite. Wenn ich das aber nicht gerade tue, lese ich viel, höre Musik und vor allem reise ich gerne. In den letzten Jahren trinke ich immer häufiger auch mal gerne einen guten Wein.

Welches war das schwierigste Projekt Ihrer Laufbahn?

Mit Blick auf die letzten Projekte die Erweiterung des Prado-Museums und die Kathedrale von Los Angeles. Beim Prado-Anbau gab es vor allem zahlreiche Probleme mit den Baumaterialien. Bei der Kathedrale war es der Anspruch an den Architekten, ein Gebäude mit einem symbolischen Wert zu versehen.

Welches sind für Sie persönlich Ihre herausragensten Gebäude?

Ich glaube, das sollten andere beantworten. Aber wenn ich antworten müsste, würde ich das Museum für Römische Kunst in Mérida, den Kursaal in San Sebastián und das Museum für Architektur und Moderne Kunst in Stockholm nennen… Aber belassen wir es dabei.

Und Ihr Lieblingsprojekt?

Das ist schwierig zu beantworten. Aber da ich in Madrid lebe und sehe, wie wichtig die Gebäude für die Stadt sind, würde ich die Erweiterung des Prado-Museums und den Atocha-Bahnhof nennen.

Welches Ihrer Gebäude würden Sie heute anders machen?

Es würde eingebildet klingen zu sagen, keines meiner Gebäude bräuchte Verbesserungen. Selbstkritik ist wichtig und ich möchte diese Tugend nicht verlieren. Aber im Allgemeinen würde ich die große Mehrheit meiner Gebäude wieder auf die gleiche Weise angehen wie früher.

Sie haben Kathedralen, Museen, Ministerien, Bahnhöfe und die verschiedensten Arten von Gebäuden gebaut. An welches Projekt würden Sie sich nicht herantrauen?

Das hängt wirklich vom genauen Auftrag ab, aber ich würde kein Projekt annehmen, bei dem ich nicht ein Minimum an Qualität erreichen könnte.

Sie sind der einzige spanische Pritzker-Preisträger. Wie hat die Auszeichnung Ihre Arbeit und Ihr Leben verändert?

Ich glaube nicht, dass sie mein Leben verändert hat. Aber sie erlöste mich von der Frage, ob ich irgendwann einmal den Preis erhalten werde oder nicht.

Haben Sie alles als Architekt erreicht, was Sie wollten? Gibt es noch einen Traum für die Zukunft?

Es gibt viele Städte, in denen ich gerne gearbeitet hätte, und viele Gebäude, die ich noch nicht gebaut habe. Aber mir ist bewusst, dass ich die Gelegenheit hatte, viele Dinge im Laufe meiner Karriere zu realisieren und durch meine Arbeit als Lehrer auch viele theoretische Probleme zu beantworten.

Sie sind jetzt 76 Jahre alt, planen aber anscheinend nicht, bald aufzuhören. Sind Sie eine Art spanischer Oscar Niemeyer?

Solange ich noch jeden Tag die Freude und Kraft habe, Lösungen für die Probleme meiner Projekte zu suchen, sehe ich keinen Grund, mit der Arbeit aufzuhören.

Welche neuen Projekte haben Sie denn derzeit?

Ich kümmere mich gerade um die Fertigstellung von Laboratorien der neurowissenschaftlichen Abteilung der Princeton-Universität und eines Museums der Universität von Navarra. Schon bald fangen wir zudem mit der Umgestaltung eines Platzes und dem Bau eines Hotels in Málaga an. Und natürlich warte ich immer noch darauf, die Verbindung zwischen den Madrider Bahnhöfen Atocha und Chamartín zu vollenden, ein Projekt, das seit einiger Zeit auf Eis liegt.

Wie gehen Sie ein neues Projekt an und welche Faktoren sind für Sie wichtig, um ein Gebäude zu entwerfen?

Man muss vor allem den Ort verstehen und seinen Anspruch, den er an die Architektur stellt. Danach geht es darum zu schauen, welche Antwort die Architektur auf die Probleme vor Ort geben kann.

Neben neuen Projekten unterrichten Sie auch noch in Madrid und verschiedenen anderen internationalen Hochschulen wie der Harvard Graduate School of Design. Wie hat das Unterrichten Ihre Arbeit als Architekt beeinflusst?

Zweifellos hilft uns der Kontakt mit der jungen Generation, die Entwicklung der Architektur besser zu verstehen. Gleichzeitig zwingt mich die Arbeit in der Ausbildung, die hohen Ansprüche an mich selbst zu halten.

Sie bildeten einige der besten spanischen Architekten aus. Ihre beiden Töchter sind selber in Ihre Fußstapfen getreten. Was ist das Wichtigste, das Sie jungen Architekten beibringen?

Ich glaube, eine architektonische Ausbildung erweitert unseren Blick auf die Welt, weil wir uns durch sie ständig fragen, wie sich das Aussehen der Dinge erklären lässt. Diese Frage habe ich mir ständig gestellt, und vielleicht ist es mir gelungen, anderen den Reiz dieser Weltsicht zu vermitteln. Wer mit mir gearbeitet hat, konnte lernen, Architektur als eine nicht von der Wirklichkeit losgelöste, rein stilistische Sache zu verstehen, was unsere tägliche Arbeit interessanter macht. Und da Sie schon meine Töchter Belén und Clara erwähnen, hoffe ich, dass sie der gleichen Meinung sind.

Sie gehören zu den angesehensten Architekten Ihres Landes und sind ein Vorbild für viele junge Architekten. Wer waren Ihre Vorbilder?

Ich gehöre zu einer Generation, für welche die Meister der Moderne wie Le Corbusier, Mies, Aalto und andere eine alles überragende Referenz darstellten. Ich hatte das Glück, mit zwei großen Architekten zusammenarbeiten zu dürfen – Francisco Javier Sáenz de Oíza und Jørn Utzon. Wir glaubten, etwas Wesentliches zur Geschichte beizutragen, indem wir ihrem Beispiel folgten. Die Situation heute ist eine gänzlich andere. Man sieht heute keine klare Zukunft mehr. Die geschichtliche Geradlinigkeit scheint verloren gegangen zu sein, und junge Architekten blicken heute mehr auf einzelne Architekten als auf aktuelle Probleme und Tendenzen in der Architektur.

Spanien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die Zukunftsperspektiven für junge Architekten sehen derzeit düster aus. Was sagen Sie angehenden Architekten?

Es stimmt, nach 30 guten Jahren ist die Situation für Architekten in Spanien derzeit deprimierend. Es wird schwierig sein, dass jemals wieder so viele öffentliche Gebäude und Wohnungen gebaut werden wie in der Vergangenheit. Unser Berufszweig wird sich auf weniger und kleinere Projekte einstellen müssen. Das heißt aber nicht, dass jüngere Architekten keine interessanten Projekte mehr angeboten bekommen werden. Auf der anderen Seite ist derzeit ein guter Moment zum Reisen, eine Sache, die ich immer für sehr wichtig gehalten habe.

Wie wird sich im Zuge der Krise die Architektur in Spanien verändern?

Sehr wahrscheinlich wird sie in den kommenden Jahren kontrollierter sein, gebrauchsfreundlicher für die Menschen, und die Exzesse der vergangenen Jahre werden verschwinden. Ich hoffe, das passiert, ohne dass die Architektur an Qualität und Intensität verliert.

Kurzbiografie:

Rafael Moneo Vallés wurde 1937 im nordspanischen Tudela geboren. Er studierte an der Technischen Hochschule für Architektur in Madrid (ETSAM). Zwischen 1958 und 1961 arbeitete er als Student mit Javier Saenz de Oiza in Madrid zusammen und mit Jørn Utzon während der Planung der Oper von Sydney. 1973 gründete er sein eigenes Architekturbüro in der spanischen Hauptstadt. Zu seinen wichtigsten Werken gehören so unterschiedliche Gebäude wie das Museum für Moderne Kunst in Stockholm, das Grand Hyatt Hotel in Berlin oder die Kathedrale von Los Angeles. In Spanien wurde Moneo vor allem für seinen Kursaal in San Sebastián, die Stierkampfarena in Pamplona, den Anbau des weltberühmten Prado-Museums, die Erweiterung des Madrider Atocha-Bahnhofs sowie für das Museum für Römische Kunst im südspanischen Mérida bekannt. Einen Namen machte sich Moneo vor allem auch als Architekturlehrer an den Technischen Hochschulen in Madrid und Barcelona. Moneo ist zudem Gastprofessor an der Hochschule für Architektur in Lausanne, Princeton und Harvard und leitet seit 1985 die Architekturabteilung der Harvard University.

RAFAEL MONEO

24. Oktober bis 30. März,
Fundación Barrié,
A Coruña,
Spanien
http://www.fundacionbarrie.org/en/activities/exhibitions/temporary-exhibitions/572

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