Frank Lloyd Wright - Traumhaus

Wright für den Wunschzettel

1949 entwarf Frank Lloyd Wright ein spektakuläres Anwesen auf einer herzförmigen Insel nördlich von New York. Realisiert wurde das "Massaro House" erst nach seinem Tod. Jetzt steht es mitsamt Gäste-Cottage, Atelier und Helipad für 19,9 Millionen Dollar zum Verkauf.

Man könnte in Manhatten in einen Hubschrauber steigen, über Hochhäuser und Hudson schwirren und 15 Minuten später auf dem Dach einer Architekturikone landen.

Vorausgesetzt man bringt knapp 20 Millionen Dollar mit. Dafür nämlich steht ein Anwesen auf der 40 000 Quadratmeter großen Privatinsel "Petre Island" im Lake Mahopac zum Verkauf, das Frank Lloyd Wright 1949 für seinen Auftraggeber, den Ingenieur Ahmed K. Chahroudi, plante. Bei einem gemeinsamen Mittagessen, an dem auch Edgar Kaufmann, der Besitzer von Wrights wohl berühmtesten Haus "Fallingwater" in Pennsylvania, teilnahm, sagte der damals 83-jährige Architekt: "Wenn ich das Haus auf der Insel fertig gestellt habe, wird es Fallingwater übertrumpfen."

Damals kehrte der legendäre Architekt von besagter Insel mit vollen Skizzenbüchern zurück. Im Alter radikaler und mutiger geworden, hatte er sich Folgendes ausgedacht: einen langgestreckten Bau am Ufer des Sees, der in einem Hexagon mündet und sieben Meter über das Wasser hinausragt. Von einer einzigen Säule gestützt würde es so wirken, als schwebten Wohnräume und Terrassendecks über dem See. Die Topografie der Insel wollte er in die Architektur integrieren. Doch im Gegensatz zu Fallingwater, dessen terrassenförmige Etagen dem Verlauf eines Wasserfalls folgen, scheinen sich die Felsblöcke auf seinen Skizzen die Architektur des Hauses regelrecht einzuverleiben: Er ließ sie durch Mauern schneiden und aus Fußböden ragen, setzte sie als Raumteiler ein und baute das Entree rund um einen meterhohen Brocken, genannt "Walfisch-Felsen", der bis kurz unter die aus dreieckigen Skylights zusammengesetzte Decke ragt. Von dort aus legte er die Raumfolgen strahlenförmig an, Bibliothek, vier Schlafzimmer, eine Küche, kleine Bäder und umlaufende Balkone.
Drei Monate arbeitete Wright an dem Projekt – leider nur für die Schublade. Sein Bauherr Chahroudi konnte die 50 000 Dollar, die der Architekt als Honorar forderte, nicht aufbringen. Frank Lloyd Wright stellte nur das Gäste-Cottage fertig.

1996, 37 Jahre später, begeisterte sich der amerikanische Stahl-Magnat Joseph Massaro für die Insel. Von seinem Haus am Ufer des Sees fuhr er wieder und wieder mit seinem Motorboot herüber und hinterließ Nachrichten für den Eigentümer. Als er ihn schließlich antraf, wurde man sich schnell einig. Massaro erwarb die Insel mitsamt Cottage und Wrights Originalplänen für 700 000 Dollar. Und: Er setzte sich in den Kopf, Frank Lloyd Wrights kühne Vision zu realisieren. Als erstes engagierte er den Architekten und früheren Wright-Schüler Thomas A. Heinz. Der wandelte die Zeichnungen des Architekten mit ArchiCAD in 3D-Modelle um und schuf damit zeitgemäße Bauvorlagen für das 460-Quadratmeter-Haus. Gebaut wurde lange, von 2003 bis 2007. Denn Verzögerungen gab es viele: Um Zement und Maschinen nicht mehr mühsam per Bot auf die Insel schaffen zu müssen, wartete das Bauteam bis der See zugefroren war und donnerte dann mit einer Traktoren-Kolonne zwischen Festland uns Insel hin und her, als wäre es eine Schnellstraße. Im Schlepptau: mit Baumaterialien beladene Schlitten aus zersägten Ölfässern. Um den ochsenblutroten Betonboden glatt zu gießen, arbeiteten 80 Arbeiter im Schichtdienst. Die Oberlichter über dem fünf Meter hohen Wohnraum sind Spezialanfertigungen. Ebenso das breite Kupfergesims, das das Gebäude säumt. Die Natursteinwand im Schlafzimmer wurde so kunstvoll geschichtet, dass jedes Gemälde davor verblassen würde. Und sämtliche Einbauten, vom Kleiderschrank bis hin zum Lüftungsraster, sind aus bernsteinfarbenem afrikanischen Mahagoni gefertigt. Selbst die Entwürfe Stühle, Schreibtische und Betten stammen aus Wrights Feder, nachgetischlert wurden sie von Kunstschreinern der Region.

Ein echter Wright – oder nur "inspired by"?

Richtig delikat wurde es, als sich die Frank-Lloyd-Wright-Stiftung einschaltete. Die Institution, 1940 gegründet, um den "intellektuellen Besitz" des Architekten zu schützen, wollte den Bau selbst überwachen. Weil ihr das nicht gelang, verklagte sie Joseph Massaro. Einig wurde man sich im Vergleich. Seitdem darf von dem Haus nur als "inspired by Frank Lloyd Wright" gesprochen werden, obwohl Massaro seine Originalpläne als Vorlage verwendete. Gestritten wurde über Details: Bei Wright ragen Felsen höchstens ein paar Zentimeter aus Wänden hervor – bei Massaro dagegen handbreit. Wright hatte die gläsernen Oberlichter flach konstruiert, Massaro wählte gewölbte, damit das Regenwasser ablaufen kann. Echte Anpassungen an heutige Bauvorgaben sind Schornsteinklappen für die sechs Kamine sowie Hightech-Belüftungs- und Heiztechnik.

So wie Joe Massaro sich in das Projekt stürzte (und sein Baubudget deutlich überschritt), taten es auch die Bauherren von rund 16 weiteren privaten und öffentlichen Wright-Bauten, die erst nach seinem Tod realisiert wurden. Tatsächlich wurden von Frank Lloyd Wrights rund 1100 Architekturentwürfen nur knapp 50 Prozent zu seinen Lebzeiten gebaut.
Trotz der minimalen Ergänzungen an heutige Anforderungen, ist Massaro House typisch Wright. Wer die Insel per Boot ansteuert sieht, wie Haus und Felsenlandschaft miteinander verschmelzen. Wenn dann noch Nebelschwaden über der Insel hängen ist das Mimikri perfekt. Lichten sich die Wolken, taucht die Silhouette des Hauses, dramatisch wie eine James-Bond-Residenz auf – und beweist wieder einmal, dass Frank Lloyd Wright seiner Zeit voraus war.

Nun will Joseph Massaro das mühsam geschaffene Insel-Anwesen verkaufen. Wer Adrenalinschübe mag und gerne großzügige Weihnachtsgeschenke macht, der kann auf der Website von AHA-Life die Kaufsumme von 19,9 Millionen Dollar in den virtuellen Einkaufswagen legen. Man darf ja wohl mal träumen.

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