Thomas Heatherwick - Aberystwyth/Wales

Der Schneidermeister

Der Londoner Designer und Architekt zeigt, wie Not erfinderisch macht. Inmitten eines walisischen Wäldchens errichtet er Atelierhäuser und findet für diese eine ganz ungewöhnliche Form.
Der Schneidermeister:Neue Atelierhäuser von Thomas Heatherwick

Aus dünnem Stahlblech macht Thomas Heatherwick ein stabiles Material, durch das die acht Atelierhäuser in dem walisischen Wäldchen ihre Umgebung reflektieren

Die acht Atelierhäuser stehen in einem Wäldchen in der Nähe des Kulturzentrums der Universität im wallisischen Aberystwyth. Ihre über ein hölzernes Tragwerk gestülpte Haut aus Edelstahl glänzt in der Sonne. Die scheunenähnlichen Gebäude sind in der Mitte auseinandergezogen, ein Glaskorridor sorgt für Licht und Lüftung. Schon vor Eröffnung waren alle Ateliers vergeben, an Künstler, Kulturorganisationen und Medienfirmen.

Wie immer bei seinen Projekten machte sich Thomas Heatherwick insbesondere Gedanken über die verwendenden Materialien. Für die Verkleidung der Gebäude entschied er sich für schönen und dauerhaften Edelstahl. Doch dessen Preis sprengte den eher bescheidenen Etat. Dünnes Stahlblech war billiger, doch nicht stabil genug. Seine Lösung ist wie immer bei ihm einfach, aber genial: Er entwarf eigens eine Maschine, eine Art altmodische, kurbelbetriebene Mangel oder Nudelwalze, mit der das glänzende Blech, das nicht viel dicker als Alufolie ist, zerknittert wurde – die wellenförmige Oberfläche macht es stabiler. Als "architektonischen Schneider" bezeichnet er sich bei diesem Prozess, der "einfache Formen mit einer außerordentlichen Haut" gebaut hat. In dieser Haut sollen sich die Bäume und das Gras spiegeln und so die Gebäude noch stärker in ihr Umfeld integrieren. Die ungewöhnliche Verkleidung der Ateliers ließ er, wie er das gerne tut, vor Ort herstellen.

Nicht immer waren die Projekte des Tausendsassas der Designszene, der unter anderem eine sich wie ein Igel zusammenrollende Ziehbrücke und eine aus 140 000 Glasperlen bestehende hängende Skulptur geschaffen hat, mit Erfolg beschieden. So begannen aus der in der Innenstadt von Manchester aufgestellten Plastik "B of the Bang" schon nach kurzer Zeit die spitzen Stahlrohre herauszufallen, die das Gebilde wie ein gigantisches Stachelschwein aussehen lassen. Die Stadt verklagte den Designer, er zahlte 1,7 Millionen Pfund Schadensersatz.

Die Atelierhäuser in Wales sind der jüngste architektonische Auftrag des jungen Londoner Designteams, zu denen auch das mit rostendem Stahl verkleidete East Beach Café am Strand von Littlehampton gehört. Im nächsten Jahr fogt dann die Eröffnung des von Heatherwick Studio entworfenen britischen Pavillons bei der Expo in Shanghai.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet